Freiheit, Gewissen, Tugend

Diese drei Säulen eines Entwurfs dessen, was Menschsein bedeutet, stehen hier für ein Menschenbild, das sich aus dem Christentum ergibt.

FREIHEIT

Begriffsklärung

Der älteste Ausdruck für diesen Begriff findet sich im Wort "Freihals", das jenen Menschen bezeichnet, der kein Joch auf sich trägt (got., ahd.).

Immanuel Kant bezeichnet mit Freiheit die Möglichkeit des Menschen, alle willkürlichen Handlungen den Beweggründen der Vernunft unterzuordnen.

Aristoteles definiert Freiheit als Selbstursächlichkeit. Frei ist derjenige, der sein Handeln aus sich hervorgehen lässt und es sich als letzter Ursache zulastet.

Wesenszüge der Freiheit

Diese von Aristoteles beschriebene Selbstursächlichkeit hat drei Charakteristika, die hier näher beschrieben werden sollen: Freiheit von Zwang, der Spontaneität und des Urteils.

Äußere (z.B. Gewalt) oder innere (z.B. Furcht) "Fremdbestimmungen" schränken den Menschen in der Entfaltung seiner Freiheit ein. Ein freier Mensch ist eine Person, die nicht durch äußere Verhältnisse daran gehindert wird zu tun, was sie will. Wir sind frei, wenn wir tun können, was wir wollen, obwohl der Willensakt von einer Kette von Ursachen bestimmt ist.

Mit Spontaneität der Freiheit bezeichnet man jene Art des Menschen, wie er selbst sein Leben führen möchte. Natürlich ist diese immer eingebettet in Verantwortung und Gewissensstrenge. Denn die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Die Freiheit des Urteils liegt in der Erkenntnis der Ziele und Wege menschlichen Handelns. Durch diese Erkenntnis erst werden die Handlungen zu unseren eigenen Taten. Fehlt sie oder ist sie nur bruchstückhaft vorhanden, sind wir keine "Spieler", sondern "Spielball".

Die Lehre der Kirche

Durch seine Freiheit soll der Mensch in Wahrheit und Güte wachsen. Die Freiheit erreicht dann ihre Vollendung, wenn sie auf Gott ausgerichtet ist.

Solange sich die Freiheit nicht endgültig an Gott, ihr höchstes Gut, gebunden hat, liegt in ihr die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen, also entweder an Vollkommenheit zu wachsen oder zu versagen und zu sündigen.

Je mehr der Mensch das Gute tut, desto freier wird er. Wahre Freiheit gibt es nur im Dienst des Guten und der Gerechtigkeit. Die Entscheidung zum Bösen ist ein Missbrauch der Freiheit und macht den Menschen zum Sklaven der Sünde.

Die Freiheit gibt uns nicht das Recht, alles zu sagen und alles zu tun. Denn es gibt ein größeres Gut als die Freiheit, nämlich die Liebe. Wer sich von der Liebe entfernt, kettet sich an seinen Egoismus, zerreißt das Band der Brüderlichkeit und lehnt sich letztlich gegen Gott auf.

Daher erfährt die Freiheit ihre höchste Gefährdung durch den Menschen selbst. In einer falsch verstandenen Autonomie kann sich der Mensch zu einer vermeintlichen "Unabhängigkeit" verleiten lassen. Dies kann zu einer egozentrischen Triebbefriedigung führen, die durch Macht-, Genuss-, Geltungssucht etc. hervorgerufen wird. Daher gilt es, den wichtigen Unterschied zwischen Freiheit und verwahrlosender Willkür zu beachten. Freiheit hat immer einen Bezug zu einer verantwortlichen Selbstbindung und Selbstbeherrschung.

GEWISSEN

Begriffsklärung

Das Wort taucht schon im Althochdeutschen als Übersetzung des lat. Wortes conscientia auf, das eigentlich "Mitwissen" bedeutet.

Unter Gewissen im weiteren Sinn versteht man das Fundament der persönlichen Überzeugungen und Normen für das eigene Leben. Das Gewissen im engeren Sinn bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Gewissensbildung

Das Gewissen ermöglicht es, für die vollbrachten Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Hat der Mensch Böses getan, kann das rechte Gewissensurteil in ihm immer noch Zeuge dafür sein, dass die moralische Wahrheit gilt, seine konkrete Entscheidung aber schlecht ist. Der Schuldspruch des schlechten Gewissens ist eigentlich ein Grund zur Hoffnung. Indem er die begangene Verfehlung bezeugt, mahnt er, das Gute doch noch auszuführen.

Der Mensch hat das Recht, in Freiheit seinem Gewissen entsprechend zu handeln, und sich dadurch persönlich sittlich zu entscheiden. Er darf also nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Allerdings darf er auch nicht daran gehindert werden, gemäß seinem Gewissen zu handeln.

Ein gut gebildetes Gewissen folgt der Vernunft. Für uns Menschen, die auch schlechten Einflüssen unterworfen und stets versucht sind, dem eigenen Urteil den Vorzug zu geben und die Aussagen von Autoritäten zurückzuweisen, ist die Gewissenserziehung unerlässlich. Die Erziehung des Gewissens ist eine lebenslange Aufgabe. Schon in den ersten Jahren leitet sie das Kind dazu an, das durch das Gewissen wahrgenommene Gesetz zu erkennen und zu erfüllen. Eine umsichtige Erziehung regt zu tugendhaftem Verhalten an. Sie bewahrt oder befreit vor Furcht, Selbstsucht, Stolz, falschen Schuldgefühlen und Regungen der Selbstgefälligkeit, die durch menschliche Schwäche und Fehlerhaftigkeit entstehen können. Gewissenserziehung führt zur Freiheit.

Grundlagen der Gewissensentscheidung

Der Mensch steht oft vor Situationen, die das Gewissensurteil unsicher und die Entscheidung schwierig machen. Daher muss er sich bemühen, seine Erfahrungen und die Zeichen der Zeit mit Hilfe der Tugend der Klugheit, der Ratschläge sachkundiger Menschen und der inneren Einkehr richtig zu deuten.

In allen Fällen gelten folgende Regeln:

 Es ist nie erlaubt, Böses zu tun, damit daraus etwas Gutes hervorgehe.

 Die "Goldene Regel": "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12).

Die christliche Liebe achtet immer den Nächsten und sein Gewissen: "Wenn ihr euch [...] gegen eure Brüder versündigt und ihr [...] Gewissen verletzt, versündigt ihr euch gegen Christus" (1Kor 8,12).

Dem sicheren Urteil seines Gewissens muss der Mensch immer Folge leisten. Würde er bewusst dagegen handeln, so verurteilte er sich selbst. Trotz der Verpflichtung, das Gewissen an objektiven Normen zu bilden, bleibt doch in jeder sittlichen Entscheidung das subjektive Gewissen die letzte Instanz.

TUGEND

Begriffsklärung

Mit diesem alten Begriff bezeichnet man besonders entwickelte Fähigkeiten des Menschen auf geistigem oder seelischem Gebiet. Heute spricht man in einem meist entindividualisierten Sinn eher von Werten.

Das lateinische Wort virtus (abgeleitet von vir = Mann) bedeutet Mannhaftigkeit, Tüchtigkeit, Stärke etc. und gibt Aufschluss über die Herkunft des Begriffs.

Tugendverständnis in der Antike

Tugend bezeichnete in der Antike ein charakterliches Können. Sie meinte die Bereitschaft, die sittlich richtigen Ziele und Werte zu erkennen und zu verwirklichen. Mit Tugend ist das Ideal der Selbsterziehung zu einer menschlich vortrefflichen Persönlichkeit gemeint.

Platon ordnet den von ihm angenommenen drei übereinandergelagerten Schichten der menschlichen Seele drei Grundfunktionen menschlicher Aktivität zu: der vernünftigen die Weisheit, der mutartigen die Tapferkeit, der triebhaft-begehrenden die Mäßigkeit. Im Zusammenwirken dieser drei Tugenden besteht die Harmonie. Sie ist gegeben in der alles umfassenden Tugend der Gerechtigkeit.

Für Aristoteles ist Tugend eine durch Übung erworbene und gefestigte seelische Haltung. Dank dieser vermag der Mensch alle Regungen der Leidenschaften der Vernunft zu unterstellen.

Für die Stoa ist die Leidenschaftslosigkeit (apatheia) Gipfel seines sittlichen Bemühens. In ihr hat der Mensch Anteil an der Unveränderlichkeit Gottes.

Die Tugendlehre der Kirchenväter

Cicero und Seneca waren die beiden Autoren, die von vielen Kirchenvätern als Autoritäten in der Tugendlehre angesehen wurden. Sie verstehen die Tugenden als verschiedene Erscheinungsformen derselben Gesinnung. Ambrosius von Mailand war wohl der erste, der Klugheit, Maßhaltung, Tapferkeit und Gerechtigkeit als Kardinaltugenden bezeichnete. Gregor der Große nennt zusätzlich noch die drei Theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Diesen fügt er noch als weitere Tugenden die sieben Gaben des Heiligen Geistes hinzu. Augustinus sieht in der Liebe die Quelle aller Tugenden. Die Demut ist für ihn die Anführerin aller dieser Tugenden.

Diese klassische Auffassung wurde schon im späten Mittelalter ins Moralische, ja Moralisierende aufgelöst und damit entwertet. Daher verwendet vielfach der heutige Sprachgebrauch die Wörter Tugend und tugendhaft mit eher herablassender Konnotation.

Heutiges Tugendverständnis

Christliches Tugendverständnis bedeutet weder die Unterdrückung aller spontanen Neigungen noch den Rückzug des Menschen in eine weltabgewandte Askese und auch nicht die Konservierung geschichtlich überholter oder die Überbewertung sog. "bürgerlicher" Verhaltensnormen. Die Tugenden enthalten vielmehr die Aufforderung, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden, sondern es als Aufgabe zur optimalen Verwirklichung wahrzunehmen. Die Tugend soll das Menschliche im Menschen zur Geltung bringen. Da der Mensch nicht seiner Umwelt ausgeliefert ist, sondern gestaltend auf sie einzuwirken vermag, so muss er die Frage stellen, wie die Welt, in der er lebt, und die Verhältnisse, die ihn umgeben, beschaffen sein müssen, damit er ein menschliches, glückliches und erfüllendes Leben führen kann.

Die vier Kardinaltugenden

 Weisheit (lat. prudentia): Nach der Bibel ist der Mensch klug, der imstande ist, seine gegenwärtige Situation zu deuten, er gibt sich keinen Illusionen hin und kann unterscheiden (gr. krinein bedeutet sichten, unterscheiden, urteilen. Unser Wort Kritk wird davon abgeleitet), was gut und böse ist. Der kluge Mensch verdrängt auch nicht seinen eigenen Tod.

 Gerechtigkeit (lat. iustitia): Thomas von Aquin bezeichnet sie als jene Haltung, kraft derer wir jedem Menschen sein Recht zuerkennen. In ihrer christlichen Verwirklichung ist sie untrennbar von der Liebe, da vom Christen mehr verlangt wird als die Respektierung von Rechten und Gesetzen.

 Tapferkeit (lat. fortitudo): Der Mensch hält durch sie die Tragik dieser Welt aus und glaubt gegen Angst und Tod an den Sieg des Guten. Sie hat nichts zu tun mit sinnloser Tollkühnheit.

 Mäßigkeit (lat. temperantia): Sie ist jene Tugend, mit der der Mensch seine Leidenschaften und Affekte zügelt. Zucht und Maß sind nicht schon Verwirklichung des Guten, aber sie schaffen dafür eine notwendige Voraussetzung.


   
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