Die Inspirationslehre

Der theologische Begriff "Inspiration" geht auf das griechische Wort theopneustos, das "von Gott eingehaucht" bedeutet, zurück. So heißt es in 2Tim3,16: "Jedes Buch der Schrift ist von Gottes Geist erfüllt ..."

Der Zustand, der durch diese göttliche Einwirkung hervorgerufen wird, wird von Platon als eine Besitznahme des Menschen durch den göttlichen Geist, durch den der menschliche Verstand ausgetrieben wird, bezeichnet.

Im Alten Testament wird eine besondere Einwirkung des Geistes Gottes von Menschen ausgesagt, die eine schwierige Aufgabe zu erfüllen haben: Richter (Ri6,34), Künstler (Ex31,3), Könige (1Sam16,13), Propheten (Ez2,2), besonders aber wird der Geistbesitz dem Messias zugesprochen (Jes11,2).

Im Neuen Testament heißt es in 2Petr1,21 von den Verfassern der prophetischen Schriften, dass sie vom Heiligen Geist getrieben gewesen seien.

Das Erste Vatikanische Konzil erklärte, dass die biblischen Schriften deshalb "heilig und kanonisch" seien, weil sie, "unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Ursprung haben und als solche der Kirche überliefert sind". Die Kirche nimmt also einen göttlichen und einen menschlichen Verfasser an, sie erklärt durch den menschlichen Verfasser die geschichtliche und individuelle Eigenart der einzelnen Schriften, den Unterschied, nicht Widerspruch, der theologischen Konzeptionen, die sich in den einzelnen Büchern der Bibel finden.

Die Möglichkeit, zwei Verfasser, den göttlichen und den menschlichen, derselben Schrift anzunehmen, gewinnt die Theologie so, indem sie die Lehre von der Hauptursache und der Instrumentalursache entwickelt. Gott ist Urheber der Bibel alsHauptursache, der Mensch als Instrumentalursache. Zum Begriff der Instrumentalursache gehört, dass sie wirklich aus Eigenem etwas zum Effekt beiträgt, obwohl sie von der Hauptursache getrieben wird. So wird die menschliche Urheberschaft gewahrt und doch auch für die eigentliche göttliche Ursächlichkeit Raum geschaffen.

Die Inspiriertheit der biblischen Schriften ist nicht aus der literarischen Eigenart und dem Inhalt erkennbar, sondern durch die Tradition der Kirche. Der Glaube der Urkirche ist also die bleibende Norm des Glaubens der Kirche durch alle Zeiten. Es ergeht deshalb keine neue Offenbarung mehr, weil in Christus das absolute Heil sichtbar wurde. Gott muss die Urkirche in ihrem Glaubensbewusstsein als Quelle und Norm des Glaubens der späteren Zeiten so prädefiniert haben, also in einem ganz spezifischen Sinn Urheber der Urkirche gewesen sein, dass sie diese Funktion wirklich ausüben konnte. Deshalb hat das Erste Vatikanische Konzil die Offenbarung Gottes so beschrieben: Gott "hat es in seiner Weisheit und Güte gefallen, auf einem anderen, und zwar übernatürlichen Weg sich selbst und die ewigen Beschlüsse seines Willens dem Menschengeschlecht zu offenbaren ..."


 
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