Das Judentum

Wesen und Entstehung

Das Judentum ist weder eine bloße Religion noch ist es eine Nation, sondern es hat seinen Platz in einem schwer definierbaren Zwischenraum, für den es in der sonstigen Religionsgeschichte kaum Analogien und Parallelen gibt. Schon Bileam, der heidnische Seher, sah sich zu der Feststellung über die Israeliten veranlasst: "... ein Volk, es wohnt für sich, es zählt sich nicht zu den Völkern ..." (Num 23,9) Wenn man diese Sonderart mit modernen Begriffen ausdrücken kann, ließe sich noch am ehesten sagen, dass es sich beim Judentum um eine Religionsgemeinschaft mit einem einheitlichen biologischen Abstammungszentrum handelt. Sie ist durch einen Stiftungsakt zustande gekommen, in dem der Stämmeverband Israel von Gott aus der Völkerwelt ausgewählt und eines göttlichen Bundesschlusses gewürdigt wurde. Dabei empfing Israel die Thora als verbindliche Willenskundgebung des Herrn über Himmel und Erde. Der geschichtliche Auftrag der Israeliten ist es, Gottes Herrschaft über die Welt vor den Völkern zu bezeugen. Das eindrucksvollste Zeugnis hierfür gibt sein bloßes Dasein, dass es als einziges Volk des Altertums noch am Leben ist.

Unter dem Pharao Thuthmosis III. (1490-1436) findet sich inschriftlich zum ersten Mal das Wort aperu (= Hebräer). Auf einer Siegesstele des Pharao Merenptah (1304-1290) tritt zum ersten Mal der Name Israel auf. Um diese Zeit ist auch der Auszug der Israeliten unter Mose anzusetzen. Ägypten verlor bald jede Macht über Asien, sodass Israel sich ungehindert in der Küstenebene Palästinas ausbreiten konnte. Bereits im fünften Jahrhundert vor Christus erscheint der Name palaistinoi für die an der Ostküste des Mittelmeeres wohnenden Philister. Erst nach dem babylonischen Exil (6.Jh. vChr) wurde der Rest der zwölf Stämme der Israeliten, der vornehmlich aus dem Stamm Juda bestand, Juden genannt.

Zur lebendigen Tradition der Israeliten gehörten als zentrale Größe die Erzählungen von den Patriarchen und vom Auszug aus Ägypten ins von Gott verheißene Land. Der Anführer Mose wurde als Ohr und Mund des Volkes gewürdigt, direkter Empfänger der göttlichen Botschaft zu werden.

Andrerseits aber gibt es im Anschluss an die großen liberalen Alttestamentler des 19. Jahrhunderts wie de Wette, Wellhausen oder Graf, aber auch im Rückgriff auf Max Weber Deutungen, die sich vom traditionellen Mose-Bild absetzen. So z.B. jüngst (2001) der Ägyptologe Jan Assmann oder der Alttestamentler Jan Gertz. Den beiden Letztgenannten gemeinsam ist die Spätdatierung der wichtigsten Quellentexte. Die Priesterschrift (P), die von Mose Taten erzählt, wurde im babylonischen Exil im sechsten Jahrhundert v.Chr. verfasst. Das Deuteronomium (D), das die wichtigsten Gesetzestexte enthält, wurde in der Spätphase des Staates Juda formuliert. "Das Gesetz ist das Produkt der geistigen Entwicklung Israels, nicht ihr Ausgangspunkt", schrieb Julius Wellhausen.

Die Figur des Mose steht möglicherweise nicht am Anfang der Geschichte Israels, sondern an ihrem Ende. Mose markiert wahrscheinlich den Punkt, an dem aus dem Volk der Israeliten die Religion des Judentums wurde. Die Zäsur bilden die beiden großen politischen Katastrophen: Die Zerstörung des Nordreiches durch die Assyrer 722 v.Chr. und die Vernichtung des Südreiches durch die Babylonier 587 v.Chr. Viel spricht dafür, dass Israel zunächst ein Volk war, das sich religiös nicht von seinen Nachbarn unterschied. So haben jüngere archäologische Funde gezeigt, dass es auch in Israel Götterbilder gab. Ganz ohne Scheu wurde Jahwe mitsamt seiner Gemahlin Aschera angerufen. Jahwe war ein Gott neben anderen.

In diesem Horizont vorderasiatischer Religionsgeschichte muss der historische Mose seinen Ort gehabt haben. Er wurde zum Zentrum einer weitgespannten Erzählung, nach der er das Volk Israel zur religionsgeschichtlichen Ausnahme machte. Danach offenbarte sich dem Mose im Dornbusch ein fremder Gott, der die Israeliten ohne jede kultische Vorleistung vor den Ägyptern errettete und ihnen eine Heimat schenkte.

Dieses Geschichtsbild basiert auf einem außergewöhnlichen Volks- und Gottesbegriff. Israel ist ein Volk, das aus dem Nichts kommt. Seine Identität entsteht nicht im Kulturland, sondern in der Wüste. Sie verdankt sich allein Jahwe, dem bisher unbekannten Gott. Das Gottesverhältnis hat seinen Ursprung in einem Bund, der an ethische Bedingungen geknüpft ist. Mit diesem Verständnis schert Israel aus der Normalität des Alten Orients aus, dessen Götter in natürlicher Kongruenz zu den jeweiligen Königreichen standen. Die Mose-Erzählung unterscheidet Religion und Königreich und bestimmt Israel nicht mehr als ein religiös heterogenes Staatsvolk, sondern zuallererst als Kultgemeinschaft derer, die diesen fremden, überweltlichen Gott verehren.

Der Grund für die Bedeutung des Mose könnte in der Unheilsprophetie des achten Jahrhunderts v.Chr. liegen. Die Propheten Amos und Hosea, die den kommenden Untergang des Nordreiches spürten, lösten die herkömmliche Verknüpfung von Staat und Gott. Sie beschränkten sich nicht darauf, die kommende Katastrophe vorherzusagen, sondern versuchten zugleich, ihr einen religiösen Sinn abzugewinnen. Sie dachten Gott ganz anders, nämlich als den fremden Gott, der aus freiem Entschluss und unter ethischen Bedingungen dieses Volk zu dem seinen gemacht hat. Er ist an das politische Geschick seines Volkes nicht mehr gebunden. Darum kann er den Trümmern des Nordreiches - als ein neu verstandener Gott - unverletzt entsteigen. Diese prophetische Einsicht erlaubte es, das Ende des Königreiches religiös zu bewältigen. Sie wurde tradiert und gab später, als Jerusalem dem Schicksal des Nordreiches folgte, den Theologen des Südreiches die entscheidenden Glaubenssätze, mit denen sie im Exil ihr politisches Unglück religiös bearbeiten konnten.

Die prophetische Theologie der Katastrophe fand wahrscheinlich in der Gestalt des Mose eine literarische Figur, die zum Kristallisationspunkt eines Epochenwechsels wurde. Mose wird zum Zentrum einer religiösen Geschichtsstiftung, in der die Stämme der Israeliten eine neue Identität gewannen, indem sie Juden wurden.


Aus der Geschichte der Israeliten

Nach den biblischen Berichten ist am Sinai zwischen Gott und den Stämmen Israels ein sakrales Verhältnis begründet worden. In Anlehnung an die damals bei den Völkern des Orients üblichen Bundesschlüsse auf Gegenseitigkeit wurde ein dauerhafter Bund geschlossen, der folgenden Inhalt hatte: Die Stämme Israels verkünden die Größe des Schöpfers Jahwe. Dieser verleiht eine Gesetzesurkunde von 613 Geboten und Verboten, deren Zentrum die zehn Gebote sind. Hält Israel treu zu Jahwe, geleitet er es durch die Stürme der Geschichte, wird es dem Bund untreu, kommt es zu Katastrophen. Das ist die aus dem Bundesschluss resultierende Geschichtsauffassung, die unverändert bis heute von den Juden anerkannt und gelebt wird.

Dabei sind die wichtigsten Stationen dieser Geschichte:

Um 1000 v.Chr. erobern die Israeliten unter David Jerusalem, das zur Hauptstadt wird. Sein Sohn und Nachfolger Salomo erbaut den Tempel, der zum Zentrum des Jahwe-Glaubens wird. Nach dem Tod Salomos kommt es zur Teilung des Reiches (Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria und Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem). 722 v.Chr. wird das Nordreich von den Assyrern zerstört und seine Einwohner verschwinden als die verlorenen zehn Stämme aus der Geschichte, indem sie sich assimilierten. 586 v.Chr. wurde Jerusalem von den Babyloniern unter Nebukadnezar erobert, der Tempel fiel in Trümmer, der letzte König, Zedekija, wurde gefangen genommen und die Bevölkerung nach Babylonien verschleppt.

Nach der vom Perserkönig Kyros erlaubten Rückkehr des Stammes Juda aus dem babylonischen Exil (etwa 520 v.Chr.) erfolgte die erneute Verkündigung der Tora, besonders durch den Priester Esra.

Nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer unter dem Feldherrn Titus, der später Kaiser wurde, kam es zur Zerstreuung der Juden in die ganze Welt (= Diaspora).


Der jüdische Glaube

Der jüdische Religionsphilosoph Moses Maimonides (1135-1204) unternahm den Versuch einer Formulierung des jüdischen Glaubens in dreizehn Artikeln, wie sie heute noch gültig sind:

  1. Ich glaube mit voller Überzeugung, dass der Schöpfer alle Geschöpfe erschaffen hat und lenkt und dass er allein alle Werke vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird.
  2. Ich glaube, dass der Schöpfer einzig ist.
  3. Ich glaube, dass der Schöpfer kein Körper ist und Körperliches ihm nicht anhaftet.
  4. Ich glaube, dass der Schöpfer der Erste ist und der Letzte sein wird.
  5. Ich glaube, dass der Schöpfer allein Anbetung verdient und dass es sich nicht gebührt, ein Wesen außer ihm anzubeten.
  6. Ich glaube, dass alle Worte der Propheten wahr sind.
  7. Ich glaube, dass das Prophetentum des Mose wahr ist und dass er der Meister aller Propheten war, die vor ihm waren und die nach ihm kamen.
  8. Ich glaube, dass die ganze Tora, wie wir sie jetzt besitzen, unserem Lehrer Mose gegeben wurde.
  9. Ich glaube, dass die ganze Tora nie vertauscht wurde und dass keine andere vom Schöpfer ausgehen wird.
  10. Ich glaube, dass der Schöpfer alle Handlungen der Menschen und alle ihre Gedanken kennt, denn so heißt es: "Er, der ihre Herzen allesamt gebildet hat, versteht auch all ihr Tun."
  11. Ich glaube, dass der Schöpfer Gutes erweist denen, die seine Gebote beachten, und diejenigen bestraft, die seine Gebote übertreten.
  12. Ich glaube an das Erscheinen des Messias, und wenn er auch säumt, so harre ich trotzdem täglich seiner Ankunft.
  13. Ich glaube, dass eine Auferstehung der Toten zu der Zeit stattfinden wird, die dem Schöpfer wohlgefallen wird.


Ritus, Kultus und Gemeinde

Im Judentum haben sich die einzelnen Zeremonien im Laufe der Jahrtausende herausgebildet, die auch heute eingehalten werden und von denen abzugehen für viele Juden mit Apostasie (= Abfall vom Glauben) gleichgesetzt wird.

Von den Festtagen abgesehen folgt das jüdische Zeremoniell dem menschlichen Lebenslauf. Am achten Tag nach der Geburt wird der Knabe beschnitten. Im Alter von dreizehn Jahren wird er ein Bar Mizwa, ein Sohn des Gesetzes, der ab diesem Zeitpunkt die Pflichten eines Erwachsenen zu erfüllen hat. Auch die weiteren Höhepunkte des menschlichen Lebens, wie Hochzeit und Tod, finden einen entsprechenden kultischen und zeremoniellen Ausdruck.
Der gottesdienstliche Versammlungsraum ist die Synagoge oder das Bethaus. Der Rabbiner ist kein Priester, wohl aber Seelsorger, Lehrer der Überlieferung und Richter in religionsgesetzlichen Fragen. Er wird von der Gemeinde angestellt.


Talmud

(hebr.: Lehre, Studium, Gelehrsamkeit)
Damit bezeichnet man Mischna (= Bestand mündlich überlieferter Lehrsätze, die im 2. Jahrhundert n.Chr. schriftlich fixiert und im Talmud gesammelt wurden) und Gemara (=Diskussionen über die Mischna). Man unterscheidet den älteren, vor allem historisch bedeutsamen palästinensischen Talmud, der in den Gelehrtenschulen Palästinas entstand, und den um 500 n.Chr. abgeschlossenen babylonischen Talmud der Diaspora, der noch heute die jüdische Praxis normiert. Der Talmud enthält nicht nur Regeln und Gebote für alle Situationen des Lebens (Halacha), sondern auch Bibelauslegungen, Weisheitssprüche, Anekdoten und wissenschaftliche Abhandlungen (Haggada). Er ist ein Lebensbuch, dem das Judentum sein Überdauern verdankt.

   

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