Über die Religionskritik Ludwig Feuerbachs

Ludwig Feuerbach (1804-1872) stammt aus der Familie des berühmten romantischen Malers Anselm Feuerbach (1829-1880). Ludwig Feuerbach studierte zunächst Evangelische Theologie in Heidelberg, dann Philosophie, hauptsächlich bei Hegel, in Berlin. Seine Theologie- und Religionskritik verhinderte eine akademische Karriere.

Auswahl seiner Schriften:

Seine grundlegenden Aussagen zur Religionskritik

Die gesamte Weltgeschichte ereignet sich im großen dialektischen Dreischritt von Thesis, Antithesis und Synthesis. Das war Hegels Geschichtskonzeption, der Feuerbach im Ansatz verhaftet blieb. Am Anfang steht die unmittelbare Einheit des Menschen mit sich und der Natur. Auf der nächsten Stufe, d.h. im reflektierenden Bewusstsein, wird die ursprüngliche Einheit des Wirklichen zerrissen. Das Wesen des Menschen wird abgesondert vom wirklichen Menschen und als ein vermeintlich Absolutes über ihn gesetzt: Das Wesen der Natur wird als göttliches Wesen der wirklichen Natur entgegengestellt. Ein tiefer Riss spaltet die Welt in ein Diesseits und Jenseits, eine Kluft trennt Gott und Mensch voneinander. Diese Stufe der Entwicklung ist die Stufe der Religion. Sie ist eine frühe Stufe, eine Stufe der menschlichen Kindheit.
"Die Religion hat ihren Ursprung, ihre wahre Stellung und Bedeutung nur in der Kindheitsperiode der Menschheit, aber die Periode der Kindheit ist auch die Periode der Unwissenheit, Unerfahrenheit, Unbildung oder Unkultur."
(Vorlesungen über das Wesen der Religion, VIII)
Moderne Theologie und Philosophie sind auf halbem Wege stehen geblieben: Einerseits fehlt die Kraft des alten Glaubens, andrerseits der Mut, sich selbst zu durchschauen. Der "neue Mensch", der Mensch, der von sich selbst weiß und sich selbst als das Geheimnis der Religion begreift, ist der einzig verbleibende offene Weg.

Von der Theologie zur Anthropologie, so lautet die Synthesis und das Programm Feuerbachs.

Das Geheimnis aller Religion liegt darin, dass der Mensch sein eigenes Wesen vergegenständlicht und fälschlicherweise aus sich hinausprojiziert, um es nunmehr als ein von ihm Unterschiedenes, als Gott, anzuschauen. Gott ist daher nichts Anderes als die Projektion des eigenen Wesens.

In der Religion befreit sich zwar der Mensch von seinen individuellen Schranken. Aber dieses entschränkte, vollkommene Wesen gilt ihm nicht als das, was es ist, nämlich als Bild der Gattung Mensch, sondern als ein außer ihm liegendes, transzendentes Wesen. Hierin liegt die Selbstentfremdung des Menschen, eine gefährliche und schädliche Verschwendung des eigenen Wesens an ein fiktives Gegenüber. Es gilt also, die wirklichen Verhältnisse hinter den religiösen Verdrehungen zu erkennen. Der Satz, Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, wie er im Buch Genesis steht, ist daher zu ersetzen durch: Der Mensch schuf Gott sich zum Bilde. Das religiöse Gemüt dreht sich im Grunde genommen um sich selbst. Es möchte sein Leben ins Unendliche verlängert sehen, jenseits aller Schranken von Raum und Zeit.

Im Wunsch sieht Feuerbach den Ursprung, ist das Wesen der Religion. Das Wesen der Götter ist nichts Anderes als das Wesen des Wunsches. Wer keine Wünsche hat, der hat auch keine Götter. Der Wunsch nach Göttern entsteht aus dem Gefühl des Mangels, der Beschränkung des menschlichen Vermögens, indem sich der Glückseligkeitstrieb mit der Einbildungskraft verbindet. Gott ist der Lückenbüßer, das fehlende Komplement menschlicher Bedürftigkeit, eben die illusionäre Erfüllung der menschlichen Wünsche.

Feuerbach sagt, dass die Religion der Traum des menschlichen Geistes sei, aber es sei Zeit, dass die Menschheit erwache.

Über die Wirkung seiner Religionskritik

Der Erfolg blieb zeit seines Lebens gering. Feuerbach lebte oft in bitterer Armut. Seine Wirkung auf andere Denker jedoch war sehr groß.

Sigmund Freud übernimmt teilweise wörtlich Feuerbachs Argumentation, etwa in seiner Projektionstheorie, in der er die Religion als Illusion des begehrenden Menschen definiert.

Seine größte Wirkung dürfte Feuerbach jedoch bei Karl Marx gefunden haben. Der junge Marx nennt ihn ein Fegefeuer der Gegenwart, weil es für ihn keinen anderen Weg zur Wahrheit und Freiheit gibt, als durch den Feuer-bach. Für Marx war die Voraussetzung jeder Kritik die Kritik der Religion. (so in seiner Schrift: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Christliche Replik

Wenn Feuerbach die Religion als eine kindliche Bewusstseinsstufe bezeichnet, die der moderne Mensch längst verlassen hat, weil sie sich im Zeitalter der Wissenschaft überholt habe, so ist doch zu fragen, ob Religion und Wissenschaft nicht ein Nacheinander, sondern vielmehr ein Nebeneinander oder gar Ineinander verschiedener Weisen des menschlichen Selbst- und Welt-Verständnisses zeigen.

Feuerbach ignoriert völlig die Tradition der Theologia Negativa im Christentum. Die Theologen haben seit den Kirchenvätern betont, dass in ihren analogen Reden von Gott mehr Unähnlichkeit als Ähnlichkeit waltet.

Feuerbach war sich offenbar nie seines ungerechtfertigten Sprungs von der erkenntniskritischen, psychologischen auf die ontologische Ebene bewusst. Wenn die Götter für viele Menschen Wunschwesen sind, so folgt daraus für die Existenz oder Nichtexistenz Gottes gar nichts.

Kann Feuerbachs Grundsatz "Jedes Wesen ist sich selbst genug" wirklich allgemeine Geltung beanspruchen? Gibt es nicht ein existentielles Ungenügen, das der Mensch prinzipiell nicht stillen kann und das ihn immer wieder auf eine Transzendenz verweist, wie immer er diese auch versteht?


   
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