Die politische und religiöse Situation in Palästina zur Zeit Jesu

Jesus lebte in einem von den Römern besetzten und in Parteien gespaltenen Land. Diese religiösen Parteien standen sich zum Teil in erbitterter Feindschaft gegenüber.

Die Pharisäer  

Sie vertraten politisch einen gemäßigten Standpunkt und waren die eigentlichen religiösen Führer des Volkes. Die meisten Schriftgelehrten gehörten ihrer Partei an. Bei aller religiösen Ernsthaftigkeit führte ihr übertriebener Eifer für das Gesetz des Mose und die Reinheitsvorschriften des Alten Testaments zu einer nicht selten hochmütigen Verachtung des Volkes. Das strenge Urteil Jesu über die Pharisäer betrifft weniger ihre Lehre als ihre Arroganz gegenüber dem Volk. Dieser Gegensatz führte schließlich auch zur Hinrichtung Jesu.

  Die Sadduzäer

Sie hatten ihre Anhänger vor allem unter der priesterlichen Aristokratie der Hauptstadt (benannt waren sie nach dem etwa um 1000 v.Chr. lebenden Hohenpriester Zadok). Sie vertraten eine liberalere und weltlichere Lebenshaltung als die Pharisäer. Die Tora anerkannten sie, leugneten aber die Auferstehung von den Toten und passten sich den Römern an. Ihre Macht war bedeutend, da sie den Hohenpriester stellten.

Die Zeloten (Eiferer)  

Sie waren Mitglieder einer Partei, die sich vor allem beim jüdischen Aufstand (67-70) betätigte, da sie die Eigenständigkeit des Staates wiederherstellen wollte. Die Zeloten waren die erbittertsten Gegner der römischen Besatzungsmacht. Manche zählen einen der zwölf Apostel, Simon den Kananäer, zu den Zeloten.

  Die Essener (Frommen)

Sie lebten hauptsächlich in einer ordensähnlichen Gemeinschaft am Toten Meer. Den Tempeldienst und seine Opfer lehnten sie ab. Sie beschäftigten sich mit Studien, Spekulationen philosophischer und theologischer Art und beteiligten sich nicht am allgemeinen Leben der Juden. Manche zählen Johannes den Täufer zu den Essenern.

Der Tempel  

Das religiöse Zentrum zur Zeit Jesu war bei den Juden der Tempel in Jerusalem.

König Salomon (um 965-926) erbaute den ersten Tempel. Über das Aussehen dieses Bauwerks wissen wir deshalb ziemlich genau Bescheid, weil es in lKg 6 beschrieben wird. Das Zentrum des Tempels, das Allerheiligste, war ein kubischer Bau ohne Fenster (9m x 9m x 9m). Hier befand sich die Bundeslade, ein Kasten aus Akazienholz, in dem sich die hölzernen Gesetzestafeln befanden. 586 vChr wurde dieser Tempel vom babylonischen König Nebukadnezar zerstört und die Juden in die babylonische Gefangenschaft verschleppt.

Der Perserkönig Kyros erlaubte 538 vChr den Juden die Rückkehr und den Wiederaufbau des Tempels. Unter der Leitung des Statthalters Serubbabel kam es durch persische Gelder und freiwillige Spenden zum Neubau. Er stand an der alten Stelle. Die früheren Lampen wurden durch den siebenarmigen Leuchter ersetzt. Das Allerheiligste war vom nächsten Raum, dem Heiligen, nur noch durch einen Vorhang getrennt.

Nach Abschluss seiner Festungs- und Palastbauten begann Herodes der Ältere im Jahre 19 vChr auch den Tempel zu erneuern. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde er eingeweiht, aber erst 64 nChr endgültig fertig, wurde er bereits 70 nChr von den Römern unter ihrem Feldherrn Titus endgültig zerstört. Seit diesem Zeitpunkt wurde er nicht mehr aufgebaut und die Juden wurden in alle Welt verstreut.

Jesus und die ersten Christen hatten zum Tempel und zum Tempelkult eine differenzierte Einstellung: Einerseits achteten sie die Tradition und das Vermächtnis ihrer Vorfahren, andrerseits kritisierten sie die Veräußerlichung, die Kommerzialisierung und die Exklusivität des Tempelkults.


   
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