Zur Einleitung

Wenn wir nicht das Wesentliche vom weniger Wichtigen unterscheiden, verlieren wir die Maßstäbe. Um zu dieser Unterscheidung fähig zu sein, müssen wir unser kulturelles Gedächtnis schärfen. Dies setzt die Kenntnis der Antike, des Christentums und der daraus entstehenden Moderne mit ihren kraftvollen Fortschritten, Revolutionen und Katastrophen voraus.

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Dass Gott tot sei, ist vom elitären Geheimnis zur gemütlichen Binsenweisheit geworden. Vor hundert Jahren wurde der Zweifel an Gott subtil begründet. Heute ist er banal.

Wenn hier gefragt wird, wer Gott heute ist, dann entspringt dies nicht dem verbreiteten Empfinden für mehr innerweltlichen Sinn. Die Frage kommt vielmehr aus der Neugier, in welcher Weise diese geistige Urkategorie Gott, die kulturell und institutionell immer noch Gewicht hat, heute theoretisch begründbar ist.

Die Evidenz Gottes liegt nicht in seinem Faktum, sondern in uns selbst als denkende Menschen. Gott ist immer in Bezug auf den Menschen zu verstehen. Hierin ist sich der Atheist wohl mit dem gläubigen Theologen einig. Ob Gott allerdings nur eine psychische Realität ist, das bleibt der ungeöffnete Kern des Problems. Ein Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen ist das Erstaunen darüber, wie Theologie überhaupt noch in unserem radikal säkularen, ja entchristianisiert erscheinenden Europa möglich ist.

Wer ist Gott? Ich hoffe, niemand wird erwarten, hier die Antwort zu finden. Nach Gott zu fragen, sei es in der Weise der Theologie, sei es mit Blick auf das Religiöse in der heutigen Welt, ist ein Exerzitium. Mit leichter Drohung gesprochen: Wer es ausschlägt, nimmt Schaden - der Gläubige an seiner Seele, der Ungläubige zumindest an seinem Intellekt.