Katakomben - das aus dem Grab entstandene Christentum...

von Nikolaus Werle

Als Katakomben bezeichnet man seit dem sechzehnten Jahrhundert die damals wiederentdeckten unterirdischen Begräbnisstätten der Christen. Der Name selbst geht auf den einzigen stets zugänglich gewesenen Friedhof bei der Basilika San Sebastiano in Rom zurück, der den antiken Ortsnamen catacumbas (κατα κυμβας - bei der Schlucht) behalten hatte. In der Nachahmung der Bestattung Jesu pflegten die Christen ausnahmslos den Brauch der Erdbestattung. Die zahlreichen christlichen Katakomben haben ihren Ursprung im zweiten Jahrhundert und wurden bis Mitte des fünften Jahrhunderts ausgebaut. Ursprünglich waren sie ausschließlich Begräbnisstätten. Hier trafen sich die Christen zu den Beerdigungsriten, zum Jahrgedächtnis der Märtyrer und der Verstorbenen.

Die Gänge in allen christlichen Katakomben des alten Rom zusammen dürften eine Länge von etlichen hundert Kilometern haben, alle Stockwerke zusammengezählt. Manchmal erreichen sie eine Höhe von 8 m. Immer wieder musste die Festigkeit des Tuff-Gesteins auf seine Haltbarkeit überprüft und entschieden werden, in welche Richtung weitergegraben werden konnte, und es galt, auch die oberirdischen Grundstücksgrenzen zu respektieren. Dazu kam die eigentliche Hauptaufgabe, die Schaffung der vielen hunderttausende Grablegen vor allem in den Gangwänden, aber auch in den Familiengrabkammern und Krypten.

In der Verfolgungszeit dienten sie nur in Ausnahmefällen kurzzeitig als Zufluchtsort für die Feier der Eucharistie.

Nach Ende der Verfolgungszeit, vor allem zur Zeit des Papstes Damasus I. (366-384), wurden die Katakomben Heiligtümer der Märtyrer, Zentren der Verehrung und Ziel von christlichen Pilgern aus allen Teilen des römischen Reiches.

Zu dieser Zeit gab es in Rom auch oberirdische Friedhöfe, die Christen bevorzugten die unterirdischen Begräbnisstätten deshalb, weil sie den heidnischen Brauch der Totenverbrennung ablehnten. Nach dem Beispiel Christi wünschten sie die Körperbestattung, auch aus Achtung vor dem Leib, der eines Tages zur Auferstehung von den Toten bestimmt ist.

Auch andere Gründe sprachen für die unterirdische Begräbnisform. Sie entsprach dem Gemeinschaftssinn der Christen, wollten sie doch auch im Schlaf des Tode beieinander sein. Zudem erlaubten diese Orte vor allem in der Verfolgungszeit, sich diskret und ungestört zusammenzufinden, sowie auch frei die christlichen Symbole zu verwenden.

In Übereinstimmung mit dem römischen Gesetz, welches jede Beisetzung Verstorbener innerhalb der Stadtmauern verbot, liegen alle Katakomben an den großen Konsularstraßen und in der Regel in der Nähe der Gebiete der damaligen Vororte Roms.

Im ersten Jahrhundert hatten die Christen Roms keine eigenen Friedhöfe. Falls sie Grundbesitz hatten, beerdigten sie ihre Verstorbenen dort, sonst benutzten sie die allgemeinen Friedhöfe.

In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts begannen die Christen nach einigen Landschenkungen ihre Verstorbenen unterirdisch beizusetzen - die Katakomben entstanden. Viele von ihnen entstanden und entwickelten sich um Familiengrabstätten von Neubekehrten, welche diese nicht nur für die eigene Familie, sondern auch für die Brüder und Schwestern im Glauben bereitstellten. Im Lauf der Zeit weiteten sich diese Beerdigungsstätten aus, oft auf Initiative der Kirche hin. Ein typisches Beispiel dafür sind die Katakomben des hl. Kallixtus: Die Kirche übernahm ihre direkte Organisation und Verwaltung als Gemeindefriedhof.



Stefano Maderno schuf diese Skulptur der heiligen Cäcilia (circa 200 bis 230 in Rom) nach der Auffindung ihres Leichnams im 16. Jahrhundert.

Nach dem Mailänder Edikt der Kaiser Konstantin und Licinius vom Februar 313 wurden die Christen nicht mehr verfolgt. Sie konnten frei ihren Glauben bekennen, Kultstätten und Kirchen innerhalb und außerhalb der Stadtmauern errichten und ohne Beschlagnahmungsgefahr Grundstücke erwerben. Trotzdem dienten die Katakomben zunächst weiterhin als reguläre Friedhöfe, bis zu Beginn des fünften Jahrhunderts die Kirche dazu überging, ausschließlich oberirdisch oder in den bedeutenden Märtyrern geweihten Basiliken zu beerdigen.

Als während der Völkerwanderung Ostgoten und Langobarden in Italien einfielen und bis nach Rom gelangten, zerstörten sie zahlreiche Monumente und plünderten viele Orte, einschließlich der Katakomben. Hilflos gegenüber solchen wiederholten Verwüstungen ließen die Päpste gegen Ende des achten und Anfang des neunten Jahrhunderts die Reliquien der Märtyrer und Heiligen in Kirchen innerhalb der Stadt übertragen.

Nach Abschluss der Reliquienübertragungen wurden die Katakomben nicht mehr besucht und gerieten allmählich in Vergessenheit, mit Ausnahme derer des hl. Sebastians, des hl. Laurentius und des hl. Pankratius. Im Laufe der Zeit zerstörten und verbargen Erdrutsche und die Vegetation die Eingänge zu den anderen Katakomben, bis von ihnen keine Spur mehr zu finden war. Das späte Mittelalter wusste nicht einmal mehr, wo sie überhaupt gewesen waren.


Frühchristliche Symbole

Da die Christen ihren Glauben nicht offen bekennen konnten, benutzten sie Symbole, welche sie an die Wände der Katakomben malten oder noch häufiger in die Marmorplatten einritzten, welche die Gräber verschlossen.

Wie überhaupt die Antike liebten auch die Christen die symbolische Ausdrucksweise. Die Symbole stellten ihnen ihren Glauben deutlich sichtbar vor Augen. Unter Symbol verstand man ein konkretes Zeichen oder eine Figur, welche nach Absicht seiner Schöpfer an eine Idee oder an eine spirituelle Wirklichkeit erinnert. Die wichtigsten christlichen Symbole sind der der Gute Hirte, das Christus-Monogramm und der Fisch.

Der Gute Hirte mit dem Schaf auf seinen Schultern stellt den Erlöser, Christus, dar mit der von ihm geretteten Seele. Dieses Symbol findet sich häufig auf Fresken, Sarkophag-Reliefs, als Skulptur und eingeritzt auf Grabplatten.


Marmorplatte mit dem Siegeszeichen
Kaiser Konstantins
(Christus-Monogramm), 4.Jhd.

Das Christus-Monogramm wird aus zwei griechischen Buchstaben gebildet, dem ineinander geschriebenen X (chi) und P (rho). Es sind dies die beiden ersten Buchstaben des griechischen Wortes ΧΡΙΣΤΟΣ, also Christus.

Der Fisch: das griechische Wort dafür ist IXΘYΣ (Ichthys). Wenn man die fünf griechischen Buchstaben senkrecht anordnet, bilden sie ein Akrostichon: Iesùs Christòs Theòu Yiòs Sotèr, also: Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser. Der Fisch ist ein weit verbreitetes Symbol für Christus, Kennzeichen und Bekenntnis des christlichen Glaubens.

Alpha und Omega sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Im Kapitel 22, Vers 13 der Offenbarung des Johannes heißt es: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“

Der Anker ist ein Symbol für die Seele, welche glücklich den Hafen der Ewigkeit erreicht hat.

  

Der Phönix galt als ein mythischer Feuervogel, der aus seiner eigenen Asche zu neuem Leben entstand. Für die Christen ist er ein Auferstehungs-Symbol, weil er die Einzigartigkeit Christi darstellt.


Wegen des kostbaren Schatzes an Bildern, Inschriften, Skulpturen werden die Katakomben als authentische Archive der Ursprünge der Kirche angesehen, welche die Gebräuche, die Riten und die christliche Lehre dokumentieren, wie sie damals verstanden, gelehrt und gelebt wurden.

Obgleich die Katakomben hauptsächlich Friedhöfe waren, rühren sie noch heute die Herzen der Besucher in ihrer stillen und wirksamen Sprache an. In den Katakomben spricht alles mehr vom Leben als vom Tod. Jeder Gang, jedes Symbol oder Fresko, jede Inschrift lässt die Vergangenheit wieder lebendig werden und verweist auf die Botschaft des christlichen Glaubens.

⇒ Neuinterpretation des Todes in der Antike





   
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Katakomben
Symbole
Der neue Tod