Die Postulate der praktischen Vernunft nach Immanuel Kant

I. Kant

Immanuel Kant (1724-1804) studierte Philosophie, Mathematik und Theologie in seinem Geburtsort Königsberg (früher Preußen, heute Russland), wo er auch seit 1770 Professor für Philosophie war.

Der Mensch ist von Natur aus böse

In seiner Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" bezieht sich Kant auf ein Zitat des Horaz (Horatius, römischer Dichter, 65 - 8 v.Chr.): "Vitiis nemo sine nascitur" - Ohne Fehler wird niemand geboren. Laster, Verlogenheit und Grausamkeit zeigen, dass der Mensch von Natur aus nicht gut ist. Das Böse besteht darin, dass sich die Sinnlichkeit der Vernunft nicht unterordnet, sondern sie sogar zu beherrschen sucht.

Eine Besserung des Menschen kann nur von einer geistigen Wiedergeburt erwartet werden. An Christus glauben bedeutet daher, die ideale Menschheit in sich immer mehr zu verwirklichen. Hier zeigt sich der pietistische Einfluss der Erziehung Kants. Die Eltern Kants erzogen ihre neun Kinder in einem tief religiösen, vom Pietismus geleiteten Geist.

Pietismus (lat. pietas - Frömmigkeit, Ergebenheit) nannte man die vom späten 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts im Protestantismus vorherrschende religiöse Bewegung. Der Pietismus strebte über eine Vertiefung der Frömmigkeit des einzelnen Christen und die Bestätigung des Glaubens durch eine tätige Nächstenliebe eine Erneuerung der Kirche - als Vollendung der Reformation - an. Das Wort Pietist tauchte 1677 als Spottbezeichnung (Frömmler, Heuchler) auf, erlangte aber bald eine ausgesprochen positive Bedeutung.


Begriffsklärung

Das Wort Postulat kommt vom lat. Verb postulare, das fordern, behaupten bedeutet. Die Postulate bezeichnen bei Kant jene Behauptungen, die zwar nicht bewiesen werden können, wohl aber Voraussetzungen für ein moralisches Handeln sind. Ein Postulat ist ein "theoretischer, aber als solcher nicht erweislicher Satz, sofern er einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetz unzertrennlich anhängt", d.h. ein Satz, der angenommen werden muss, soll nicht das Sittengesetz und seine Befolgung sinnlos erscheinen. Mit anderen Worten: Diese Postulate lassen sich theoretisch nicht beweisen, haben aber, da ohne sie sittliches Handeln nicht zu begründen ist, praktische Geltung.

Die Postulate

Die von Kant formulierten Postulate haben für den Menschen eine praktisch-regulative Wirkung.

  1. Wer seine sittliche Aufgabe erfüllen soll, der muss auch frei sein. Ein Mensch, der nicht frei ist, kann für sein Tun nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Freiheit ist also ein Postulat der Sittlichkeit.
  2. Das Sittengesetz verlangt vom Menschen eine Heiligkeit des Wollens. Diese ist aber in unserem kurzen Leben unerreichbar. Es muss daher eine Unsterblichkeit geben, in der sich der Mensch dem Ideal der Vollkommenheit nähert. Die Unsterblichkeit ist also ein Postulat, das sich aus der Sittlichkeit der Freiheit ergibt.
  3. Die Tugend verlangt Lohn, das Laster Strafe. Von einem gerechten Ausgleich kann auf dieser Welt keine Rede sein. Es muss daher einen Gott geben, der diesen Ausgleich herbeiführen wird. Gott ist also ein Postulat, das sich aus der Sinnhaftigkeit der Sittlichkeit ergibt.

Theologische Bewertung

Kant vollzog letztlich doch eine beträchtliche Einengung des menschlichen Geistes und seiner Geschichte auf das Moralische, noch dazu in einem starken formalen Verständnis.

Die religiöse Frage ist (nach der theoretischen und ethischen Frage, was ich wissen kann und tun soll) die dritte Frage: Was darf ich hoffen? Darf ich ausschauen nach einem höchsten Gut, einer moralischen Würdigkeit und einer letzten Glückseligkeit? Kant meint, zuerst soll der Mensch würdig sein, dann erst soll er glückselig sein wollen.

Das Christentum eröffnet aber andere Perspektiven. Bei aller Wertschätzung der Pflicht, bei aller Hochschätzung der Moral, bei allem Wissen um die menschliche Verderbtheit, Menschsein findet seine Erfüllung in der Liebe. Gut soll der Mensch nicht bloß aus Pflicht sein, sondern aus Liebe. Das Gute ist nicht die Vollendung der Pflicht, sondern die Liebe ist die Vollendung des Guten. Das sind die beiden verschiedenen Akzente, die aber natürlich keine Ausschließlichkeit bedeuten.


   
Seite 1, Homepage
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF