Der Glaube an Gott

Das Hauptparadoxon jeder Rede über Gott besteht darin, dass alle Aussagen über Gott sogleich durch eine Negation korrigiert werden müssen, sofern sie die Basis der Offenbarung (= Bibel) verlassen und sich als philosophische, künstlerische oder private Meinungen versuchen. Denn Gott übertrifft alles, was die Menschen positiv oder negativ über ihn zu sagen vermögen.

Daher finden wir eine der diesbezüglich wichtigen Bibelstellen im Bilderverbot von Ex 20,4: "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... ."

Diese Vorbemerkung bildet die Grundlage der folgenden Überlegungen.

Begriff

Wie immer auch bei den Völkern das höchste Wesen aufgefasst wird, sei es als Schöpfer, als Herr über Leben und Tod, der die Welt regiert und in ihre Geschicke eingreift, stets werden ihm Wesensmerkmale zugesprochen, die sich zu einem Bild formen: spirituelle Personhaftigkeit, Unsterblichkeit und Transzendenz. Im Unterschied zum meist recht unanschaulich gefassten höchsten Wesen sind Götter durch betont anthropomorphe Eigenschaften und Naturverhaftetheit dem Menschen greifbarer. Götter werden daher meist bildlich dargestellt.

Gott, im Sinne eines höchsten Wesens, ist der letzte Grund alles Seienden. Er ist die Erstursache der Welt, das letzte Ziel alles Seins. Zu diesen Aussagen kommt der menschliche Verstand durch eine analoge Seinserkenntnis.

Bereits die Griechen prägten den Begriff "ana logon", der "nach Verhältnis" bedeutet. Zunächst ist damit die Analogie der Erkenntnis gemeint, die ein Seiendes nach seinem Verhältnis zu einem anderen erfasst. Das Sein eines Seienden wird durch Vergleich mit einem anderen erschlossen oder wenigstens verdeutlicht. Analogie setzt voraus, dass das Seiende, mit dem verglichen wird, bekannter sei als das andere und dass zwischen beiden Übereinkunft und Verschiedenheit zugleich besteht. Ohne Übereinkunft würde keine Vergleichsmöglichkeit bestehen. Ohne Verschiedenheit würde der Vergleich bloß eine Wiederholung ohne neuen Aufschluss bezeichnen. Daher wurzelt die analoge Erkenntnis in der Analogie des Seins, kraft deren zwei oder mehrere Seiende in ihrem Sein zugleich übereinkommen und sich unterscheiden.

Das Erkennen des menschlichen Geistes, das sich im Horizont des Seins überhaupt vollzieht, als endliches Erkennen jedoch nie die unendliche Fülle des Seins selbst erfassen kann, sondern das Sein nur am Seienden, das Unendliche nur im Spiegel des Endlichen erreichen kann, steht notwendig unter dem Gesetz der Analogie. Die Analogie lässt die Mitte halten zwischen dem Agnostizismus, für den Gott ein unbekanntes x ist, und dem Pantheismus, der den Wesensunterschied zwischen Gott und Mensch ablehnt.

Das Trinitätsdogma

Die ersten acht Konzilien versuchten - hervorgerufen vor allem durch die Auseinandersetzungen mit dem griechischen Denken - nähere Aussagen über Gott zu machen.

In Gott sind drei Personen, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Man könnte sagen, dass die älteste dogmatische Formulierung des christlichen Trinitätsglaubens das "Symbolum Apastolicum" darstellt. In der Form des altrömischen Taufsymbols diente es als Grundlage des Unterrichts für jene, die getauft werden wollten. Es ist auf der Taufformel (Mt 28,19) aufgebaut: "Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes."

Beim trinitarischen Monotheismus geht es nicht um die Zahl drei. Er ist der Versuch einer qualitativen, keiner quantitativen Symbolisierung Gottes. Das Trinitätsdogma versucht, von Gott zu reden, der das Unendliche und Konkrete in sich vereint. Das Konkrete zeigt sich in der Person des Jesus von Nazareth, der als Mensch gelebt hat und Mittler zwischen Gott und Mensch geworden ist.

Die christliche Trinitätslehre, die Lehre vom dreieinigen Gott, lässt sich folgendermaßen umschreiben: Der eine Gott hat sich im Laufe der Geschichte auf dreifache Weise geoffenbart.

Gott führt die Menschen aus dem Dunkel des Nichts in das Licht seiner Schöpfung.

Gott zeigt sich in der Person und im Werk des Jesus von Nazareth.

Gott ist jener Geist, der sich in den Menschen zeigt, die im Sinn und in der Nachfolge des Jesus von Nazareth leben.

Die Unzulänglichkeit der Theologie zeigt die Endlichkeit des Menschen

Der Mensch wird, indem er sich seiner Endlichkeit bewusst wird, gleichzeitig der Unendlichkeit gewahr. Der Mensch weiß, dass er endlich ist und dass er von einer Unendlichkeit ausgeschlossen ist, die in irgendeiner Weise trotzdem zu ihm gehört. Kann nun ein Ausschnitt endlicher Wirklichkeit überhaupt Grundlage für eine Aussage über das, was unendlich ist, werden? Wenn die Theologie dies bejaht, sieht sie den Grund darin, dass das, was unendlich ist, das Sein-Selbst, also Gott, ist und weil alles Seiende an ihm Anteil hat.

Religiöse Symbole, Theologie ist im Grunde auch nichts anderes, sind zweischneidig. Sie sind einerseits auf das Unendliche ausgerichtet, das sie symbolisieren, und andrerseits auf das Endliche, durch das sie es symbolisieren. Die Wahrheit eines religiösen Symbols hat nichts mit der Wahrheit der empirischen Behauptungen zu tun, die in ihm enthalten sind, seien sie physikalisch, psychologisch oder historisch. Ein religiöses Symbol ist echt, wenn es die Beziehung von Offenbarung Gottes und menschlicher Existenz adäquat ausdrückt. Religiöse Symbole sterben nur dann, wenn diese Relation, deren Ausdruck sie sind, aufhört.

So ist es nicht unangebracht, dem Dichter das letzte Wort zu lassen, nämlich Rainer Maria Rilke:
(Die Sonette an Orpheus, Erster Teil, die beiden Terzette des Sonetts Nr. XXVI)

Schließlich zerschlugen sie dich, von der Rache gehetzt,
während dein Klang noch in Löwen und Felsen verweilte
und in den Bäumen und Vögeln. Dort singst du noch jetzt.

O du verlorener Gott! Du unendliche Spur!
Nur weil dich reißend zuletzt die Feindschaft verteilte,
sind wir die Hörenden jetzt und ein Mund der Natur.




   
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