Die Chinamission

Die Anfänge

1429 hatte die Ming-Dynastie (1368-1644) die chinesischen Grenzen hermetisch abgeriegelt, sodass die Kenntnisse über das Abendland nach und nach verschwanden. Die einzigen nicht tributpflichtigen Völker, die mit China noch Kontakt hatten, waren die Portugiesen und die Japaner. In China herrschte eine hierarchisch gegliederte Beamtenschaft der sogenannten Mandarine (vom lat. mandare - befehlen, ein über das Portugiesische gebildeter Begriff). Die Mandarine wurden mittels eines strengen Prüfungssystems bestellt und mussten die Ordnung im Reich aufrechterhalten. Die Basis bildete das Volk, an der Spitze stand der Kaiser, der als "Sohn des Himmels" für die Harmonie und Ordnung zwischen Himmel und Erde verantwortlich war.

Einer der Gründe für den Neuanfang der Missionstätigkeit in China lag im Elan der Gegenreformation, der in den von den Spaniern und Portugiesen neu entdeckten Gebieten ein ungeheures Betätigungsfeld fand. Neben den alten Orden z.B. der Dominikaner oder der Franziskaner stieg der Jesuitenorden zu besonderer Bedeutung auf, da er die Missionstätigkeit als seine wichtigste Aufgabe betrachtete.

Die Orden entwickelten eine neue Missionsstrategie, denn die Völker des Fernen Ostens ließen sich nicht einfach durch Massentaufen äußerlich zum Christentum bekehren. Aus ihren Erfahrungen mit den Europäern mussten sie annehmen, dass diese eroberungssüchtige, ungebildete Barbaren waren, denen sich die Chinesen kulturell hoch überlegen fühlten. Nach traditionellen Missionsmethoden bedeutete ein Christ zu werden, einen europäischen Namen anzunehmen und die eigene kulturelle und nationale Identität aufgeben zu müssen.

Es gab etliche vergebliche Anläufe der Chinamission. Vergeblich war z.B. auch der Versuch des Franz Xaver (1506-1552), eines der ersten Gefährten des lgnatius von Loyola, nach China zu gelangen. 1549 begab er sich nach Südjapan, wo er erfuhr, dass China für Japan die eigentliche Quelle der Zivilisation und Kultur wäre, d.h. eine von China nicht akzeptierte Religion war auch für die Japaner nicht annehmbar. Doch Franz Xaver starb auf der Insel Shangzuhuan, sein Ziel vor Augen. Während seines Aufenthaltes in Japan (1549-1551) hatte er buddhistische Mönche getroffen und war dabei zur Ansicht gelangt, dass der Buddhismus wertlos sei, eine Haltung, die die Jesuiten lange Zeit beibehielten.

Franz Xaver formulierte einige wichtige Prinzipien der Mission. Die Missionare sollten Wissenschaftler sein, denn die Chinesen und Japaner schätzten nichts so sehr wie die Wissenschaften. Um die Menschen wirklich erreichen zu können, sollten die Missionare zuerst deren Sprache erlernen, eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Forderung. Die Missionare sollten sich als integraler Teil der jeweiligen Zivilisation fühlen und den Konventionen des jeweiligen Landes folgen, sie sollten Chinesen werden, um China für das Christentum zu gewinnen. Die Bekehrung sollte mit dem Kaiser und den Hochgestellten des Reiches beginnen, da das Volk ihnen dann folgen würde.

Die Akkomodationsmethode in China

Als dringendstes Problem, mit dem die Chinamission konfrontiert war, wurde das Sprachproblem erkannt. Als erster Europäer der Neuzeit, der Chinesisch lernte und sich mit dem Konfuzianismus beschäftigte, gilt der Jesuit Michele Ruggieri (1543-1607). Seine Studien waren mühsam, da es keine Lehrbücher, keine Sprachlehrer gab, noch dazu wurde er von den anderen Europäern in Macao, der portugiesischen Enklave, wo sich auch der Stützpunkt der Missionare befand, mit Mißtrauen beobachtet. Bald gewann er durch seine Sprachkenntnisse und die Beachtung der chinesischen Höflichkeitsformen Ansehen unter den chinesischen Beamten.

Nach Ruggieri übernahm Matteo Ricci (1552-1610) die Aufgabe, dem Christentum Zugang nach China zu verschaffen. Er erreichte dieses Ziel, indem er die von Franz Xaver und anderen skizzierte Akkomodationsmethode ausbaute. Er war nicht nur Theologe, sondern hatte auch in Paris Mathematik und Astronomie studiert. Er kleidete sich in China nach Art der Gelehrten mit seidenen Gewändern. Aber nicht nur äußerlich passte er sich an, sondern auch in der Ausdrucksweise und Terminologie. Mit einer Weltkarte, die er anfertigte und auf der China in der Mitte lag, mit Uhren, Musikinstrumenten, perspektivisch gemalten Bildern, Prismen, wissenschaftlichen Geräten erwarb er schnell den Ruf eines gelehrten Mannes. Dank des naturwissenschaftlich-technischen Wissens war Ricci den Chinesen in vielen Bereichen überlegen. Sein Ziel war es, bis zum Kaiser nach Peking vorzudringen.

Die Kaiser lebten völlig abgeschlossen, aber es gelang ihm, dem Kaiser eine kunstvolle Uhr überreichen zu lassen, die dessen große Bewunderung fand. Die Uhren und Musikinstrumente der Missionare dienten dazu, ein erstes Interesse der Chinesen zu wecken. Als weiteres Mittel verfassten sie Bücher über naturwissenschaftliche, philosophische und religiöse Themen. Sie erlangten auch das Wohlwollen und sogar die Freundschaft chinesischer Gelehrter, die ihnen bei der Formulierung der Texte wertvolle Hilfe leisteten.

Die Missionare begannen, den Konfuzianismus als Weltweisheit anzusehen und dadurch als mit dem Christentum vereinbar zu betrachten. Der alte Konfuzianismus wurde als Naturreligion angesehen, die allen Heiden ins Herz geschrieben sei. Dadurch sollten nach Meinung der Jesuiten die Chinesen verhältnismäßig leicht zum Christentum geführt werden, da dies nur die folgerichtige Ergänzung des Ur-Konfuzianismus darstellte.

Die Rolle der Astronomie in der Mission

Der offizielle chinesische Jahreskalender, von dem die Riten des vor allem von der Agrarwirtschaft bestimmten Reiches abhingen und den der Kaiser alljährlich seinen tributpflichtigen Vasallen übergab, befand sich in einem desolaten Zustand, da er nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Die Astronomie war die Staatswissenschaft schlechthin und Gestirnsbeobachtungen wurden regelmäßig aufgezeichnet. Ein "Astronomisches Amt" war für den Jahreskalender zuständig, mit dessen Hilfe das menschliche Leben harmonisch in die Kräfte des Kosmos eingefügt werden sollte. Für jede kaiserliche Handlung musste der richtige Zeitpunkt vorausberechnet werden. Aus Unkenntnis ließ man die astronomischen Instrumente und Tabellen verkommen und allmählich konnte das Amt nicht mehr mit kompetenten Astronomen besetzt werden. Eine Sonnenfinsternis am 21. Juni 1629 wurde nur von den Jesuiten richtig vorausberechnet, nicht aber von den chinesischen und muslimischen Astronomen. In der Folge wurde Johann Adam Schall von Bell, ein Schüler und Freund Galileo Galileis, Direktor des Astronomischen Amtes. Die Mission gestaltete sich immer erfolgreicher. Bald kamen auch andere Orden nach China, die jedoch die erfolgreiche Methode der Jesuiten ablehnten.

Das Ende der erfolgreichen Missionstätigkeit

Das kaiserliche Toleranzedikt des Jahres 1692 war eine Belohnung der Verdienste der Jesuiten. Um 1720 zählte man rund 300.000 Katholiken.

Es kam zu Auseinandersetzungen über die Akkomodationsmethode und durch Intrigen, nationale Animositäten unter den verschiedenen Nationen der Mission betreibenden Orden wurde vom Papst jede Akkomodation verboten.

1724 wurde das Christentum durch den Staat verboten. Daraufhin die Chinamission rasch ihr Ende. Die Kirche bestand mehr oder weniger im Verborgenen weiter. Dies hat sich bis heute - trotz wechselhafter politischer Umwälzungen - nicht geändert.


   
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