Die Kirchenväter

Gegenstand der Patrologie

Der Gegenstand der Patrologie, die ein Teil der Altertumswissenschaft ist, sind die Kirchenväter. Die Kirchenväter sind diejenigen Lehrer der alten Kirche, die in der Auseinandersetzung mit Häretikern die rechtgläubige Lehre vertraten. Der Begriff "Häretiker" (vom griech. hairesis abgeleitet, das "Wahl" oder "Gewähltes" bedeutet) wurde im frühen Christentum zunehmend im Sinne einer willkürlichen Auswahl aus dem Lehrgut der Kirche verwendet. Später bezeichnete man damit schwerwiegende Abweichungen vom christlichen Glauben, die die Wahrheit des Evangeliums entscheidend verkürzen.

Ob ein antiker Kirchenschriftsteller als Kirchenvater bezeichnet wird, hängt von seiner Bedeutung für die Entfaltung der christlichen Lehre ab. Die Kirchenväter müssen vier Kriterien erfüllen:

  1. Antiquitas (Altertum): Die Kirchenväter lebten in den für die Entfaltung der christlichen Lehre so wichtigen ersten Jahrhunderten. Im Osten endeten diese mit Johannes von Damaskus, im Westen mit Isidor von Sevilla.
  2. Fides orthodoxa (Rechter Glaube): Die Kirchenväter halten am Glauben der Tradition fest. Sie sind nicht irrtumsfrei, sondern bemühen sich, die Substanz der christlichen Theologie im Lauf der Zeit zu entfalten.
  3. Sanctitas vitae (Heiligkeit des Lebens): Als Kirchenväter wurden nur diejenigen angesehen, deren Lebenswandel als vorbildlich galt.
  4. Approbatio ecclesiae (Zustimmung durch die Kirche): Zu Kirchenvätern wurden natürlich nur diejenigen theologischen Schriftsteller, die die Billigung der gesamten Kirche fanden.

Der Vatertitel

Der Vatertitel drückte im Altertum, bei Juden, Griechen und Römern, Autorität und Verbundenheit aus. Die Antike war sich immer bewusst, dass nicht die Emanzipation der Kinder, sondern die Autorität der Väter den Bestand der Gesellschaft sichert.

Die Kirche besaß im Augenblick ihrer Entstehung bereits die Überzeugung, Ziel einer langen Geschichte zu sein. Die Patriarchen und Propheten des Alten Testaments wurden von den ersten christlichen Gemeinden als geistige Vorfahren angesehen.

Bei der Ausbreitung des Christentums zu den Griechen blieb dieses Kontinuitätsbewusstsein erhalten, erfuhr aber eine Akzentverschiebung. Für die Griechen war die Geschichte ein Prozess, der sich nur in Richtung zunehmender Unordnung entwickeln kann. Das Heil kann nicht im geschichtlichen Fortschritt liegen, weil jeder Fortschritt als ein Fortschritt zum Schlechteren angesehen wurde.

Bei den Römern fielen die Bereiche der Frömmigkeit und Sittlichkeit ineinander. Gottlos ist es, von der Sitte der Väter abzuweichen. Der Mensch soll sich nach dem richten, was die Vorfahren gesagt und getan haben, um göttlichen Segen zu erhalten.


Die großen griechischen Kirchenväter

Zu ihnen zählen: Athanasios von Alexandrien, Basileios der Große, Johannes Chrysostomos und Kyrillos von Alexandrien. Origines nimmt eine Sonderrolle ein. Mit Johannes von Damaskus (gest. 749) endet die Zeit der griechischen Kirchenväter.

  Origines (185-253)

Wegen seiner überreichen Begabung und seiner Vielschichtigkeit wurde ihm im christlichen Altertum nur Augustinus zur Seite gestellt. Über wenige Autoren des Altertums sind wir so gut unterrichtet wie über Origines. Dies ist vor allem das Verdienst des Historikers Eusebios von Kaisareia, einem seiner größten Bewunderer. Als Sohn christlicher Eltern erhielt Origines eine umfassende hellenistische Ausbildung. Nach dem Märtyrertod seines Vaters fiel ihm als ältestem Sohn die Aufgabe zu, die Familie zu erhalten.

Origines war voller Eifer für die Wissenschaft und die Askese. Er wurde bereits als junger Mann vom Bischof mit der Leitung der christlichen Schule von Alexandrien berufen. In persönlicher Armut führte er ein strenges, asketisches Leben. (In seinem asketischen Übereifer entmannte er sich.)

Die Theologie hat mit Origines auf jedem Gebiet eine bedeutende Entfaltung erzielt: In der Trinitätslehre, der Christologie, der Sakramentenlehre, der Bibelauslegung und in einer vom Neuplatonismus (Origines war mit dem neuplatonischen Philosophen Ammonios Sakkas persönlich bekannt) beeinflussten Mystik. Von seinen zahlreichen Schriften ist nur ein Teil erhalten.

   Athanasios (295-373)

Er war mehr Ägypter als Grieche und sprach und schrieb koptisch. Er entstammte einer einfachen Familie und war beim Volk sehr beliebt, deshalb konnten ihm letztlich alle Auseinandersetzungen mit den staatlichen Autoritäten und den kirchlichen Gegnern nichts anhaben. Er erinnert mehr an einen Pharao als an einen Philosophen.

Mit 33 Jahren wurde er Bischof von Alexandrien. Die Zeit seines Episkopats war geprägt von der Auseinandersetzung mit Arius. (Arius sah Christus nicht wesensgleich mit Gott. Christus ist sein vornehmstes Geschöpf. 325 verurteilte das Konzil von Nizäa seine Lehre, doch sein Einfluss blieb gewaltig.)

Die bedeutendsten Schriften des Athanasios sind "Apologie gegen die Arianer" (348) und sein "Leben des heiligen Antonius", in dem er anhand der Lebensbeschreibung des berühmten Wüstenmönchs Antonius ein Programm des christlichen Mönchtums entwarf.

  Basileios (330-379)

Seine Eltern waren vornehme Christen in Kaisareia, Kleinasien. Er absolvierte seine klassischen Studien in Konstantinopel und Athen. Zunächst war er ein erfolgreicher Lehrer der Rhetorik in seiner Heimatstadt. 370 wurde er Bischof von Kaisareia. Er verteilte sein Vermögen an die Armen und war ein unerbittlicher Kritiker der schreiend ungerechten, sozialen Verhältnisse. Seine ausgeglichene Lehre verurteilte nicht den Reichtum an sich, sondern die Besitzgier. "Mehr besitzen als notwendig, heißt die Armen betrügen, heißt stehlen." Er errichtete ein Krankenhaus für Arme. Neben seiner sozialen Tätigkeit als Bischof war er aber vor allem ein hervorragender Theologe. Seine spekulative Begabung machte ihn zu einem der großen Entfalter des Trinitätsdogmas.

  Chrysostomos (344-407)

Er entstammte einer Offiziersfamilie und erhielt eine gediegene hellenistische Ausbildung. Nach einer Zeit asketischer Maßlosigkeit wurde er Bischof von Konstantinopel. Er ließ für die Kranken und Armen Hospize und Spitäler bauen. Als er die luxuriös lebende Schicht der Vornehmen an ihre Pflichten erinnerte, schlug das anfängliche Wohlwollen für den angesehenen Prediger in Abneigung um. Der Kaiser entzog ihm seine Gunst und schickte ihn 403 in die Verbannung, wo er unter entbehrungsreichen Umständen starb.

Der Großteil seines Werkes besteht aus Erklärungen der Bibel.

  Kyrillos (?-444)

Als Bischof von Alexandrien lebte er zunächst in einer turbulenten Zeit: Enteignung und Vertreibung der Juden, die grausame Tötung der platonischen Philosophin Hypatia durch einen christlichen Mob, Kampf von Mönchshorden gegen den kaiserlichen Präfekten etc.

Er fasste die Lehre der griechischen Väter des vierten Jahrhunderts zusammen. Deshalb erhielt er den Ehrentitel "Siegel der Väter".

Er versuchte, das Mysterium der beiden Naturen Christi, der göttlichen und der menschlichen, darzustellen. Dabei war er in erster Linie Kämpfer gegen den Arianismus und seine Sonderformen.


Die großen lateinischen Kirchenväter

Zu ihnen gehören Ambrosius von Mailand, Sophronius Eusebius Hieronymus, Aurelius Augustinus und Gregor der Große. Eine besondere Rolle nimmt Boethius ein. Mit Isidor von Sevilla endete die Epoche der lateinischen Kirchenväter (636).

  Ambrosius (339-397)

Nach dem frühen Tod des Vaters, eines hohen römischen Beamten, wurde er in Rom für die staatsmännische Laufbahn ausgebildet. In Mailand wurde er zum Bischof gewählt, obwohl er noch nicht einmal getauft war. Einheit und Reinheit der Kirche wurden sein Programm. Als Berater einiger Kaiser übte er einen großen Einfluss auf die kirchenpolitische Lage aus:, z.B. meinte er, dass in Glaubensangelegenheiten die Bischöfe höchste Autorität sind, nicht der Kaiser. Auch der Staat hat die Moral zu achten. Deshalb veranlasste er Kaiser Theodosius wegen des Blutbads, das er in Thessaloniki anrichten ließ, die Kirchenbuße anzunehmen.

In seinen Schriften wandte er sich besonders gegen den Arianismus. Da dieser behauptete, Christus sei das erste und vornehmste Geschöpf Gottes und gottähnlich, verwickle er sich in einen Widerspruch, denn dann hätte Gott eine Veränderung erfahren, indem er Christus hervorbrachte. Dies ist aber nicht mit der Überzeitlichkeit und Unveränderlichkeit Gottes vereinbar.

  Hieronymus (347-420)

Er stammte aus einer christlichen Familie, die in der Gegend des heutigen Laibach lebte. In Rom absolvierte er das Studium der Grammatik, Rhetorik und Philosophie und empfing auch die Taufe. Er vertiefte sich in das mönchische Leben und ließ sich zwei Jahre in der syrischen Wüste nieder, wo er sich literarischen und exegetischen Studien widmete. (Diese Episode seines Lebens regte die großen Künstler der Renaissance und des Barock zu unzähligen Bildern an.) Er wurde enger Mitarbeiter des Papstes Damasus. Nach dessen Tod musste er Rom verlassen, da man ihm seine Kritik am verweltlichten Klerus übelnahm. Er ging nach Betlehem und widmete sich ganz seinen Studien.

Sein Hauptverdienst für die Kirche bleibt seine Bibelübersetzung aus den Urtexten ins Lateinische, die Vulgata.

  Augustinus (354-430)

Er gilt als bedeutendster lateinischer Kirchenvater. Schon während seines Lebens war der dialektische Philosoph der Wegweiser der lateinischen Kirche. Als größter Philosoph und Theologe des christlichen Altertums hat er die nachfolgenden Jahrhunderte bis Thomas von Aquin wie kein anderer beherrscht. Sein Wissenschaftsideal und sein Staatsverständnis halfen wesentlich, der mittelalterlichen Gesellschaft ihr Gepräge zu geben. In seiner Sprache und seinem Stil erweckte er das Latein zu neuem Leben. Noch in der Zeit der Reformation wirkte seine Theologie auf beiden Seiten.

Auf der Höhe seines Lebens schrieb Augustinus in den Jahren 397/98 die Confessiones. Das Werk wurde zu einem der meistgelesenen Bücher der abendländischen Welt. Mit der Geschichte seines Lebens will er Antwort geben auf die Fragen: Wer ist der Mensch? Wozu des Menschen Zeit, der Menschen Geschichte? Er beschreibt die Versuche des menschlichen Wollens, den Weg des eigenen Selbst zu gehen. Des Menschen unruhiges Herz wird zum Ausdruck des Verlangens nach Erkenntnis, der Suche nach der Wahrheit, der Sehnsucht nach Vollendung und vollkommenem Frieden. Augustinus erkennt die Größe des Menschen in seiner Niedrigkeit und der Vollendung im Erbarmen Gottes.

Als Bischof von Hippo (im heutigen Algerien gelegen) schrieb er zwischen 413 und 426 sein Hauptwerk De Civitate Dei (Vom Gottesstaat). Das Reich Gottes ist von der Kirche hier und heute zu realisieren, und zwar durch nichts anderes als die Liebe zu Gott und dem Nächsten.

  Boethius (480-524)

Er entstammte dem römischen Hochadel. Boethius trat in den Dienst Kaiser Theoderichs und kam in die höchsten Staatsämter. Durch Intrigen fiel er in Ungnade und Theoderich ließ ihn nach mehrmonatiger Haft ohne Prozess hinrichten.

Er hatte begonnen, sämtliche Werke des Platon und Aristoteles zu übersetzen und zu erklären. Durch sein jähes Ende wurde der Plan nur zum Teil verwirklicht. Er veröffentlichte Schriften über Logik, über die Trinität, über Cicero und über Arithmetik und die Musik.

Sein bekanntestes Buch schrieb er im Kerker: "Über den Trost der Philosophie". Dieser Trost besteht in der Einsicht, dass der Mensch nicht am Verlust seiner zeitlichen Güter leidet, sondern an seinem Mangel an Erkenntnis, an Zuwendung und Ausrichtung auf die Scheingüter und Abwendung von den wahren Gütern. Dabei erfährt der Mensch seine Willensfreiheit als die der göttlichen Erkenntnis zugeordnete Form des Menschseins.

  Gregor (540-604)

Er entstammte der Gens Anicia, einer alten und reichen Familie des senatorischen Hochadels, die außer in Rom vor allem in Sizilien große Güter besaß. Er wurde Beamter, wendete sich aber bald den monastischen Idealen zu. In den heiklen Wirren der Völkerwanderung wurde er 590 Papst.

Er regelte die Aufgaben des Klerus, gab wichtige Impulse für die Mission, z.B. der Angelsachsen und reformierte die Liturgie.

Inzwischen ist erwiesen, dass der "Gregorianische Choral" nicht auf ihn zurückgeht.


   
Seite 1, Homepage
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF