Die Offenbarung des Johannes

Apokalyptische Literatur

Nach dem Verschwinden der alttestamentlichen Prophetie und im Zusammenhang mit der schweren politischen Lage des jüdischen Volkes im hellenistischen Zeitalter bildete sich die spätjüdische Apokalyptik heraus. Sie knüpfte einerseits bei den Propheten, andrerseits bei der Weisheitsliteratur an.

Bei der Apokalyptik (apokalypsis, gr.: Enthüllung, Offenbarung) geht es um Enthüllung von Geheimnissen, die insbesondere den weiteren Weltablauf zum Inhalt haben. Eingeweihten wird über künftige Dinge Mitteilung gemacht. Dabei soll durch ein geheimnisvolles Dunkel, das die Texte durchzieht, eine besondere Attraktivität erreicht werden. Herausgegeben werden die Apokalypsen unter den Namen großer Frommer der Vergangenheit, z.B. Abraham, Jakob, Mose, Daniel u.a. Die unter dem letztgenannten Namen geschriebene Apokalypse ist die älteste erhaltene. Sie ist auch die einzige, die in den Kanon des AT aufgenommen worden ist.

Mit der Fiktion der Verfassernamen verbindet sich oft die Vorstellung, dass die Werke, nachdem sie ihren Schreibern durch geheime Offenbarungen (z.B. Träume oder Visionen) mitgeteilt worden sind, zunächst "versiegelt" wurden. In der Gegenwart wurden sie dann aufgefunden und geöffnet. Nun erfährt der Leser, dass die alten Frommen den bisherigen Verlauf der Geschichte zutreffend "vorausgeschaut" haben. Dadurch wird das Vertrauen in die Richtigkeit der weiteren Zukunftsschau gestärkt.

Der apokalyptische Entwurf der Weltgeschichte

Das zu Grunde liegende Konzept ist sehr einfach: Dieser Weltzeit folgt die kommende. Sie steht dicht bevor. Die Ereignisse, die vorher noch eintreten sollen, werden in einer Art "Fahrplan" geschildert. Der Leser weiß also oder kann es durch Beobachtung der Zeichen der Zeit erfahren, an welcher Stelle des Ablaufs der Geschichte er lebt. Der kommenden Heilszeit gehen Katastrophen von weltweitem Ausmaß voran. In der bedrängenden Gegenwart soll dem Leser das Wissen um die kommende Herrlichkeit vermittelt werden, damit er nicht wankend wird, sondern treu das Gesetz bewahrt und so die Aussicht hat, im kommenden Weltgericht zu bestehen.

Das apokalyptische Gedankengut war weit verbreitet. Es findet sich unter anderem in den am Toten Meer gefundenen Schriften von Qumran - aber auch im Neuen Testament (z.B. 2Thess 2,1-12 oder Mk 13)

Verfasser

Den Lesern stellt sich der Verfasser mit seinem Namen Johannes (hebr., "Gott ist gnädig") vor. Die altkirchliche Tradition identifizierte ihn seit dem zweiten Jahrhundert mit dem Apostel Johannes. Sachlich ist diese Zuordnung jedoch ohne Gewicht, denn weder beruft sich der Verfasser auf seine Zugehörigkeit zum Zwölferkreis noch macht er irgendwie Gebrauch von seiner Augenzeugenschaft der Ereignisse um Jesus von Nazaret.

So bleibt der Verfasser dieses Buches für uns, möglicherweise aber nicht für seine damaligen Leser, anonym, obwohl wir seinen Namen wissen. Nicht zweifelhaft ist, dass der Autor jüdischer Herkunft war. Darauf weist nicht nur seine Vertrautheit mit dem apokalyptischen Gedankengut und dem hebräischen AT hin, sondern vor allem die Tatsache, dass manche Teile seines Werkes den Eindruck wörtlicher Übersetzung aus dem Hebräischen machen.

Abfassungsort, Abfassungszeit

In Offb 1,9 wird die Insel Patmos (vor der kleinasiatischen Küste) als Ort der Berufungsvision des Johannes angegeben. Patmos wurde vom römischen Staat als Verbannungsort benutzt.

Da der Verfasser offenbar auf schon geschehene Verfolgungen zurückblickt und noch schwerere erwartet, liegt es nahe, einen Zeitpunkt anzunehmen, der durch eine Verschärfung der Situation für die Christen gekennzeichnet ist. Das war zur Zeit Kaiser Domitians (81-96) der Fall, der an vielen Orten des Römischen Reiches (z.B. in Ephesus) Statuen von sich aufstellen ließ, vor denen dem Kaiser, der den Titel "Dominus et Deus" (Herr und Gott) führte, gehuldigt werden sollte. Die Vision vom zweiten Tier (Offb 13,11-18) scheint nun vorauszusetzen, was Domitian praktizierte: Verfolgung und Tötung derer, die "das Bild des Tieres nicht anbeten wollten". Daher spricht viel dafür, dass das Buch gegen Ende der Regierungszeit des Domitian abgefasst wurde.

Konzept

Für das Verständnis der Aussage des Werkes sind zwei Feststellungen entscheidend: Die Gemeinden, denen der Verfasser schreibt, leben in der Verfolgung durch die römische Macht (z.B. 1,9 oder 6,9-11). Das Ende der Welt aber wird in nächster Zeit erwartet (z.B. 1,1 oder 22,6).

Das Buch erweist sich damit als eine zeitbedingte, höchst aktuelle Schrift, die man keineswegs aus ihrer Zeit herauslösen darf, indem man die nah ersehnte, aber nicht eingetroffene Wiederkunft Christi einfach in die Zukunft verlegt. Nicht nur in den zurückliegenden Jahrhunderten wurde die Zukunftsschau des Verfassers mit vergangenen oder noch ausstehenden Ereignissen der Weltgeschichte zu identifizieren versucht. Das würde nicht nur zu einem Missverständnis der Aussage, sondern zugleich zu einem Missbrauch des Buches führen, wie es in der Kirchengeschichte in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart, insbesondere durch Schwärmer und Sekten, geschehen ist. Der Verfasser wollte nicht späteren Generationen, sondern seiner eigenen bedrängten Zeit etwas sagen.

Für den Verfasser des Buches steht das Motiv der Entscheidung im Vordergrund. Immer wieder ruft Johannes zur Standhaftigkeit (z.B 14,12), zur Wachsamkeit (z.B.16,15) und zum Bewahren des Glaubens (z.B. 2,10) auf. Darauf kommt es ihm in dieser notvollen Gegenwart an. Indem er seine Leser durch die Wirren der Gegenwart auf das große Ende hindurchblicken lässt, will er ihnen Hoffnung geben (z.B. 21,4). Der Verfasser will also nicht zu phantastischen Spekulationen anleiten, er bedient sich bloß der im Judentum bekannten apokalyptischen Literatur. Ohne die Not der Gegenwart oder die noch kommenden Entbehrungen zu verharmlosen, will er die unter dem Druck der römischen Macht erlahmende Hoffnung zu neuem Leben entfachen. Dabei ruft er zu Treue und Standhaftigkeit auf.

Inhalt

Der Schlüssel für die Gliederung des Werkes dürfte in 1,19 liegen. Der Seher bekommt den Auftrag niederzuschreiben, was er gesehen hat, was ist, was hernach geschehen soll.

Als Hauptinhalt des Werkes wird knapp angegeben: "was in Kürze geschehen muss". Sieben Gemeinden der Provinz Asia werden angeredet und kurz charakterisiert. In einer Berufungsvision (1,9-20) sieht der Seher den Menschensohn mit sieben Sternen in der rechten Hand inmitten sieben goldener Leuchter. Dieser berührt den angesichts der Vision wie tot umgefallenen Johannes und gibt sich als Herr des Todes und der Hölle zu erkennen. Der Seher bekommt den Auftrag, das Gesehene niederzuschreiben.

Der Hauptteil (Kapitel 4 bis 22) handelt dann von dem, "was hernach geschehen soll". Es geht zunächst um die Ankündigung des kommenden Gerichts (4-11). Dann folgt der Kampf gegen die Widersacher Christi und der Kirche, der mit dem Fall Babylons endet (12-18). Schließlich folgt der endzeitliche Triumph (19-22,5).

Im Schluss des Buches (22,6-21) findet sich eine erneute Forderung, das Gesehene zu verkünden.

Zahlensymbolik

Im Lauf der Jahrhunderte gab es zahlreiche Spekulationen und Deutungsversuche der in der Apokalypse vorkommenden Zahlen. Die Zahlensymbolik, die ihren Ursprung in der babylonischen Kultur haben dürfte, meint, dass es hinter dem Rechenwert der Zahl auch eine mystische oder religiöse Bedeutung gibt.


   
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