Der Prophet Ezechiel

Wort- und Begriffserklärung

Das Wort "Prophet" kommt vom griechischen Verb prophainein, das "zum Vorschein bringen", "offenbaren", "hoffen lassen", "verkünden" bedeutet. Ein wahrer Prophet ist nur daran zu erkennen, ob seine Verkündigung mit den Forderungen des Bundes übereinstimmt. Bei Weissagungen nationalen Heils oder Unheils bietet allerdings erst die Erfüllung ein sicheres Kriterium. Propheten sagen also dann die Wahrheit, wenn sie die Weisungen der Tora mit allen Fasern ihrer Existenz ausdrücken.

Die spezifische Situation Ezechiels

Der hebräische Name Ezechiel bedeutet "Gott macht stark"

Seine Lebensdaten können nicht genau angegeben werden, sie liegen jedenfalls in der Zeit vor und während der Deportation nach Babylon (586 v.Chr.). Das Buch Ezechiel enthält Bilder, die so originell wie seltsam sind, z.B. die Vision vom Tal der ausgetrockneten Gebeine, die wieder zusammengefügt und mit Fleisch umgeben werden, was als Symbol für die letztliche Errettung Judas angesehen wird (Kapitel 37) oder die Allegorie Tyrus' als Prunkschiff (27).

Ezechiel war nicht so sehr eine treibende Kraft für die Rückkehr der Juden von Babylon nach Jerusalem, sondern vielmehr eine Art Kristallisationspunkt der Ideen in dieser schwierigen Zeit. Für die Juden sah er weitere Prüfungen und Leiden voraus, ließ aber in der für ihn typischen Art auch Raum für vorsichtigen Optimismus.

Im Buch finden sich nur wenige persönliche Nachrichten, z.B. in Kapitel 24 die Erwähnung des plötzlichen Todes seiner Frau. Nach der Überlieferung soll er in Babylonien gestorben sein.

Beweggründe und Stil des Buches

Das Buch Ezechiel ist nicht in einer Schreibstube entstanden, in der wohlformulierte Sätze geschaffen wurden. Ezechiel war vor allem Redner, vor Menschenmassen wie auch vor kleinen Gruppen. Er hat seine ekstatischen Erlebnisse, seine symbolischen Handlungen und die Worte Jahwes schriftlich niedergelegt. Letztere umfassen Klagelieder, Mahnungen, Verheißungen, Unterweisungen etc.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geht der heutige Aufbau des Buches auf einen oder mehrere Redakteure und nicht auf Ezechiel selbst zurück, Sie haben das vorhandene Material vor allem auf chronologische Weise geordnet, sodass die Anordnung des Buches auch mit dem tatsächlichen Verlauf der Tätigkeit des Propheten übereinstimmt.

Seine lebhafte, im babylonischen Orient geschulte Vorstellungsgabe, die eine besondere Vorliebe für das Strahlende besitzt (28,13 f oder 1,27) bringt sich in grandiosen, nicht selten überladenen Bildern zum Ausdruck. Er häuft Bild auf Bild (z.B. 32,2f: Pharao, Löwe, Drache, Stern) ohne vor Zusammenhanglosigkeiten (z.B Kapitel 17) und Trivialitäten (z.B. 16, 23) zurückzuschrecken. Er ist ein stürmisch bewegter Geist und zeichnet schreckenerregende Bilder (z.B. die Höllenfahrt des Pharao - Kapitel 32 oder den Besuch Jahwes im Tempel - Kapitel 8f). Doch ist seine düstere und phantastische Vorstellungsgabe auch in der Lage, die Zukunft auch anders zu sehen. Sie verbindet sich ohne Schwierigkeit mit dem Wissen eines Gelehrten und den Kenntnissen eines Historikers. Sein Gespür für menschliche Schwächen und Abgründe geleiten seine Interpretationen der politischen Zusammenhänge seiner Zeit mit fast traumwandlerischer Sicherheit.

Das wichtigste Anliegen des Buches

Dem Kapitel 18 kommt eine besondere Bedeutung zu. Ezechiel zeigt darin, dass jeder Einzelne im sittlichen Bereich aus der Verbundenheit seines Volkes herausgelöst ist und dass er sich im Fall seiner Bekehrung von seiner eigenen Vergangenheit distanziert. Dieser Gedanke bestimmt die weitere Entfaltung der sittlichen Vorstellungen Israels. Er bedeutet den Beginn des religiösen Personalismus, "die Zähne der Kinder werden nicht mehr stumpf, weil die Väter grüne Trauben" gegessen haben.

Die Theologie Ezechiels

Er hebt die Transzendenz Jahwes besonders klar hervor, er sieht in Gott den Ganz-Anderen.

Ezechiel erklärt den Grundsatz der Haftung für fremde Schuld für abgeschafft und setzt an ihre Stelle die Theorie der persönlichen Verantwortung. Was im Zivilrecht bei den Israeliten schon lange keine Geltung mehr hatte, anders als bei anderen Völkern, z. B. im Codex Hammurabi, setzte sich nun auch im religiösen Bereich durch. Die Vorstellung des auserwählten Volkes beginnt sich in einem qualitativen Sinn zu ändern.

Die prophetischen Reden mit ihren Aufrufen zur persönlichen Reue leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entdeckung des Wertes des Individuums. In Hinkunft gilt es, sich ein neues Herz zu geben (eine der berühmtesten Stellen ist 36, 23f). Hier liegt der Ansatzpunkt für jenen jüdischen Voluntarismus (von lat. voluntas - Wille, der gegenüber der Vernunft hervorgehoben wird, ist die verwirklichte Freiheit, da der Mensch sich für das Gute entscheidet, weil er es selbst will), der dann später von den "Freuden an den Geboten" sprechen wi rd.

Gliederung des Buches


   
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