Christlicher Glaube und Biopolitik

Der Mensch als Objekt des Profits

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Möglichkeiten stellen uns vor grundsätzliche Fragen: Wie gehen wir mit der Natur um? Wie gehen wir mit der Gattung Mensch um? Was bedeutet Fortschritt heute? Es geht aber auch um ganz praktische Fragen: Werden in der Forschung und in der Wissenschaft die richtigen Schwerpunkte gesetzt, oder lassen wir uns von bestimmten Moden leiten? Kümmern wir uns um die Luxusprobleme von wenigen? Vernachlässigen wir darüber Forschungsfelder, die für viele Menschen überlebenswichtig sind? Hier wirft die Wissenschaft Fragen auf, die uns alle angehen. Sie müssen in der gesamten Gesellschaft diskutiert und sie müssen dann politisch entschieden werden.

Ganz gleich, was wir tun oder unterlassen, wir treffen immer auch wertende Entscheidungen - gewollt oder unbedacht, bewusst oder unbewusst. Auch wenn wir über die neuen Möglichkeiten der Biotechnik sprechen, geht es nicht in erster Linie um wissenschaftliche oder um technische Fragen. Zuerst und zuletzt geht es um Wertentscheidungen. Wir müssen wissen, welches Bild vom Menschen wir haben und wie wir leben wollen. Ethische Grundsätze zu formulieren, das heißt, sich auf Maßstäbe und auf Grenzen zu verständigen.

Es ist besonders schwierig, Grenzen dort zu setzen und zu akzeptieren, wo man dann auf bestimmte Vorteile verzichten muss. Es gibt eben Dinge, die wir nach christlicher Auffassung um keines tatsächlichen oder vermeintlichen Vorteils willen tun dürfen. Tabus sind nicht bloß Relikte vormoderner Gesellschaften, keine Zeichen von Irrationalität, sondern können das Ergebnis aufgeklärten Denkens und Handelns sein. Die Aussage, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ist auch ein Tabu. Sie ist das Ergebnis vieler geistiger Komponenten und auch eines äußerst schmerzlichen historischen Lernprozesses, in dem der Mensch seine Würde entdeckt, den vollen Gehalt dieser Entdeckung auszuschöpfen und ihn rundum anzuerkennen beginnt.

Was in der Biotechnologie und in der Fortpflanzungsmedizin geschieht oder möglich ist, das hat in einem wesentlichen Punkt eine völlig neue Qualität (verglichen mit den bisherigen Diskussionen, z.B. die Nutzung der Atomenergie): Es geht nicht mehr allein um technologische Chancen und Risiken für Mensch und Umwelt. Zum ersten Mal scheint die Menschheit fähig, den Menschen selber zu verändern und ihn genetisch neu zu entwerfen. Diese Möglichkeiten und Vorhaben stehen im Widerspruch zu einem einfachen Grundsatz, der das Fundament der christlichen Ethik darstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Werden ethische Überzeugungen zur Privatangelegenheit, könnte es sehr schnell passieren, dass Fortschrittsvorstellungen durchgesetzt werden, die den "perfekten Menschen" zum Maßstab haben. Die Optimierung zum Stärksten und Besten könnte zu einer gängigen Vorstellung werden. Wird dann nicht der menschliche Körper selbst zur Ware und zu einem Gegenstand ökonomischen Kalküls? Etwas ethisch Unvertretbares wird nicht deshalb zulässig, weil es wirtschaftlichen Nutzen verspricht. Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente.

Die Würde des Menschen oder die Würde der Person?

Besonders im anglo-amerikanischen Raum gibt es die Konzeption einer besonderen, nicht jedem Menschen zukommenden "Personwürde". Es wird also zwischen "Mensch" und "Person" differenziert. Wenn der aus menschlichen Keimzellen entstandene Embryo ein "Mensch" ist - was sonst als eben ein solcher im Frühstadium? -, dann hat er Anteil an der unantastbaren Würde, die auch jedem anderen Menschen zusteht. Was immer dann Inhalt des Achtungsanspruchs sein mag, der sich aus der "unantastbaren Würde" des Menschen ergibt, der Embryo hätte zumindest einen Anspruch darauf, nicht für fremdnützige Zwecke "verbraucht" oder "verworfen" zu werden.

Allein die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch sieht das Christentum als ausreichend an, um den Anspruch auf Achtung der Menschenwürde auszulösen. Wird bezweifelt, ob Embryonen derselbe Menschenwürdeschutz zusteht wie geborenen Menschen, so wird dadurch der Ansatz einer Selektion ermöglicht. Würde aber ein Präzedenzfall der Selektion legalisiert, könnte niemand wissen, ob nicht auch irgendwann einmal eine zusätzliche, das Leben beendende Variante zugelassen wird.

Über den Beginn des menschlichen Lebens

Der Beginn des schutzwürdigen menschlichen Lebens ist die befruchtete Eizelle. Wer diese Auffassung nicht teilt, der muss die Frage beantworten: Ab welchem anderen Zeitpunkt sollte menschliches Leben absolut geschützt werden? Und warum erst ab diesem späteren Zeitpunkt? Wäre nicht jede andere Grenzziehung willkürlich und dem Druck auf neuerliche Veränderung ausgesetzt? Bestünde nicht die Gefahr, dass andere Interessen dann höher rangierten als der Schutz des Lebens? Das ethisch Verantwortbare müsste stets neu den technischen Möglichkeiten angepasst werden. Auch hochrangige Ziele wissenschaftlicher Forschung dürfen nicht darüber bestimmen, ab wann menschliches Leben geschützt werden soll.

Abtreibung

Eine breite Mehrheit der Abgeordneten des Parlaments war der Überzeugung, dass das Leben des Kindes nicht gegen den Willen der Frau geschützt werden kann und dass Beratung und praktische Unterstützung besser schützen als die Strafandrohung. Darum wird Abtreibung unter bestimmten Bedingungen straffrei gestellt. Unabhängig davon hält das Christentum daran fest, dass vom Zeitpunkt der Befruchtung an die Menschenwürde die Schutzwürdigkeit dieses Lebens ergibt. Das von der Gesetzgebung unberührte Problem ist aber ein ganz anderes. So sehr jeder Mensch seinen Eltern verdankt, dass er da ist und nicht nicht ist, also so sehr das menschliche Dasein sozial bedingt ist, so sehr ist das Individuum, so die christliche Lehre, nicht aus der Welt vorher ableitbar. Mit jedem Menschen hat etwas unverwechselbar Neues angefangen: Ein Ich. Dieses Ich wird sich immer mehr bewusst, dass es einmal angefangen hat und einmal nicht mehr da sein wird. Das Dasein ist vom Nichtdasein eingeschlossen, das durch eine Abtreibung einen Ausdruck findet.

Präimplantationsdiagnostik

Hier geht es um die Frage: Soll bei einer künstlichen Befruchtung ein Embryo auf genetische Schäden untersucht werden, bevor er in den Körper einer Frau eingepflanzt wird? Darf der Embryo beseitigt oder darf er verwertet werden, wenn ein genetischer Defekt festgestellt wird? Dieses Verfahren - so sagen seine Befürworter - soll nur in ganz wenigen Fällen angewendet werden, nämlich bei Paaren, bei denen mit schweren Erbschäden gerechnet werden muss. Selbst nach Auffassung ihrer Befürworter handelt es sich also um eine Methode, die so problematisch ist, dass sie nur ganz selten eingesetzt werden soll. - obwohl sie in Tausenden von Fällen angewendet werden könnte. Deshalb stellt sich die Frage: Wäre eine solche Beschränkung einzuhalten, wenn die Erlaubnis einmal grundsätzlich gegeben ist?

Kinder sind ein Geschenk. Noch so verständliche Wünsche und Sehnsüchte sind keine Rechte. Es gibt kein Recht auf Kinder. Aber es gibt sehr wohl ein Recht der Kinder auf liebende Eltern - und vor allem das Recht darauf, um ihrer selbst willen zur Welt zu kommen und geliebt zu werden.

Behinderung

Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des einzelnen gehören spätestens seit der Aufklärung zu den großen Errungenschaften unserer Zivilisation. Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen hat herausragende Bedeutung. Selbstbestimmung ist aber an Voraussetzungen gebunden und hat Grenzen. Außerdem führt nicht jede zusätzliche Wahlmöglichkeit zu mehr Freiheit. Was wie freie Selbstbestimmung aussieht, kann sich in faktischen Zwang umkehren.

Wird nicht in Zukunft nicht immer öfter die Frage gestellt werden, ob es denn nötig gewesen sei, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen? Könnte so Behinderung vorwerfbar werden? Wird sie als Schädigung der Gesellschaft verstanden werden?

Euthanasie

Wo es um das Ende des eigenen Lebens geht, da scheint ein Argument auf den ersten Blick besonders zu überzeugen: das Argument der Selbstbestimmung des Menschen, der Autonomie.

Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet. Was die Selbstbestimmung des Menschen zu stärken scheint, kann ihn in Wahrheit erpressbar machen. In den Niederlanden berufen sich die Gegner des Gesetzes vom 13. April 2001 auf eine staatlich geförderte wissenschaftliche Studie, die darauf verwies, dass es während der sogenannten Erprobungsphase vor der gesetzlichen Regelung der aktiven Sterbehilfe jährlich tausend Fälle gab, in denen "lebensbeendende Handlungen ohne ausdrücklichen Wunsch" des Getöteten vorgenommen worden sind.

Viele Menschen sind deshalb für aktive Sterbehilfe, weil sie große Angst davor haben, am Ende ihres Lebens Leid und Schmerzen nicht mehr auszuhalten, ihnen hilflos ausgesetzt zu sein. Sie haben Angst davor, sie würden allein gelassen oder sie fielen anderen zur Last. Sie haben Angst davor, Schmerzen nicht mehr ertragen zu können und würdelos dahinzusiechen.

Die aktive Sterbehilfe ist aber nicht die einzig mögliche Antwort auf diese verständliche Verzweiflung. Die wirksamste medizinische Hilfe ist in vielen Fällen eine gute Schmerztherapie. Allerdings ist sie ein Feld, das lange Zeit völlig vernachlässigt wurde.

Resümee

Wer einmal anfängt, zwischen lebenswert und lebensunwert zu unterscheiden, der ist bereits auf einer Bahn ohne Halt. Nichts darf über die Würde des einzelnen Menschen gestellt werden. Sein Recht auf Freiheit, auf Selbstbestimmung und auf Achtung seiner Würde darf keinem Zweck geopfert werden. Wer den Schutz des menschlichen Lebens an seinem Beginn aufgibt, der wird das bald auch für das Ende des Lebens geltend machen. Es könnte dann gefragt werden: Können wir uns den hohen Pflegeaufwand am Ende des Lebens leisten? Wäre es nicht ökonomisch vernünftiger, Alte und Kranke willigten rechtzeitig in die Sterbehilfe ein?

Wenn wir so tun, als seien unsere Möglichkeiten grenzenlos, dann können wir das menschliche Maß verlieren. Die Fragen nach Leben und Sterben betreffen alle Menschen. Deshalb dürfen sie nicht allein die Sache von Experten sein. Wer die Entscheidungen über das, was gemacht werden soll, der Wissenschaft überlassen will, der verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft, Politik und Moral. Die Menschen müssen sich immer wieder neu darauf verständigen, welche Richtung sie dem Fortschritt geben wollen, welche Grenzen sollen überschritten und welche sollen akzeptiert werden. Welche Möglichkeiten machen unser Leben wirklich freier und welche unterwerfen uns bloß neuen Zwängen. Allerdings ist klar, dass die Grundrechte des Menschen keine unmittelbar anwendbaren Regelungen darstellen. Es handelt sich im Grunde um Prinzipien, die überhaupt erst konkretisiert werden müssen, um angewendet werden zu können.

Nicht alles, was sich an den Grenzen dessen abspielt, was bisher Moral genannt wurde, ist schon innovativ. Natürlich ist es für manche verführerisch, zu glauben, die Grundwerte müssten sich ständig neuen technischen Entwicklungen anpassen, aber weder wissenschaftliche noch ökonomische Rationalitätskriterien entscheiden alleine darüber, was Werte sind.

Noch eine Anmerkung:

Gene sind Informationsträger für den Bau von Eiweißen. Gene in verschiedenen Organismen können nicht nur eine identische oder zumindest ähnliche Zusammensetzung und Struktur haben, sondern sie können auch die gleichen oder ähnliche Funktionen aufweisen. So existiert z.B. ein übergeordnetes Gen, ein "Mastergen", welches die Augenentwicklung steuert, sowohl beim Menschen wie bei der Maus, beim Tintenfisch und bei der Fruchtfliege Drosophila. Versuche haben gezeigt, dass augenlose Mutanten dieser Tierarten nach Zufügen des entsprechenden intakten Gens der anderen Arten wieder normale Augen entwickeln können. Gemäß heutigem Wissensstand teilt der Mensch den weitaus größten Teil seiner Gene mit denen der Maus und mehr als 99% seiner Gene mit denen des Zwergschimpansen. Es kann also sein, dass ein identisches Gen einmal als "menschliches" Gen, einmal als Zwergschimpansen-Gen, einmal als Mäuse-Gen oder als Bakterien-Gen bezeichnet wird, weil es sowohl beim Menschen wie auch bei der Maus oder bei Bakterien vorkommt. Die Einfügung eines Menschen-Gens kann z.B. einen Lachs größer machen, aber keineswegs "menschlicher". Menschen-Gene unterscheiden sich in ihrer Beschaffenheit nicht von den Genen anderer Lebewesen. Gene sind also nicht direkt Gegenstand moralischer Bewertung, sondern nur indirekt über den Eigenwert desjenigen, dessen Gene sie sind. Die genetische und die gentechnische Veränderung eines Lebewesens und der Eingriff in sein Genom stellen nicht zwingend eine Missachtung seines Eigenwertes oder seiner Würde dar.


   
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