Die Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth

von Nikolaus Werle


Michelangelo Merisi (genannt Caravaggio nach dem Herkunftsort seiner Eltern,
geb. am 29. September 1571 in Mailand, gest. am 18. Juli 1610 in Porto Ercole in Latium):
* Dornenkrönung *
Kunsthisorisches Museum Wien

Unser Wissen über das Sterben und den Tod des Jesus von Nazareth basiert vor allem auf den Berichten der vier Evangelien, die zwar in erster Linie Glaubensdokumente sind, aber doch die wesentlichen Fakten in verschiedenen Nuancen beleuchten. Neben den immer wieder bezeugten und festgehaltenen Ereignissen, die sich in aller Öffentlichkeit abgespielt haben, wird vor allem ein Argument für die Historizität der Evangelien angeführt: Ein in den Augen der Welt schrecklich zugerichteter Messias, der noch dazu gekreuzigt wird, was damals als besondere Schmach angesehen wurde, entspricht in keiner Weise der Erwartungshaltung derer, die den Messias herbeigesehnt haben. Daher wurde die Nachricht, dass dieser Gekreuzigte von den Toten auferstanden und den Menschen zu Gott vorausgegangen sei, von vielen mit Spott und Unglauben aufgenommen. Die Ereignisse um das Leiden und den Tod Jesu als raffiniert ausgedachte Lügengespinste zu entlarven, wurde daher von den meisten Historikern abgelehnt.

Die Evangelien haben bei aller Verschiedenheit folgende Gemeinsamkeiten:
Die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes versammelten sich im Palast des Kajaphas und beschlossen, Jesus wegen seines Einflusses auf das Volk zu töten. Einer der zwölf Apostel, Judas Iskariot (Iskariot war ein kleiner Ort in der Nähe Jerusalems), ging zu den Hohenpriestern und bot ihnen an, Jesus zu verraten. Die Priester gaben ihm dafür dreißig Silberstücke.

Am Paschafest, dem Fest der Ungesäuerten Brote, das zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten begangen wird, versammelte sich Jesus mit den Aposteln, um dieses Fest zu feiern, das sein letztes Abendmahl wurde. Bei diesem vollzog er das größte Mysterium des christlichen Glaubens, die Verbindung derer, welche an ihn glauben, mit ihm durch das Essen des Brotes und das Trinken des Weines.

Nach diesen heiligen Riten ging Jesus mit seinen Jüngern zum Ölberg. Er ahnte sein bevorstehendes Schicksal und sagte zu Petrus: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verraten.” Da sagte Petrus zu ihm: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich nie verleugnen.” Ähnliches sagten auch alle anderen Jünger. Darauf zog sich Jesus mit einigen Jüngern in einen Park zurück, den man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: „Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete.” Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit und er sagte zu ihnen: „Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!” Und er ging ein Stück weiter und betete. Als er zu den Jüngern zurückging, fand er sie schlafend. Da sagte er: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.”

Nun kam Judas mit einer Truppe von Soldaten, mit denen er vereinbart hatte, dass sie den verhaften sollten, den er küssen würde. Jesus wurde daraufhin zu den Hohenpriestern und den Ältesten in den Palast des Kajaphas geführt. Diese ließen Jesus fesseln und dem römischen Statthalter Pontius Pilatus ausliefern.

Als Judas all dies realisierte, packte ihn tiefe Reue über seinen Verrat. In seiner Verzweiflung warf er das Silber in den Tempelschatz und erhängte sich. Die Hohenpriester ließen mit dem Geld ein Grundstück namens Töpferacker kaufen als Begräbnisplatz für Fremde.

Jesus wurde nun vor Pontius Pilatus geführt. Der Statthalter, der die Hohenpriester und die Ältesten durchschaute, fragte das versammelte Volk, ob er anlässlich des Festes der Ungesäuerten Brote Jesus oder Barabbas, einen berüchtigten Verbrecher, freilassen solle. Der Pöbel forderte, von den Hohenpriestern und den Ältesten angestachelt, dass Jesus gekreuzigt werden solle. Als Pilatus sah, dass er nichts erreichen konnte, sondern im Gegenteil der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: „Ich wasche meine Hände in Unschuld. Das ist eure Sache!” Darauf ließ Pontius Pilatus Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.

Die weltlichen und geistlichen Autoritäten der Juden und die römische Besatzungsmacht trafen sich hier aus verschiedenen Gründen. Die Hohenpriester und Ältesten sahen durch Jesus ihr Deutungsmonopol des Gesetzes des Moses gefährdet und bangten um ihren Einfluss beim Volk, und die Römer wollten alles, was ihnen als Unruhestiftung und Aufmüpfigkeit erschien, im Keim ersticken.

Die Soldateska hatte nun freie Hand. Die Soldaten rissen Jesus die Kleider vom Leib und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen, den sie ihm aufsetzten und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: „Heil dir, König der Juden!” Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.

Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte außerhalb Jerusalems, die Golgota hieß, zwangen die Soldaten einen Mann, Simon von Cyrene, dem völlig erschöpften Jesus das Kreuz tragen zu helfen. Einer Frau namens Veronika** erlaubten sie, das Antlitz Jesu mit einem angefeuchteten Tuch abzuwischen. Auf ihrem Tuch soll ein Abdruck des Gesichts Jesu zurückgeblieben sein, der als einzige reale Darstellung der Gesichtszüge Jesu gilt. In Byzanz wurde dieses als kostbarste Reliquie angesehene Tuch als Mandylion bekannt. Diese Reliquie verschwand zur Zeit des lateinischen Kaisertums, also zur Zeit der Kreuzzüge.

Zur gleichen Zeit erschien erstmals im Westen das so genannte *Grabtuch von Turin*, dessen Herkunft und Bedeutung trotz genauer Untersuchungen immer noch nicht geklärt ist. Das *Mandylion von Edessa*, wird in der Privatkapelle des Papstes im Vatikan aufbewahrt. Der Vatikan betrachtet das Bildnis als die älteste Darstellung Christi. Das Grabtuch von Turin befindet sich im Turiner Dom.

Jesus wurde in der damals üblichen Weise gekreuzigt. Um die neunte Stunde, 15 Uhr, starb er.

Joseph von Arimatäa, ein wohlhabender Mann, der sich schon geraume Zeit für die Lehre Jesu interessiert hatte, erhielt von Pontius Pilatus die Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz abnehmen zu lassen, die üblichen Salbungen vorzunehmen und, wie es noch heute im Orient üblich ist, ihn schnell zu bestatten. Er ließ den toten Jesus in ein noch unbenütztes Felsengrab bringen, das er neu erworben hatte.

Damit beenden die vier Evangelien ihre Berichte über das irdische Leben des Jesus von Nazareth. Die Erzählungen über die Erscheinungen des Auferstandenen entziehen sich dem menschlichen Faktenwissen, da sie Bezeugungen von Glaubenden sind, die nicht überprüft werden können, aber die Geschichte der Menschheit entscheidend geprägt haben...



Ausschnitte aus dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald (1475 – 1528), heute Colmar, Elsass




Seite 1
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF