Die Rolle der Kirche während der "conquista" im 16. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung des Bischofs Bartolomé de Las Casas

Begriffsklärung

Unter Conquista (lat.-span.) versteht man vor allem die spanische Eroberung Mittel- und Südamerikas im 16. Jahrhundert. Die indianischen Reiche wurden erobert und in das spanische Reich eingegliedert.

Chronologie der Eroberungen

1519 begann die Eroberung des Kontinents. Die Spanier befanden sich bis zu diesem Zeitpunkt auf den Großen Antillen (Kuba, Puerto Rico, Hispaniola (Haiti, heute geteilt in Haiti und Dominikanische Republik), wo am 6. Dezember 1492 Kolumbus gelandet war). Es gab bereits 5 Bistümer.

Die Conquista des Kontinents ging außerordentlich rasch voran. 1551 gab es das erste Regionalkonzil Amerikas in der Erzdiözese Lima. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die wesentlichen Grundlagen des späteren spanischen Weltreichs für drei Jahrhunderte gelegt worden, die besiegten Völker waren verwaltungsmäßig erfasst und getauft oder wenigstens im christlichen Glauben unterrichtet worden. Panama wurde zur Basis für die Eroberung des Inkareiches. Es fiel zwischen 1523 und 1537 Francisco Pizarro und Diego de Almagro in die Hände. 1532 machte sich der Dominikaner Vicente Valverde zum Komplizen einer List Pizarros. Dieser legalistisch gesinnte Conquistador suchte mit 185 Spaniern (und 27 Pferden), die einer Armee von dreißig- bis vierzigtausend Kriegern gegenüberstanden, das Inkareich zu erobern. Der Dominikaner, der sich mehrmals der Habgier und Gewalttätigkeit der Eroberer widersetzt hatte, schritt mit der Bibel in der Hand auf den Inka zu und befahl ihm mit Hilfe eines Dolmetschers, die päpstliche Schenkung Westindiens an den König von Spanien, als dessen Untertan er sich anzusehen habe, anzuerkennen. Es handelte sich hier um den berühmten, 1513 ausgearbeiteten Aufforderungsakt, den Las Casas so oft verwarf. Der Inka nahm die Bibel und warf sie auf den Boden. Dieser Zornesausbruch war für die Spanier das Zeichen zum Angriff. Atahualpa, der Inka, wurde gefangengenommen und in der katholischen Religion unterwiesen. Das Inkareich hatte so mit der Person des göttlichen Stellvertreters der Sonne sein Haupt verloren. Im Rahmen dieser Geschehnisse kam es zu einer berüchtigten Episode. Pizarro forderte von Atahualpa als Lösepreis für seine Freilassung fast 6000 Kilogramm Gold und über 11000 Kilogramm Silber. Dieser Lösepreis wurde aufgebracht, trotzdem wurde gegen den Inka ein Prozess geführt. Atahualpa wurde getauft und am 29. August 1533 hingerichtet. In Spanien verwarfen Theologen dieses Verbrechen, aber Amerika war weit weg.

Politische und religiöse Kolonialisierung

Am 15. November 1533 eroberten die Spanier Cuzco (Peru), die heilige Stadt der Inkas. Für die Inkas war diese Eroberung ein "Umsturz der Welt". Die Ausschreitungen und Forderungen der in Cuzco angesiedelten Spanier führten innerhalb kurzer Zeit zu indianischen Revolten. Nach der für das kriegerische Christentum der "reconquista" so überaus bezeichnenden Legende wurden die Spanier auch jetzt durch eine doppelte Erscheinung gerettet: Die Jungfrau Maria soll die Aufständischen mit ihrem strahlenden Licht geblendet haben und der heilige Jakobus soll auf seinem Pferd gesehen worden sein. Diese zwei Wunder blieben im Bewusstsein der Indios bis heute unauslöschlich haften - ein Zeichen für deren seelische Kolonialisierung.

In Zentralmexiko und in Peru bestand ein Straßennetz, das das Eindringen, die Ausbeutung und die Christianisierung erleichterte. In Guatemala und Peru existierten Religionen, die sich nicht mit mündlich überlieferten Mythen und leicht zu versteckenden Sakralgegenständen zufriedengaben, sondern die auch nach außen hin sinnfällig in Erscheinung traten in auffälligen Kulten, in Scharen von Priestern und eindrucksvollen Tempelbauten. Die Spanier zerstörten sie, um das Trauma der Eroberung noch zu vertiefen und die "verwaisten" Indios in die Arme der Missions-"väter" zu treiben. War die Elite einmal besiegt, ausgerottet oder integriert, konnte das Volk nicht anders, als sich den Europäern zu unterwerfen, die ja die göttliche Rasse seiner Herren überwunden hatten. Es genügte in diesen Gebieten also eine Handvoll Eroberer und Ordensleute sowie in ihrem Gefolge einige Tausend Siedler, um das Land fest im Griff zu haben. Die Conquista kam jedoch zum Stillstand, sobald die Grenzen der am dichtesten bevölkerten Zonen überschritten wurden. Umherwandernde Bauern und Nomaden wurden von den Spaniern nie ganz besiegt.

An der Seite der spanischen Zivilverwaltung standen die kirchlichen Obrigkeiten. Auch sie hingen aufgrund der Schirmherrschaft vom König ab. Sie trugen damit zum politischen Machteinfluß der Krone bei, wenn auch manche Bischöfe ihre geistige Unabhängigkeit zu wahren wußten. Die von den Spaniern gegründeten Städte waren im Geist der Renaissance konzipierte Modelle. Um den Hauptplatz der Stadt standen jene Gebäude, in denen die drei sich gegenseitig ergänzenden und zuweilen befehdenden Gewalten ihren Sitz hatten: die Hauptkirche oder Kathedrale, die Casa del Cabildo ("Rathaus") und, je nach der Bedeutung der Stadt, der Palast des Vizekönigs. Nicht weit vom Platz befanden sich die Klöster der Bettelorden und das Haus der Jesuiten, die oft sozial integrativ wirkten. Die Jesuiten wachten über die Weißen und zugleich über die Indios, welche zusammen mit den Mestizen (span., vermischt, Mischlinge zwischen Weißen und Indianern) und Schwarzen an den Rand der spanischen Stadt gedrängt waren, was ihre Bruderschaften nicht hinderte, an den zum Hauptplatz und zur Kirche ziehenden Prozessionen teilzunehmen.

Bartolomé de Las Casas

Er war zunächst kein professioneller Theologe, sondern war Siedler und Planer des königlichen Kolonialsystems. An der Küste Venezuelas wollte er eine friedliche Kolonisierung herbeiführen, scheiterte jedoch infolge gewalttätiger Handlungen spanischer Beamter und Kaufleute. 1523 wurde er nach sieben Jahren gediegener juristischer und theologischer Ausbildung Dominikaner. Im Lauf seines Lebens überquerte er zehnmal den Atlantik.

Las Casas stand in der thomistischen Tradition des Naturrechts, die ihn dazu führte, zeit seines Lebens gegen die zahlreichen Missstände der katholischen Kolonisierung aufzutreten. Er lehrte, daß der Papst eine Gewalt über die Heiden "in potentia" habe. Damit sie aber rechtskräftig sei, müßten sich die Heiden freiwillig bekehren. Der Papst habe zwar das Recht, die kirchlichen Befugnisse einem christlichen Monarchen zu übertragen, aber wirksam werde es nur, wenn es von den eingeborenen Königen und den Völkern gebilligt werde. Las Casas bestätigte in seinem Testament "De Regia Potestate", daß "das Volk der ... letzte Grund der Könige und Fürsten ist, sodass sie ihren Ursprung im Volk durch freie Wahl (per liberam electionem) haben". Gemäß seiner Auffassung waren alle Eroberungen der Spanier illegitim und tyrannisch. Die Indios hatten das Recht auf Verteidigung. Um seine Forderungen durchzusetzen, benutzte er, inzwischen Bischof von Chiapas, die Waffe der Absolutionsverweigerung. Deshalb kam es zur Wiedereinsetzung des christlichen Inka von Vilcabamba auf den Thron von Peru.

Letztlich aber war ein solcher Radikalismus, der noch nach dem Tod des Las Casas im Jahre 1566 nicht wenige Dominikaner und Jesuiten faszinierte, undurchführbar geworden. Daher nahmen einige Zuflucht zur Utopie als Entwurf von etwas, das man in einem Land verwirklichen würde, das nicht existierte.

Papst Paul III. (1534-1549) veröffentlichte am 29.Mai 1537 das Breve (Päpstlicher Erlass) "Pastorale officium" über das Recht aller Menschen auf Freiheit und Eigentum, das an den Erzbischof von Toledo gerichtet war. Darin heißt es: "Es gelangte nämlich zu unseren Ohren, dass Karl, der Kaiser der Römer, [...] um diejenigen zurückzudrängen, die, vor Begierde kochend, gegen die menschliche Gattung eine unmenschliche Gesinnung in sich tragen, in einem öffentlichen Erlass allen ihm Unterworfenen verboten hat, dass sich einer unterstehe, die West- oder Südinder in die Sklaverei zu führen oder sie ihrer Güter zu berauben. Da Wir also die Absicht haben, dass diese Inder, auch wenn sie sich außerhalb des Schoßes der Kirche befinden, dennoch nicht ihrer Freiheit oder der Herrschaft über ihren Besitz beraubt oder zu berauben seien, da sie Menschen und deshalb fähig zum Glauben und zum Heil sind, dass sie nicht durch Sklaverei vernichtet, sondern durch Predigten und Beispiele zum Leben eingeladen werden sollen, und da Wir außerdem die so ruchlosen Unterfangen solch gottloser Menschen zurückdrängen und Vorsorge zu treffen wünschen, dass sie nicht, durch Ungerechtigkeiten und Nachteile verbittert, weniger geneigt werden, den Glauben an Christus anzunehmen, tragen Wir Deiner Umsicht [...] auf, dass Du [...] allen und den einzelnen jedweden Ranges [...] unter der Tatstrafe der Exkommunikation [...] strengstens verbietest, sich in irgendeiner Weise zu unterstehen, die vorgenannten Inder in einer beliebigen Weise in die Knechtschaft zu führen oder sie ihrer Güter zu berauben."

Las Casas verteidigte die Indios, dass sie über die volle Vernunft verfügen. Er lehrte, dass alle Menschen die Fähigkeit zum Fortschritt auf dem Weg der Zivilisation haben. "Es ist so, dass die ganze Linie der Menschheit eine einzige ist, und alle Menschen sind ähnlich durch ihren Ursprung und ihr Wesen, und keiner wird gelehrt geboren; und so müssen wir alle zu Beginn des Lebens geleitet und unterstützt werden durch diejenigen, die vor uns geboren sind." (Las Casas, Apologetica historia I, Kap. 48, 165f)

Der Argumentation des Las Casas hielt man z.B. die Menschenopfer der Azteken entgegen. Er entgegnete, dass ihr Polytheismus und ihre Menschenopfer ihre tiefe Religiosität und die hohe Vorstellung vom Göttlichen offenbarten, denn sie waren fähig, ihnen das wertvollste Gut zu opfern, das Leben. Der Glaube des Las Casas an den Fortschritt aller Völker auf dem Weg der Zivilisation wurde durch einen theologischen Glauben an den menschlichen Fortschritt vervollständigt: "Es existiert keine Art von Menschen, so ungebildet und schlecht erzogen sie auch sein mögen, wie groß und bestialisch ihre Verfehlungen auch sein mögen, in denen sie versunken sind, die nicht fähig wären, die Lehre Christi zu empfangen und so das Heil wiederzuerlangen, denn allen hat Christus die Fähigkeit gegeben, unterwiesen und geheilt zu werden." (A.h. II, 263, 431)


   
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