Rembrandt Harmensz. van Rijn: Aristoteles vor der Büste des Homer
1653, Öl auf Leinwand, 143,5 × 136,5 cm. New York, Metropolitan Museum of Art

ARISTOTELES’ UNBEWEGTER BEWEGER

Nikolaus Werle

Wir begeben uns heute in das vierte vorchristliche Jahrhundert. Und wir entdecken bei dem Arztsohn, Naturforscher und Metaphysiker Aristoteles einen Gott, der wenig mit dem eifernd-zornigen und barmherzig-sorgenden Gott des Alten und Neuen Testamentes zu tun hat. Der aber genauso wenige Gemeinsamkeiten aufweist mit dem Götterhimmel des griechischen Volksglaubens, mit den Göttergestalten, die wir aus den antiken Mythen und aus den Epen des Homer oder den Tragödien von Aischylos, Sophokles oder Euripides kennen. Dieser Gott des Aristoteles ist eher eine Gestalt aus einer Art spekulativer Physik und Astronomie, eine geistige Gestalt, die den Urknall verursacht haben könnte.

Aristoteles könnte man als einen der Erfahrungswirklichkeit, der praktischen Tugend und der Naturforschung zugetanen Pragmatiker bezeichnen. Wie auch sein Lehrer Platon wurde er berühmt für seine geistigen Höhenflüge. Er begann jedoch nicht im Himmel, etwa in dem der platonischen Ideen, um in die Höhle der menschlichen Alltagsunwissenheit belehrend hinabzusteigen. Er ging nicht deduktiv von allgemeinen Prinzipien aus, sondern er begann beim Alltagsverstand, bei den Alltagsbeobachtungen, den Einzeltatsachen, um induktiv daraus ableitend zu dem höchsten Prinzip zu kommen: Gott, den unbewegten Beweger.

Der Gottesbeweis des Aristoteles findet sich in einer Schrift, die allgemein unter dem Titel „Metaphysik“ bekannt wurde. Doch diese Namensgebung beruht auf einem Missverständnis. Landläufig verstehen wir unter „Metaphysik“ das jenseits der Physik Befindliche, was also über die natürliche Welt hinaus gedacht werden kann, das Übernatürliche. Die Herleitung des Wortes „Metaphysik“ ist jedoch banaler. Die zweite Grundbedeutung von „meta“ ist nämlich „hinterher, hernach, nach“. „Ta meta ta physika“, so der Titel des berühmten Buches, heißt „das nach der Physik“. Ein Aristoteles-Herausgeber, nämlich Andronikos von Rhodos, ein Leiter der von Aristoteles begründeten peripatetischen Schule, hatte 70 n. Chr. in der Ausgabe der Lehrschriften auf die Bücher über die Naturlehre, die Physik, die Bücher nach der Physik – „ta meta ta physika“ folgen lassen. Es ging also nur um die Reihenfolge der herausgegebenen Schriften, um eine editorische Chronologie. Aristoteles selbst nannte die in diesem Vorlesungsmanuskript behandelte Disziplin die erste Philosophie, später nannte man sie lateinisch prima philosophia.

Alle anderen Wissenschaften handeln von ganz bestimmten Seienden, bestimmten Ausschnitten der Wirklichkeit, bestimmten Aspekten der Welt. Hier aber geht es um alles, was ist, und zwar insofern es existiert, nicht insofern es einem bestimmten eng umgrenzten Gegenstandsbereich angehört. Gemeint ist eine Seinslehre, welche die verschiedenen Arten des Seins kategorial einteilt und in eine Ordnung bringt. Manchmal wird die Ontologie auch als allgemeine Metaphysik und die Theologie als spezielle Metaphysik bezeichnet. Diese spezielle Metaphysik wird behandelt in den Kapiteln 6 bis 10 des 12. Buches (auch nach dem 12. Buchstaben im griechischen Alphabet Buch Lambda genannt) der metaphysischen Schriften.

Dem Urteil Hegels über Aristoteles: „Er ist eins der reichsten und umfassendsten wissenschaftlichen Genies gewesen, die je erschienen sind, - ein Mann, dem keine Zeit ein Gleiches an die Seite zu stellen hat“ (G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie II, Frankfurt 1972, S.132ff) habe ich nichts hinzuzufügen.

Leben

Aristoteles stammte aus Stagira in Thrakien. Sein Geburtsjahr ist das erste der 99. Olympiade, also 430 vChr. Er ist hiemit 46 Jahre jünger als Platon und wurde 16 Jahre nach dem Tod des Sokrates geboren. Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des makedonischen Königs Amyntas, des Großvaters Alexanders des Großen. Mit 17 kam er nach Athen, wo er 20 Jahre Schüler des Platon war. Nach dem Tod Platons verließ er Athen und verbrachte einige Jahre bei Hermias, der auch ein Schüler Platons und Herrscher eines kleinen Fürstentums in Mysien war. Der persische König Artaxerxes ließ Hermias kreuzigen und Aristoteles floh mit seiner Frau Pythias, einer Nichte des Hermias.

König Philippos von Makedonien berief ihn nun zum Erzieher seines Sohnes Alexander, der damals 15 Jahre alt war. Die Einladung Philipps ist überliefert. Er schreibt:

Ich habe einen Sohn, aber ich danke den Göttern weniger, dass sie mir ihn gaben, als dass sie ihn zu deiner Zeit geboren werden ließen. Ich hoffe, dass deine Sorgfalt und deine Einsichten ihn meiner und seines künftigen Reiches würdig machen werden.

Nach der Thronbesteigung Alexanders ging Aristoteles wieder nach Athen und gründete dort im heiligen Bezirk des Apollon eine Schule, die Lykeion genannt wurde. Alexander schrieb, als er während seiner Eroberungen „tief in Asien hörte, dass Aristoteles von dem Akroamatischen seiner Philosophie in Schriften bekannt gemacht habe, ihm einen verweisenden Brief, worin er sagte, dass er das, was sie zusammen getrieben, nicht dem gemeinen Volk hätte bekanntmachen sollen. Aristoteles antwortete Alexander, dass es ebenso wohl bekannt gemacht als nach wie vor nicht bekannt gemacht sei.“ (Hegel 137) Hegel verweist auf Aulus Gellius, Die attischen Nächte, Buch XX, Kapitel 5, wo sowohl der Brief Alexanders wie auch der des Aristoteles überliefert sind:

Alexander dem Aristoteles Wohlergehen!
Du hast nicht wohl daran getan, dass du deine akromatischen Vorlesungen herausgegeben hast. Denn was habe ich dann künftig vor den anderen noch voraus, wenn die Lehren, in denen ich unterrichtet wurde, nun Gemeingut aller werden? Ich wünsche wenigstens lieber in den edelsten Wissenschaften als in Macht und Ansehen andere zu übertreffen. Lebe wohl!

Aristoteles antwortete folgendermaßen:

Aristoteles dem König Alexander Wohlergehen!
Du schriebst mir wegen der akromatischen Vorträge und bist der Meinung, ich hätte sie geheim halten sollen. So wisse denn, dass sie zwar herausgegeben worden sind und eigentlich doch auch wieder nicht herausgekommen sind. Denn verständlich sind sie doch nur denen allein, die mich gehört haben. Lebe wohl, König Alexander!

(Dazu zwei Anmerkungen:
1) Aulus Gellius, römischer Schriftsteller, lebte im zweiten Jahrhundert nach Christus.
2) Mit akroamatisch, gr., hörbar, zum Anhören bestimmt, bezeichnet man den nur für Auserwählte zugänglichen Lehrbetrieb des Aristoteles, den er nur ausgewählten Eingeweihten mündlich in den frühen Morgenstunden zukommen ließ. Seine Vorlesungen am Nachmittag und Abend hingegen waren allgemein zugänglich. Akroamatisch ist die Methode, sofern jemand allein lehrt, erotematisch, sofern er auch fragt. Die letztere Methode kann hinwiederum in die dialogische oder sokratische und in die katechetische eingeteilt werden, je nachdem ob die Fragen entweder an den Verstand oder bloß an das Gedächtnis gerichtet sind. Man kann also durch den sokratischen Dialog lehren, in welchem sich beide fragen und auch wechselweise antworten müssen, sodass es scheint, als sei auch der Schüler selbst Lehrer. Der sokratische Dialog lehrt nämlich durch Fragen, indem er den Lehrling seine eigenen Vernunftprinzipien kennen lehrt und ihm die Aufmerksamkeit darauf schärft. Durch die gemeine Katechese aber kann man nicht lehren, sondern nur das, was man akroamatisch gelehrt hat, abfragen. Die katechetische Methode gilt daher auch nur für empirische und historische, die dialogische dagegen für rationale Erkenntnisse.)

Der Tod Alexanders des Großen im Jahre 323 vChr löste in den meisten Städten Griechenlands eine Verfolgung der makedonischen Partei aus. Aristoteles wurde als der frühere Erzieher Alexanders sehr bald der Gottlosigkeit angeklagt. Eine durch Demosthenes aufgestachelte Menge verlangte seine Hinrichtung oder wenigstens seine Verbannung. Um den Athenern nicht ein zweites Mal Gelegenheit zu geben, sich an einem Philosophen zu versündigen, floh er auf die Insel Euböa, wo er bereits ein Jahr später starb, also in seinem 63. Lebensjahr, 322 vChr.

Kant sagte: „Seit Aristoteles hat die Logik keinen Schritt nach rückwärts machen dürfen, aber auch keinen Schritt nach vorne machen können.“ Dies gilt zwar nur für die Logik, aber auch in den anderen Bereichen des Denkens galt Aristoteles als „Der Philosoph“.



Seele

Aristoteles spricht von der vegetativen Seele, die die Ernährung, das Wachstum und die Fortpflanzung bewirkt. Sie kommt den Pflanzen zu. Die sinnliche Seele, die auch noch das Wahrnehmen, das Streben und die Bewegung bewirkt bewahrt die Erkenntnisse als Vorstellungen auf und sammelt sie im Gedächtnis. Sie entsteht mit dem Leib und geht mit ihm auch zugrunde. Der Mensch aber überragt die Tiere durch die Geistseele. Sie stammt nicht aus dem Sinnlichen, sondern ist göttlichen Ursprungs. Sie tritt „von außen her“ in den Leib ein und stirbt auch nicht mit diesem.

Alle Menschen streben nach Glückseligkeit. Sie ist das Ziel des Lebens. Trotz dieses einen Zieles gibt es drei Lebensformen:

Metaphysik

Der Philosophie bis Aristoteles fehlte eine überzeugende Darstellung der Wirklichkeit. Heraklit (ca 540-480 vChr) sah zwar das Werden, war aber blind für das Sein. Parmenides (ca 540-480 vChr) sah das bleibende, unveränderliche Sein, war aber blind für das Werden. Demokrit (ca 460-370 vChr) und Platon (428-348 vChr) erklärten die Welt aus bewegten Atomen oder ewigen Ideen, sie trennten diese aber von der Erscheinungswelt und wurden dadurch den wirklichen Vorgängen in der Welt nicht gerecht.

Aristoteles löste dieses alte Problem durch seine berühmte Unterscheidung von Materie und Form. Wenn Dinge sich ändern, so müssen wir in den Dingen selbst ein Zweifaches annehmen, etwas, das gleich bleibt, und etwas, das anders wird: Materie und Form. Alles, was wirklich wird, wird immer durch ein anderes verwirklicht. Weil Aristoteles diese Verwirklichung Bewegung nennt, kommt er zum Ergebnis: „Alles, was bewegt wird, wird von einem anderen bewegt.“ Wir können aber in der Kette der Beweger nicht ins Unendliche zurückgehen, weil eine unendliche Reihe nie zu durchlaufen wäre und es dann nichts Wirkliches gäbe.

Gott

Es muss also einen unbewegten ersten Beweger geben, nämlich Gott. Er steht jenseits der Bewegungskette. Wie nämlich Geliebtes im Liebenden die Liebe weckt, die zu Taten antreibt, so weckt Gott in allen Wesen die Sehnsucht, sich nach ihm zu formen. Gott selbst ist also nicht Wirkursache, sondern Ziel- und Zweckursache.

Gott ist reine Form ohne Materie. Er ist von allen Dingen getrennt, doch ihr letztes Ziel. Aristoteles setzt das Immaterielle mit dem Geist gleich, weil nur der Geist stets tätig ist. Darum ist Gott die höchste Verwirklichung des Denkens. Dieses Denken bezieht sich aber nicht auf die veränderlichen Dinge, weil sonst Veränderung in Gott selbst hineingetragen würde. Sein Denken ist reinstes Selbstdenken oder vollkommenes Selbstbewusstsein. In dieser reinen Schau besteht die unendliche Seligkeit Gottes, denn vollkommenes Erkennen ist vollendete Seligkeit.

Aristoteles lehrt also einen von der Welt verschiedenen, transzendenten Gott und er setzt das Immaterielle mit dem Geistigen gleich.

Aristoteles bestimmt Gott als Zweck-, Form- und Wirkursache für alles Seiende. In seiner Vollkommenheit ist Gott der letzte Zweck aller Dinge und damit Formgeber. Insofern muss er reine Form sein ohne Stoff. Entsprechend ist er reine Wirklichkeit und daher die eigentliche Ursache für alle Übergänge von Möglichkeit zur Wirklichkeit. Weil Gott ohne Stoff und Potentialität existiert, ist er nicht nur der Beweger von allem, sondern auch der von allem unbewegte Beweger. Seine Tätigkeit besteht im reinen Denken.

Werke

Aristoteles verfasste ein Wörterbuch philosophischer Begriffe und eine Zusammenfassung der Lehren von Pythagoras, von denen kurze Auszüge erhalten blieben. Dafür sind seine Unterrichtsnotizen als sorgfältig ausgeführte Kursunterlagen zu fast allen Zweigen von Wissenschaft und Kunst nahezu vollständig erhalten. Die Schriften, welche Aristoteles’ Ansehen begründen, stützen sich hauptsächlich auf diese Unterrichtsnotizen, die von späteren Herausgebern gesammelt und geordnet wurden.

Von den etwa 170 in der Antike erwähnten Titeln von Aristoteles sind nur 47 erhalten geblieben. Sie werden eingeteilt in:

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Ari und Homer S.

Aristotle Contemplating a Bust of Homer
(with apologies to
Rembrandt)
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