Nikolaus von Kues:
Die Welt als Selbstbeschränkung Gottes

von Nikolaus Werle


Jakov Bararon: Landschaft, 2006

1. Der Geist ist sich nie genug

Heute soll ganz ausdrücklich ein Prinzip thematisiert werden, das uns die Ausweglosigkeit des Denkens vor Augen führt, denn wo es als Satz stehen bleibt, ist dieses Denken von seinem Weg ab in eine Sackgasse rationaler Sätze geraten.

Weil Gott unendlich ist, ist er das Ziel menschlicher Sehnsucht. Die Vernunft wird nicht gesättigt durch das, was sie verstehen will. Die Vernunft wird also nicht zufrieden gestellt durch das, was sie erkennt, und auch nicht durch das, was sie ganz und gar nicht erkennt. Einzig und allein jenes Einzusehende hält sie wach, das sie als so sehr einsehbar erkennt, dass es nie völlig eingesehen werden kann. Die Unendlichkeit erzeugt durch ihre Anziehungskraft die Sehnsucht.

In seiner Schrift „De venatione sapientiae“, (Über die Jagd nach der Weisheit), aus den Jahren 1462/63 will Cusanus seine „Jagden auf die Weisheit, wie ich sie bis zu meinem Greisenalter vor dem Auge meines Geistes für immer wahrer gehalten habe, in den Hauptergebnissen aufzeichnen und der Nachwelt hinterlassen.“

Nur ein Ziel und einen Gedanken, in dem alle Gedanken sich zusammenfinden, kennt Cusanus: im Denken zu dem Einen zu gelangen, worin alles seinen Ursprung hat. Was ist zu denken notwendig, um das Unbegreifliche zu berühren, was ist zu sagen möglich, um das Unsagbare doch zur Sprache zu bringen, es mitteilbar zu machen? Die Jagd nach der Weisheit findet nicht Ergebnisse, die man als Wissen besitzen kann, sondern Gedankengänge, die man vollziehen, und Denkerfahrungen, die man wiederholen muss.

Es handelt sich hier nicht um Sacherkenntnis, die Bestand hätte. Entscheidend ist das, wodurch die begriffliche Handlung stattfindet, wozu sie befreit, woraus sie angetrieben wird, was an ihr gegenwärtig wird. Das Kriterium der Wahrheit ist hier nicht von dem objektiven Charakter, den die allgemeingültige Verstandeserkenntnis besitzt. Denn Spekulation kann schnell zu leerem Begriffsplappern und langweiliger intellektueller Quälerei werden. Unser Geist drängt über jede Vermutung hinaus zur besseren Vermutung, und über jede Stufe hinauf zur höheren. Die unendliche Sehnsucht ist nicht Verzweiflung des endgültigen Nichtwissenkönnens, sondern Erfüllung im Nichtwissen, das vom Unendlichen getragen wird. Manchen Menschen ist dieses Streben zu eigen. Das Unendliche, das nicht erkannt wird, führt das endliche Erkennen und ist in ihm indirekt gegenwärtig. Dieses Bewusstsein drängt den Geist in jedem der von ihm betretenen Bereiche zur Annäherung im unabschließbaren Sichvertiefen. Dieses Bewusstsein macht durch die Überwindung aller partikularen Verabsolutierungen offen für die Gottheit selbst. Der Wissenschaftsaberglaube hat die Begreiflichkeit der Welt als selbstverständlich angenommen und lebt in dem überheblichen Bewusstsein, was noch nicht begriffen ist, wird in absehbarer Zeit begriffen werden.



Walter Navratil: Versuch zu vergessen, 1985

2. Glaube und Verstand

Der Geist kann glauben, wenn er nur ein wenig Verstand hat. Ganz ohne Verstand kann er nicht glauben, weil er dann nicht denken, nicht zustimmen kann. Der Geist erzeugt im Glauben Widerstreit. Dem Bewiesenen stimmt der Geist mit Notwendigkeit zu. Der Glaube aber hat zu kämpfen. Die Unwahrscheinlichkeit seines Inhalts tritt gegen den Verstand an. Ohne diese Tapferkeit im Kampf, den der Glaube führen muss, gibt es keinen Sieg. Der Verstand sucht wegen seiner Schwäche Stützpunkte durch Beweise. Weil der menschliche Wille frei ist, steht es in unserer Gewalt, glauben zu wollen oder nicht. Der stolze Verstand glaubt nicht, wenn er nicht begreift. Adam und Luzifer, mythische Urgestalten der biblischen Traditionen, sind gefallen, weil sie aus ihrem eigenen Wissen leben wollten. Wer glaubt, er werde zum unsterblichen Leben auferstehen, was weder Verstand noch Erfahrung bestätigen, sondern eher widerlegen, der muss seinen Verstand sterben lassen. Er muss wie ein Tor und Sklave werden, der auf die Freiheit seines Verstandes verzichtet und sich gefangen gibt. Der größte Kampf vollzieht sich gegen den anmaßenden und stolzen Verstand.

Cusanus steht aber auch in der Reihe der Denker, die sich gegen den Aberglauben wehren, der ständig in den Glauben eindringt oder als eigene Macht mit ihm konkurriert: „Wenn man geweihte Dinge zu einem anderen als ihrem eigentlichen Zweck verwendet, so ist das Aberglaube, z.B. wenn man Weihwasser gegen Krankheit trinkt oder es zur Förderung der Fruchtbarkeit aussprengt...“ Nur den schlichten Glauben nach der Lehre der Apostel soll man festhalten. Alles andere sind menschliche Erfindungen.



3. Unendlichkeit

In seiner Schrift „De principio“ formuliert Cusanus, dass die Ewigkeit nicht wie eine ausgedehnte Dauer ist, sondern als Ganz-zugleich-Sein und dies auch im Ursprung. Er spricht Gott an: „Ich sehe dich und weiß nicht, was ich sehe, weil ich nichts Sichtbares sehe.“



Griechische Maske, 2. Jhdt.v.Chr.  —   Venezianische Maske, 20. Jhdt.

Es war bereits ein Gedanke des griechischen Philosophen Anaxagoras (500 - 428 vChr), dass das Sichtbare Erscheinung des Unsichtbaren ist. Diesen greift Cusanus auf und sagt, dass der absoluten Unendlichkeit Gottes die Unendlichkeit der Welt entspricht. Aber wie? Alles Weltliche ist doch endlich. Der unendliche Gott hätte eine unendliche Welt erschaffen können. Aber die Welt konnte, weil ihre Möglichkeit als solche nicht absolut ist, nicht in Wirklichkeit unendlich oder größer oder anders sein als sie ist. Da die Beschränkung der Möglichkeit aus Gott kommt und die Beschränkung der Wirklichkeit aus dem Zufall, so ist die mit Notwendigkeit beschränkte Welt durch Zufall endlich. Diese Unendlichkeit hat bei Nikolaus von Kues einen besonderen Charakter. Ein Hinaufsteigen zum schlechthin Größten oder Hinabsteigen zum schlechthin Kleinsten ist unmöglich. Vielmehr gibt es bei jedem gegebenen endlichen Ding immer ein größeres oder kleineres. Daraus ergibt sich eine andere Unendlichkeit der Welt: es geht in ihr immer noch weiter. Dies nennt er die Endlosigkeit der Welt. Die Unendlichkeit Gottes ist das Urbild: Vollendung als Unendlichkeit. Die Unendlichkeit der Welt ist Abbild der Unendlichkeit Gottes, eine bloße Endlosigkeit.

Nach Cusanus hat der Kosmos keinen Mittelpunkt und keinen Umfang. Wäre ein Umfang, so wäre der Kosmos durch Anderes begrenzt. Wäre ein Mittelpunkt, so müsste dieser einem Umfang entsprechen, den es nicht gibt. Hätte der Kosmos Zentrum und Peripherie, so hätte er seinen Anfang und sein Ende in sich selbst. Außerhalb des Kosmos wäre ein Anderes, etwa ein leerer Raum. Der Kosmos als Abbild des Unendlichen kann nicht zwischen einer räumlichen Mitte und einem Umfang eingeschlossen sein. Denn Mitte und Umfang ist allein Gott.

Die Erde ist nicht Mitte der Welt, und die Fixsterne sind nicht der Umfang des Kosmos. Weder die Erde noch irgendein anderer Ort ist die Mitte des Kosmos. Die Welt hat nicht in der Zeit angefangen, sondern mit ihr fing die Zeit an. Nicht die Zeit ist der Welt vorangegangen, sondern die Ewigkeit. Die Zeit hat selber keinen Anfang in der Zeit gehabt. Wenn es mit der Welt aus wäre, dann würde es auch mit der Zeit aus sein.

Diese Erörterungen sind für den Verstand widersinnig. Denn die Vorstellungen, die unumgänglich Leitfäden der Gedanken bleiben, sind unvollziehbar. Es wird zeitlich gesprochen, während das, wovon die Rede ist, nicht in der Zeitkategorie vorgestellt werden kann. Das zeigt sich an Fragen, die durch den bloßen Verstand gestellt werden:

Wo war Gott, bevor er die Welt erschuf? Die Frage ist vernunftwidrig, weil sie voraussetzt, dass es Zeit und Ort gab, als sie noch nicht da waren. Die Antwort lautet daher: Gott war überhaupt nicht, denn war ist eine Aussage über das Dasein in der Zeit.

Warum erschuf Gott die Welt nicht früher? Die Frage ist vernunftwidrig. Denn früher oder später sind zeitliche Bestimmungen und daher unsinnig, wenn sie sich auf Gott beziehen.


4. Vom Tod

Nicht irgendetwas kann völlig zerstört werden. Wohl aber kann es in seine Bestandteile zerfallen. Der Tod, so schon Vergil, scheint nichts Anderes zu sein als eine Auflösung des Zusammengesetzten in seine Elemente.

Die Todesfurcht schwindet, wenn der Mensch die Last des Körpers als Hemmung auf dem Weg zur ewigen Weisheit erfährt. Dann wünscht er vom Körper getrennt zu sein und fürchtet den Tod nicht, weil er als unsterbliche Seele die ewige Weisheit Gottes kosten möchte. Wer dieser Weisheit wert ist, zieht sie selbst dem eigenen Leben vor, dass er sich und alles ganz hingibt, um nur sie zu gewinnen.

Was der Tod sei, wissen wir nicht. Niemand hatte jemals das Wissen des Todes und der Schmerzen.



Unbekannter Künstler, Wien II, 2008

5. Versuch einer Beurteilung des Nikolaus von Kues

Der mächtige Kardinal, versierte Diplomat und geachtete Philosoph war ein innerlich zerrissener Mensch. Seine Tragik zeigt sich in der folgenden Schilderung, wie sie in der lesenswerten Monographie von Karl Jaspers zu lesen ist:

Der Papst beabsichtigte eine neue nur durch politischen Opportunismus bedingte Kardinalsernennung. Die Kardinäle leisteten heftigen Widerstand. Der Papst wandte sich an Cusanus: »Wir bitten dich, nicht auf die Seite derer zu treten, die so denken. Der du uns schätzest, hilf uns!« Diese Worte hörte Cusanus »mit wilden Blicken« an. Er sprach von der Mißgunst des Papstes ihm gegenüber, und dann: »Du willst mich zum Beipflichter deiner Wünsche machen; ich kann und will nicht schmeicheln; ich hasse die Kriecherei.« Cusanus gab seiner Bitterkeit nun freien Lauf. »Wenn du fähig bist zuzuhören, so gefällt mir nichts, was in dieser Kurie vor sich geht: Niemand obliegt seiner Pflicht in genügendem Maße; weder du noch die Kardinäle kümmern sich um die Kirche. Alle erliegen dem Ehrgeiz und der Habgier. Wenn ich bloß einmal im Konsistorium von Reformen rede, verlacht man mich. Ich bin hier überflüssig. Erlaube, daß ich gehen kann. Ich kann diese Sitten nicht ertragen. Ich gehe in die Einsamkeit, und da ich in der Öffentlichkeit nicht leben kann, so will ich für mich leben.« Und er brach in Tränen aus.

»Du tadelst«, antwortete der Papst, »alles, was in dieser Kurie geschieht. Auch wir loben nicht alles. Dennoch ist es nicht deine Sache, Kritik zu üben. Uns und nicht dir ist das Schifflein des Seligen Petrus anvertraut. Deine Sache ist es, in Rechtschaffenheit Rat zu geben. Aber nichts zwingt uns mit Notwendigkeit, deinen Rat zu befolgen . . . Auf unsere Gefahr hin steht oder fällt die Kirche. Ich betrachte dich als Kardinal, nicht als Papst. Wir glaubten bisher, du seiest vernünftig ; aber heute bist du dir selbst unähnlich. Du bittest um Erlaubnis wegzugehen. Wir geben sie nicht. . . Wir handeln väterlich, aber wir wollen dem, der Unvernünftiges verlangt, nicht nachgeben. Du willst, wie du sagst, Einsamkeit und Ruhe außerhalb der Kurie aufsuchen. Und wo wird der Ort deiner Ruhe sein? Wenn du Frieden suchst, so mußt du dich von der Unersättlichkeit deines Geistes trennen, nicht die Kurie fliehen. Wo immer du hingehen wirst, nirgends wirst du Ruhe finden, es sei denn, du mäßigest deine Unbesonnenheit und zügelst deinen Geist. Geh denn in dein Haus, und morgen magst du, wenn es dir gefällt, uns wieder aufsuchen.«

Cusanus weinte. Schweigend, das Gesicht voll Schmerz und Scham, ging er durch die Reihen der Versammelten und begab sich, nur mit Mühe seine Tränen zurückhaltend, in sein Haus, die bescheidene Wohnung bei seiner Kirche S. Pietro in Vincoli. Wenig nachher kam er wieder zu Pius II. »Er erwies sich milder in seiner Geisteshaltung, ließ vieles von seiner törichten Hartnäckigkeit fallen und zeigte damit, daß die Kritik des Papstes durchaus nicht unnütz gewesen war.« Cusanus hatte sich dem Papst unterworfen.


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