Nicolaus Cusanus

von Nikolaus Werle



(l:) Nikolaus von Kues am Epitaph seines Grabes in seiner Titularkirche „San Pietro in Vincoli“ in Rom.
(r:) Holzschnitt-Illustration in der Schedelschen Weltchronik, Nürnberg 1493, Das sechst alter der werlt, Blat CCLII.

Biographie

Nikolaus Krebs (Chryffs) wurde 1401 in Kues an der Mosel als Sohn eines wohlhabenden Weinbauern geboren. Nach seinem Geburtsort (Bild) nannte er sich Cusanus.

Das früheste Dokument seines geistigen Werdegangs belegt 1416 sein Studium in Heidelberg. 1417 kam er nach Padua, der Universität seines sechsjährigen freien Studiums. Padua galt damals als glanzvollste Stätte der Jurisprudenz. Er widmete sich mit großer Hingabe dem Studium der Rechtswissenschaften, doch orientierte er sich auch in der Mathematik, der Astronomie, Physik, Medizin, in der Literatur der Alten und im neuen Humanismus. 1423 wurde er zum doctor iuris dekretiert. Nun erst begann er sein Theologiestudium an der Universität Köln. 1430 wurde er zum Priester geweiht. Die aufgrund seiner Quellenforschungen wohl berühmteste Leistung seiner Jugendjahre war 1433 die Entlarvung der Konstantinischen Schenkung als Fälschung des achten Jahrhunderts. In Köln war Heymericus de Campo sein Lehrer. Durch ihn lernte Cusanus die Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita, des Albertus Magnus und vor allem des Katalanen Raimundus Lullus kennen. Wurde der Kusaner nach und nach auch mit den anderen großen Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte vertraut, so sollte doch Raimundus Lullus sein Denken am meisten beschäftigen und anregen.

Das Konzil von Basel wurde zum Parkett, auf dem sich Cusanus profilierte und wo sein Aufstieg vom Bürgersohn zum Kirchenfürsten begann. Als XVII. ökumenisches und zugleich längstes Konzil der Geschichte bildete es (1431 - 49) den Abschluss der Epoche der Schismen. (Schisma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Trennung. Es wird synonym für Kirchenspaltung verwendet.) Gemäß dem Konstanzer Dekret Frequens (1417) einberufen, wurde es am 29. 7. 1431 in der zentral gelegenen Reichsstadt Basel eröffnet. Hauptziele waren die Beendigung der Häresien (Hussiten), Frieden in der Christenheit und die Kirchenreform. Im Auftrag des Papstes und des byzantinischen Gesandten reiste Cusanus mit zwei anderen Delegierten 1437 nach Byzanz zum oströmischen Kaiser und zum griechisch-orthodoxen Patriarchen, um sie zum Unionskonzil von Ferrara (später Florenz) offiziell einzuladen. Während der gemeinsamen dreimonatigen Rückreise auf dem Seeweg nach Venedig befand sich Nikolaus von Kues im Kreis der bedeutendsten byzantinischen Gelehrten. Bei dieser Fahrt hatte er nach eigenen Angaben mitten auf hoher See eine Art Erleuchtung, die ihn erkennen ließ, wie das menschliche Wissen das Unbegreifliche in wissendem Nichtwissen umfassen könne, nämlich in einer Bemühung des menschlichen Geistes, in der er sich zu jener Einheit emporhebt, in der die Gegensätze zusammenfallen. Diese Einsicht legte Cusanus dann 1440 in seiner Schrift ‚De docta ignorantia’ dar.

Auf unzähligen Reisen mühte er sich um die Einheit der Kirche und agierte als Schlichter oder Schiedsrichter. In Anerkennung dieser Verdienste erhob ihn Papst Nikolaus V. im Dezember 1448 offiziell zum Kardinal der Römischen Kirche, wies ihm Anfang 1449 San Pietro in Vincoli in Rom als Titelkirche zu und verlieh ihm am 11. Januar 1450 den Kardinalspurpur. In Rom angekommen, bestellte ihn der neue Papst Pius II., mit dem er seit Jahrzehnten befreundet war, 1439 zum Legaten und Generalvikar für den Kirchenstaat, während der Papst selbst in Mantua zum Kreuzzug rüstete. So setzte Nikolaus von Kues seine Reformtätigkeit im Kirchenstaat und in Rom fort. Er lebte im Papstpalast und pflegte den Kontakt zu vielen Freunden und Gelehrten. Wichtige Schriften konnten so noch entstehen. Als er im Juli 1464 Papst Pius II. nach Ancona folgte, wo das Heer für den Kreuzzug gegen die Osmanen auf die venezianische Flotte stoßen sollte, überkam ihn in der kleinen umbrischen Bergstadt Todi eine Krankheit. Dort starb er am 11. August im Alter von 63 Jahren. Seine Gebeine ruhen in seiner römischen Titelkirche San Pietro in Vincoli, sein Herz wurde nach Kues gebracht und dort in der Kapelle des St. Nikolaus-Hospitals beigesetzt, das er 1458 als Schenkung gegründet und den Armen vermacht hat. Da er das Hospital in seinem Testament zum Universalerben eingesetzt hatte, konnte seine wertvolle Bibliothek (Bild) weitgehend vollständig in Kues erhalten werden. Seine Stiftung (Bild) existiert noch heute voll funktionierend als Altersheim.



Cusanus über Gott

Gott ist begrifflich nicht so fassbar, wie er an sich selber ist. Die Unbegreiflichkeit seines Wesens gehört zur Wirklichkeit seines Wesens und zur Eigenart seines Seins. Sofern Gottes Wesen im Horizont gegensätzlicher Begriffe gefasst werden soll, ist die Welt dieser Begriffe immer schon geprägt von der Erfahrung weltgemäßer Bestimmtheit und Gegensätzlichkeit. So gesehen sind unsere Begriffe nicht zu ungenau, um Gottes Wesen zu erfassen, sondern zu genau. Ihre Präzision liegt jedoch in der Sphäre endlicher Entgegensetzung und ist insofern von Nachteil. Gott ist auch nicht einfach das bestimmte Andere zur vorfindlichen Welt, denn sie ist nicht einfach von ihm ausgeschlossen. Vielmehr transzendiert er auch noch den Gegensatz, der zwischen seinem Sein und dem der Welt besteht. In diesem Sinn ist das non-aliud (Nicht-Andere) durch reine Identität bestimmt, als ein Sein, das im Horizont unendlicher Möglichkeit wirklich ist. Was er ist, ist er von sich her, nicht bestimmt durch Andersheit, jedoch verbunden mit dem Potential, sich in Strukturen von Andersheit auszulegen.

Christlicher Glaube geht nicht nur von der Möglichkeit göttlicher Selbstoffenbarung aus, sondern lebt von ihr und besteht in ihr. Trotzdem ist immer wieder Gottes Unbegreiflichkeit und Unaussprechlichkeit zur Basis der Rede vom verborgenen Gott geworden. Biblischer Ausgangspunkt hierfür ist vor allem Jes 45,15 („Fürwahr, du bist ein verborgener Gott...") geworden. Für Cusanus bedeutet diese Verborgenheit Gottes die Unmöglichkeit, sein Wesen zu erforschen und auf den Begriff zu bringen (vgl. Dialogus de Deo abscondito, 1444). Nach Cusanus ist also Gott deshalb verborgen, weil er jenseits der begrifflichen Möglichkeiten unserer Erkenntnis steht.



Seine wichtigsten Schriften

De concordantia catholica (Über die allumfassende Einmütigkeit, 1433)

De docta ignorantia (Über die belehrte Unwissenheit, 1440)



St. Nikolaus-Hospital, Bernkastel-Kues, Bibliothek: Codex 218, 1r. - Pergament, nach 12. Febr. 1440, von der Hand eines Berufsschreibers. Initiale "A"(dmirabitur) mit Blattausläufer, Widmungszeilen und Kapitelüberschrift rubriziert. Am oberen Blattrand Besitzvermerk der Bibliothek: "Liber hospitalis s(an)c(t)i Nicolai de Cußa 1488°"
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Diese Schrift begründete seinen philosophisch-theologischen Ruhm. Sie besteht aus drei Büchern:
einer Lehre von der Erkenntnis des maximum absolutum, also Gottes,
einer Kosmologie und
einer Christologie.

Im ersten Buch beschäftigt sich Cusanus mit der Erkenntnis des Nichtwissens von der Wahrheit. Diese kann mit dem menschlichen Wissen nicht erfasst werden. Mit der Einsicht in die menschliche Unwissenheit um die absolute Wahrheit jedoch ist ein erster (negativer) Grundzug der docta ignorantia, der belehrten Unwissenheit, erreicht. Denn die scheinbare Einschränkung durch das Nichtwissen wird Cusanus im Verlaufe seines Werkes als die eigentliche Chance des Menschen begreifen.

Der Grund, weshalb sich die Wahrheit dem Wissen des Menschen entzieht, liegt in ihrer Unvergleichlichkeit mit allem Endlichen. Die Wahrheit gehört in den Bereich des Unendlichen. Zwischen Unendlichem und Endlichem besteht kein Verhältnis. Deshalb ist es auch nicht möglich, durch einen Vergleich mit dem Endlichen neue Erkenntnisse über das Unendliche zu gewinnen.

Gott ist als der Unendliche die absolute Wahrheit. Insofern ist es dem endlichen Menschen unmöglich, durch seinen endlichen Intellekt Gott zu begreifen. Der einzige Weg, sich Gott anzunähern, besteht nach Cusanus darin, von gegebenem Wissen auszugehen und davon Gebrauch zu machen, indem man es auf das unbegreifbare Wissen anwendet. Cusanus nähert sich diesem unbegreifbaren Wissen mit Hilfe mathematischer Bilder. Er beschreibt das mathematische Wissen (als besonders geeignetes Beispiel für alle anderen Ideen überhaupt, nämlich als Fähigkeit zur Verdeutlichung von Zusammenhängen) als sicheres Wissen, da es allein durch den menschlichen Intellekt und in ihm existiert. Schließlich findet sich nirgendwo in der Natur ein perfekter Kreis oder ein perfektes Dreieck, dessen vollkommene Konstruktion ist nur im menschlichen Geiste möglich. Genauso wie der Mensch dieses Wissen, welches allein in seinem Geist existiert, ohne Bedenken auf die Welt anwendet, kann man es aber auch in gleicher Weise auf Gott beziehen. Cusanus versucht diesen Weg einer mathematischen Annäherung an Gott mit Hilfe geometrischer Figuren.

Er überträgt die Eigenschaften endlicher geometrischer Figuren auf die unendlichen Figuren zu einem Ineinsfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum), da die Widersprüchlichkeit zwar für den Bereich des menschlichen Verstandes (ratio), jedoch nicht mehr im Bereich der Vernunft (intellectus) gilt. In Gott fallen alle Gegensätze zusammen, denn in Gott hat alles sein Sein. Stellt man sich einen nicht nur mathematisch, d.h. im Endlichen unendlichen, sondern real unendlichen Kreis vor, ist dessen Kreisbogen gleich einer Geraden, der Bogen fällt mit der Geraden zusammen.
Hier zeigt sich die Bedeutung der negativen Theologie. Diese gründet in den kurz nach 500 entstandenen Schriften des Dionysios Areopagita und geht von der Grundeinsicht aus, dass Gottes Wesen nicht mit endlichen Begriffen erfasst oder beschrieben werden könne. Allein über negative Aussagen des Endlichen könne versucht werden, über Gott zu reden. Über Gott lassen sich also keine unmittelbaren Aussagen, sondern nur mittelbare Aussagen treffen. Sie betreffen nicht Gott selbst, sondern werden in Begriffe gegossen, welche der Mensch in Abhängigkeit von seinem Intellekt bildet. So treffen zum Beispiel die Begriffe des Seins oder des Guten nicht auf Gott zu: Gott existiert nicht in dem Sinne, wie sein Geschöpf existiert. Er ist auch nicht gut in dem Sinne, wie der Mensch gut versteht.

Das zweite Buch von De docta ignorantia handelt von der Kosmologie. Bei Cusanus ist die gesamte Schöpfung eine Ausfaltung der Unendlichkeit Gottes, was im Rückschluss heißt, dass die gesamte Welt in die Unendlichkeit Gottes eingefaltet ist. In der Ausfaltung liegt das Sein der Welt. Die erste Ausfaltung Gottes ist das Universum, die Welt, in der die Wesenheit alles Seienden liegt. Diese ist als Ausfaltung des Unendlichen selbst unendlich. Aufgrund dieser Unendlichkeit sowie des bereits erläuterten Gedankens des Ineinsfalls der Gegensätze ist ein absolut Kleinstes oder Größtes Cusanus zufolge nicht möglich. Demnach kann es im Universum auch keinen Mittelpunkt geben, alles ist immer in Bewegung. Je nachdem von welcher Perspektive aus etwas betrachtet wird, ist es möglich, im Zentrum zu sein oder einen Mittelpunkt zu sehen. Der Mensch beispielsweise sieht sich selbst im Zentrum seiner Welt, unabhängig davon, an welchem Ort er gerade steht. Diese aus der Kunst der Renaissance mit der aufkommenden Zentralperspektive gewonnene Einsicht führt Cusanus schon vor Kopernikus zu der Aussage, dass die Welt nicht im Mittelpunkt des Weltalls stehe, sondern sich wie alle Sterne in Kreisform bewege - eine Aussage, welche zu vertreten, wie die Namen Galileo Galilei und Giordano Bruno belegen, noch Jahrhunderte nach Cusanus nicht ungefährlich war.



Nikolaus als Stifterfigur im Passionstriptychon vom Meister des Marienlebens im St. Nikolaus-Hospital, Bernkastel-Kues.


Dialogus de Deo abscondito (Vom verborgenen Gott, 1444/45)

Dialogus de Deo abscondito duorum, quorum unus Gentilis, alius Christianus
Ein Gespräch zweier Männer, von denen der eine Heide, der andere Christ ist, über den verborgenen Gott

Et ait Gentilis: Video te devotissime prostratum et fundere amoris lacrimas non quidem falsas, sed cordiales. Quaero, quis es?
Heide: Ich sehe, wie du voll Ehrfurcht niedergebeugt, aus tiefstem Herzen Tränen der Liebe vergießt, ohne zu heucheln. Bitte, sage mir, wer du bist!
Christianus: Christianus sum.
Christ: Ich bin ein Christ.
G.: Quid adoras?
H.: Wen betest du an?
C.: Deum.
C.: Gott.
G.: Quis est Deus, quem adoras?
H.: Wer ist der Gott, den du anbetest?
C.: Ignoro.
C.: Das weiß ich nicht.
G.: Quomodo tam serio adoras, quod ignoras?
H.: Wie kannst du mit solchem Ernst etwas anbeten, das du nicht kennst?
C: Quia ignoro, adoro.
C.: Eben weil ich ihn nicht kenne, bete ich ihn an.
G.: Mirum video hominem affici ad id, quod ignorat.
H.: Seltsam, dass ein Mensch von etwas ergriffen wird, das er nicht kennt.
C.: Mirabilius est hominem affici, quod se scire putat.
C.: Noch seltsamer ist, dass ein Mensch von etwas ergriffen wird, das er zu wissen meint.
G.: Cur hoc?
H.: Warum?
C.: Quia minus scit hoc, quod se scire putat quam id, quod se scit ignorare.
C.: Weil er das, was er zu wissen glaubt, weniger weiß als das, von dem er weiß, dass er es nicht kennt.
G.: Declara, quaeso.
H.: Bitte, erkläre mir das!
C.: Quicumque se putat aliquid scire, cum nihil sciri possit, amens mihi videtur.
C.: Wer glaubt, etwas zu wissen, obwohl man doch nichts wissen kann, scheint mir wahnsinnig zu sein.
G.: Videtur mihi quod ti penitus ratione careas, qui dicis nihil sciri posse.
H.: Mir scheinst vielmehr du den Verstand völlig verloren zu haben, wenn du sagst, man könne nichts wissen.
C.: Ego per scientiam intelligo apprehensionem veritatis. Qui dicit se scire, veritatem se dicit apprehendisse.
C.: Unter Wissen verstehe ich: die Wahrheit erfasst haben. Wer sagt, dass er weiß, behauptet damit, dass er die Wahrheit erfasst hat.
G.: Et idem ego credo.
H.: Das glaube ich auch.
C.: Quomodo igitur potest veritas apprehendi nisi per se ipsam? Neque tunc apprehenditur, cum esset apprehendens prius et post apprehensum.
C.: Wie kann man aber die Wahrheit erfassen außer durch sie selbst? Denn man erfasst sie nicht, wenn zuerst das Erfassende kommt und dann das Erfasste.
G.: Non intellego istud, quod veritas non possit nisi per ipsam apprehendi.
H.: Ich verstehe nicht, dass die Wahrheit nur durch sich selbst erfasst werden kann.
C.: Putas, quod aliter apprehensibilis sit et in alio?
C.: Glaubst du, dass sie auf andere Weise und in etwas anderem erfasst werden kann?
G.: Puto.
H.: Ja!
C.: Aperte erras; nam extra veritatem non est veritas, extra circularitatem non est circulus, extra humanitatem non est homo. Non reperitur igitur veritas veritatem nec aliter nec in alio.
C.: Du irrst offenbar; denn es gibt keine Wahrheit außerhalb der Wahrheit, keinen Kreis außerhalb des Kreisseins, keinen Menschen außerhalb des Menschseins. Daher findet man keine Wahrheit außerhalb der Wahrheit, weder anders noch in anderem.



Idiota de mente (Der Laie über den Geist, 1450)

Reformatio generalis (Kirchenreform, 1459)




Werke von Cusanus im Web:

lateinische Texte
deutsche Übersetzung (Scharpff, 1862, im Faksimile)
englische Übersetzung (J.Hopkins, 2001)

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