Die Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas

Begriffsklärung

In der griechischen Welt bedeutet euangelion alles, was mit dem Überbringer einer frohen Botschaft zusammenhängt. Religiösen Sinn erlangte das Wort besonders im Kaiserkult. Weil der Kaiser als göttliches Wesen galt und als Heilsbringer betrachtet wurde, war alles, was zu ihm in Beziehung stand, Evangelium. Die Kunde von seiner Geburt, so in der Kalenderinschrift von Priene (heute Türkei) aus dem Jahre 9 v.Ch., wird als Evangelium bezeichnet.

Das Neue Testament knüpft nicht an diesen hellenistisch-heidnischen Gebrauch an, sondern an den des Alten Testaments, wo Evangelium folgenden Sinn hat: Die Botschaft von der herannahenden Heilszeit verkünden. Durch die Proklamation dieser Heilszeit stellte man sich diese bereits als Wirklichkeit vor.

Wenn im hellenistisch-römischen Kaiserkult die Freudenbotschaft rückwärts blickt auf ein schon eingetretenes Ereignis, blickt das Evangelium der Bibel vorwärts auf das, was erst eintreten soll. Das Kommen der Gottesherrschaft bildet das eigentliche Thema der Predigt Jesu. Das Urchristentum sah aber in Jesus nicht nur den Verkünder des Evangeliums, sondern betrachtete ihn selbst als zum Heilswerk Gottes gehörig. So wird der christliche Gebrauch des Wortes allmählich ein doppelter: eine Bezeichnung für die Verkündigung des kommenden Reiches Gottes als auch für die Kunde von dem durch Jesus bereits eingetretenen Gottesreich.

Die Bezeichnung für die Predigt, Evangelium, übertrug man bald auf die schriftlichen Niederlegungen dieser. Die schriftlichen Aufzeichnungen dienen also dem gleichen Zweck wie die mündliche Predigt: Glauben wecken und Glauben festigen. Es ist also nicht die Absicht der Evangelien, ein Leben Jesu im Sinn einer Biographie zu schreiben. Ein historisches "Leben Jesu" war für die Autoren der Evangelien offenbar völlig außerhalb ihrer Absicht, sie wollten einzig die heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu ausdrücken.

Die vier in der heutigen Reihenfolge am Anfang des Neuen Testaments stehenden Werke erhielten die Bezeichnung Evangelium erst im 2. Jahrhundert. Sie werden von der heutigen Bibelwissenschaft sehr differenziert gesehen. Die ersten drei Evangelien stehen dem Johannesevangelium gegenüber. Dieses hat einen völlig anderen Aufbau, andere Schwerpunkte und einen gänzlich anderen Stil.

Das synoptische Problem

Der weitgehend parallele Aufbau der Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas ermöglicht es, sie so nebeneinander zu drucken, daß die einander entsprechenden Abschnitte der drei Evangelien nebeneinander zu stehen kommen. Wegen dieser Möglichkeit einer Zusammenschau (Synopse) nennt man diese Werke seit Ende des 18. Jahrhunderts Synoptiker. Führt man diese Synopse durch, treten die Übereinstimmungen klar hervor. Das daraus ersichtliche Problem läßt sich so formulieren: Wie erklärt sich die große Verwandtschaft der Werke, und wie lassen sich trotz der so weitgehenden Übereinstimmung die Differenzen erklären?

Lösungsversuche

Bereits im 18. Jahrhundert versuchte man Erklärungen dafür zu finden.

Gotthold Ephraim Lessing nahm z.B. ein nicht erhaltenes Urevangelium an und betrachtete die Evangelien als selbständige Übersetzungen. Diese These scheiterte jedoch daran, dass bei unabhängiger Übersetzung die oft wörtliche Übereinstimmung nicht erklärt werden kann und man es nicht nur mit Übersetzungen, sondern mit tiefergreifenden Bearbeitungen zu tun hätte.

Friedrich Schleiermacher stellte die Fragmentenhypothese auf. Sie nahm an, dass viele verschiedene Fragmente im Umlauf waren, die von den Evangelisten in unterschiedlicher Auswahl und Reihenfolge zusammengestellt wurden. Nicht geklärt werden konnte dadurch die weitgehende Übereinstimmung des Aufrisses der Evangelien.

Johann Gottfried Herder regte die Traditionshypothese an. Diese rechnete mit einer vorliterarischen mündlichen Tradition. Bei den Aposteln in Jerusalem soll sich schon früh ein gleichförmiges mündliches Evangelium ausgebildet haben. Nach den Bedürfnissen der Mission wurde es dann übersetzt, abgewandelt und später schriftlich fixiert. Gut beobachtet ist bei dieser Hypothese der Anteil der mündlichen Überlieferung an der Traditionsbildung, aber die Verwandtschaft der synoptischen Evangelien untereinander läßt sich wohl doch zureichend nur erklären, wenn man eine literarische Abhängigkeit annimmt.

Die Zweiquellentheorie

Wie der Name schon nahelegt, werden für das literarische Entstehen der synoptischen Evangelien zwei Quellen angenommen. Die erste Quelle ist eines der Evangelien selbst, nämlich das des Markus. Es gibt viele Stellen, die in allen drei Evangelien fast wörtlich vorkommen (z.B. stammen Mt16,24f und Lk9,23f aus Mk8,34f). Nun fällt aber auf, daß Mt und Lk über das Mk hinaus eine Fülle von gemeinsamem Material enthalten, das wieder zum Teil bis in den Wortlaut hinein übereinstimmt (z.B. Mt10,26f und Lk12,2f). Das läßt sich wohl nur so erklären, dass Mt und Lk neben dem Markusevangelium eine zweite Quelle benutzt haben. Diese ist zwar nicht erhalten, läßt sich aber rekonstruieren. Für die Zweiquellentheorie ergibt sich also folgendes Schema:

Mt verwendet als Quellen Mk und eine heute unbekannte, wahrscheinlich verloren gegangene, aber auch von Lk benützte Quelle und spezielles Sondergut, das nur ihm zur Verfügung stand.

Lk verwendete als Quellen Mk und eine heute unbekannte, wahrscheinlich verloren gegangene, aber auch von Mt benützte Quelle und spezielles Sondergut, das nur ihm zur Verfügung stand.

Als sich das Mk als das älteste der Evangelien erwies, glaubte man, sehr nahe an den historischen Jesus herangekommen zu sein. Doch es ergaben sich nun neue Probleme. Einerseits ist die Verknüpfung der Einzelbegebenheiten zu einem erzählenden Nacheinander viel zu locker. Andrerseits fehlt alles, was man von einer Biographie, auch der Antike, erwarten durfte: Schilderung des Aussehens Jesu, seines Charakters, seiner Entwicklung von der Kindheit an usw.

Bald erkannte man, dass die Evangelien keine Antwort auf die Frage "Wer war Jesus?" geben wollten, sondern sich mit der Frage beschäftigten "Was bedeutet Jesus für die ersten christlichen Gemeinden?" Das heißt, die Urgemeinde ließ die Ereignisse um Jesus von Nazareth nicht eigentlich Vergangenheit werden, sondern sie wusste sich bleibend von dieser Vergangenheit her bestimmt. Dies kommt natürlich auch in der Form der Darstellung zum Ausdruck. So sind die Schriften über Jesus eben keine historischen Referate, sondern Kerygma (gr. = Bekanntmachung, Botschaft, als theologischer Terminus wird damit das Zentrum der urchristlichen Verkündigung gemeint).

Der äußere Aufbau der drei Evangelien läßt sich etwa so darstellen:

Mt und Lk erweitern diesen gemeinsamen Aufbau sowohl am Anfang durch die Kindheitsgeschichten als auch am Schluss durch die Berichte von den Erscheinungen des Auferstandenen.


   
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