Anonymes Portrait Pascals aus dem 17. Jahrhundert,
Toulouse, Archevêché (Ausschnitt)

Blaise Pascal (1623-1662), Teil II

von Nikolaus Werle





" ... das Christentum lehrt nicht, dass die menschlichen Probleme lösbar sind, sondern dass das Flehen erhört wird." (Nicolás Goméz Dávila)

Einleitung

Bereits mit sechzehn Jahren verfasste Blaise Pascal Schriften zu mathematischen Problemen und zu physikalischen Themen. Die Konstruktion einer Rechenmaschine machte den Einundzwanzigjährigen in ganz Frankreich berühmt.

Ein religiöses Erlebnis am 23. November 1654 bewirkte eine noch intensivere Beschäftigung mit theologischen Fragen. Zur Erinnerung daran trägt er in seinen Rock eingenäht ein Gedenkblatt. (Siehe Texte: Mémorial)

Pascal sah die ideale mathematische Methode darin, alle Ausdrücke zu definieren und alle Behauptungen zu beweisen. Aber diese Absicht lässt sich nicht realisieren. Der Mensch muss sich damit begnügen, dass die fundamentalen Ausdrücke undefiniert und die grundlegenden Behauptungen unbewiesen bleiben. Naturwissenschaftliche Theorien sind falsifizierbar, sofern sie einer möglichen Erfahrung widersprechen. Sie lassen sich nicht positiv beweisen.

Die Natur widerlegt den Skeptiker, die Vernunft widerlegt den Dogmatiker. In dieser Situation kann nur der Glaube an Gott Sinn stiften.

Texte

(Alles zitiert aus: Blaise Pascal, Gedanken, Reclam 1622, Stuttgart 1997)

Eingeordnete Papiere 47/172

"Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiter besteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist. Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel. Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind."

Das Gedenkblatt (Mémorial) 913:    zum Text
Nichteingeordnete Papiere Serie II 418/233:

"Unsere Seele ist in den Körper gestoßen, wo sie Zahl, Zeit und Ausdehnung vorfindet; sie denkt darüber nach und nennt das Natur und Notwendigkeit, und sie kann nichts anderes glauben.

Wenn man dem Unendlichen eine bestimmte Einheit hinzufügt, vergrößert diese es um nichts, nicht mehr als dies ein Fuß bei einem unendlichen Maß tut; das Endliche verschwindet vor dem Unendlichen und wird zu einem bloßen Nichts. So ist es mit unserem Geist vor Gott, so ist es mit unserer Gerechtigkeit vor der göttlichen Gerechtigkeit. Es gibt kein so großes Missverhältnis zwischen unserer Gerechtigkeit und jener Gottes wie zwischen einer Einheit und dem Unendlichen.

Gottes Gerechtigkeit muss unermesslich wie seine Barmherzigkeit sein. Nun ist aber die Gerechtigkeit den Verworfenen gegenüber weniger unermesslich, und sie muss weniger Anstoß erregen als die Barmherzigkeit den Auserwählten gegenüber.

Wir erkennen, dass es ein Unendliches gibt, und sein Wesen ist uns unbekannt; so wissen wir auch, dass es falsch ist, wenn man die Zahlen als endlich bezeichnet. Also ist es wahr, dass es bei den Zahlen ein Unendliches gibt, wir wissen aber nicht, was es ist. Es ist falsch, dass es eine gerade Zahl sei, und es ist falsch, dass es eine ungerade Zahl sei, denn fügt man ihm eine bestimmte Einheit hinzu, verändert es sein Wesen nicht. Trotzdem ist es eine Zahl, und jede Zahl ist gerade oder ungerade. Allerdings gilt das nur für jede endliche Zahl.

Also kann man sehr wohl erkennen, dass es einen Gott gibt, ohne zu wissen, was er ist. Gibt es keine wesentliche Wahrheit, wenn man so viele wahre Dinge sieht, die doch nicht die Wahrheit selbst sind? Wir erkennen also die Existenz und das Wesen des Endlichen, weil wir wie es selbst endlich sind und eine Ausdehnung haben.

Wir erkennen die Existenz des Unendlichen, und sein Wesen ist uns unbekannt, weil es wie wir eine Ausdehnung, aber keine Grenzen wie wir hat.

Wir erkennen jedoch weder die Existenz noch das Wesen Gottes, weil es keine Ausdehnung und keine Grenzen hat.
Durch den Glauben aber erkennen wir seine Existenz, und durch die Seligkeit werden wir sein Wesen erkennen. Nun habe ich aber schon gezeigt, dass man sehr wohl die Existenz einer Sache erkennen kann, ohne ihr Wesen zu erkennen. Umwenden.

Sprechen wir jetzt so, wie es dem natürlichen Erkenntnisvermögen entspricht.

Wenn es einen Gott gibt, so ist er unendlich unbegreiflich, denn da er ja keine Teile und keine Grenzen hat, steht er in keinem Verhältnis zu uns. Wir sind also unfähig zu erkennen, was er ist und ob er ist. Wer wird es wagen, da dem so ist, die Lösung dieser Frage zu versuchen?

Nicht wir, die in keinem Verhältnis zu ihm stehen.

Wer wird also die Christen tadeln, dass sie ihren Glauben nicht begründen können, sie, die sich ja gerade zu einer Religion bekennen, die sie nicht begründen können; wenn sie diese der Welt vortragen, erklären sie, dass sie eine Torheit, stultitia, ist, und dann beklagt Ihr Euch, dass sie keine Beweise für sie haben. Wenn sie diese bewiesen, würden sie nicht Wort halten. Gerade, da es ihnen an einem Beweis fehlt, fehlt es ihnen nicht an Urteilsvermögen. Ja, mag das auch diejenigen entschuldigen, die sie solcherart darbieten, und sie von dem Tadel befreien, dass sie diese ohne Vernunft vorführen, so entschuldigt es nicht diejenigen, die sie annehmen. Prüfen wir also diesen Punkt. Und sagen wir: Gott ist, oder er ist nicht. Welcher Seite aber werden wir uns zuneigen? Die Vernunft kann dabei nichts ermitteln. Ein unendliches Chaos trennt uns davon ..."





Die Pascalsche Wette

Pascal argumentiert wie folgt:
Angenommen es sei sicher, dass es Gott gibt oder ihn nicht gibt, und dass es keinen Mittelweg gibt. Für welche Seite werden wir uns entscheiden? ... Lassen Sie uns ein Spiel spielen, bei dem es zu einer Entscheidung für "Kopf oder Zahl" kommt. Mit Vernunft können wir weder das eine noch das andere versichern; mit Vernunft können wir weder das eine noch das andere ausschließen. Verfallen Sie also nicht dem Irrtum, dass hierbei eine richtige Wahl getroffen werden könnte, denn Sie wissen nicht, ob Sie falsch liegen oder schlecht gewählt haben ... Sowohl wer sich für "Kopf" entscheidet, als auch wer sich für "Zahl" entscheidet, beide liegen falsch: Die Wahrheit kann nicht durch eine Wette entschieden werden, aber es muss gewettet werden. Es gibt keine Freiwilligkeit, Sie müssen sich darauf einlassen. Wenn Sie nicht wetten, dass es Gott gibt, müssen Sie wetten, dass es ihn nicht gibt. Wofür entscheiden Sie sich? Wägen wir den Verlust dafür ab, dass Sie sich dafür entschieden haben, dass es Gott gibt: Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, dass es ihn gibt.

Das Argument geht davon aus, dass eine Analyse der Optionen hinsichtlich des Glaubens an Gott zu folgenden Resultaten führt:

Aus dieser Analyse der Möglichkeiten folgerte Pascal, dass es besser sei, bedingungslos an Gott zu glauben.

Man hat dieses Argument mit Hilfe der Prinzipien der Statistik und der Entscheidungstheorie rekonstruiert. Dabei werden pro Möglichkeit eine Bewertung der Ergebniswahrscheinlichkeit und der jeweils erwartbare Gewinne angegeben und diese Werte schließlich statistisch verglichen. Pascal ordnete den beiden Möglichkeiten – Existenz oder Nichtexistenz Gottes – gleiche Wahrscheinlichkeiten zu. Er begründete das damit, dass „die Vernunft durch die eine Wahl nicht stärker erschüttert werde als durch die andere“, infolge unseres Unwissens. Geht man nun von den Werten aus, die Pascal vorgeschlagen hat, ergibt sich also:

Gott existiert (G) Gott existiert nicht (~G)
Glaube an Gott (Gl)  Himmel 0
Kein Glaube an Gott (~Gl)  Hölle 0

Nach dieser Analyse ist der Gewinn, den man im Falle des Glaubens an Gott zu erwarten hat, stets mindestens so groß wie im Falle des Unglaubens – oder größer.





Südquerhausfenster im Kölner Dom
Gerhard Richter, einer der bedeutendsten zeitgenössischen
Künstler, überließ die Anordnung der Farben dem Zufall...

Zum Abschluss noch einige Aphorismen

Man glaubt immer mehr den eigenen Argumenten und Überzeugungen als denen anderer.
*
Gott erkennt man mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand.
*
Der Mensch ist unfähig zu erkennen, dass er aus dem Nichts kommt und in der Unendlichkeit verschwindet.
*
Unser Leben besteht in Bewegung, alles andere ist Tod.
*
Der Mensch ist voller Begehrlichkeiten und liebt nur diejenigen, die alle diese Begehrlichkeiten erfüllen können.
Wir haben keine Angst um unsere körperliche Unversehrtheit und die Dinge, die wir mit uns führen, wenn wir durch einen Ort reisen. Wenn wir aber an einem Ort eine gewisse Zeit verweilen, beginnen wir uns darum zu sorgen. Wie lange ist wohl die Zeitspanne, die nötig ist, um diese Sorge zu wecken?
*
Alles, was nur zum Vergnügen des Autors geschrieben oder gesagt wird, ist nutzlos.
*
Widerspruch ist kein Zeichen von Falschheit, und das Fehlen von Widerspruch ist kein Zeichen von Wahrheit.
*
Zuerst verachten die Menschen die Religion, dann hassen sie sie, dann fürchten sie, dass sie wahr ist.
*
Es ist sicher, dass alles unsicher ist.
*
Der einzige Grund für das Unglück des Menschen ist, dass er nicht weiß, wie er in einem Raum still sitzen kann.
*
Die letzte Erkenntnis ist, dass es unendlich viele Dinge gibt, die wir nicht verstehen können.
*
Der Verstand ist die langsame und mühevolle Methode, mit der wir Wahrheiten entdecken, die wir vorher nicht kannten. Das Herz aber hat eigene Gründe, und diese sind unserem Verstand unzugänglich.
*
Alles ändert sich mit Ort und Zeit, auch die Wahrheit.
*
Je mehr ich die Menschen kennen lerne, umso mehr liebe ich meinen Hund.
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Dieser Brief ist länger geworden als die früheren, weil ich nicht die Zeit hatte, mich kurz zu fassen.
*
Entweder existiert Gott, oder er existiert nicht. Entweder ich glaube an Gott, oder ich glaube nicht an Gott. Daraus ergeben sich vier Möglichkeiten, von denen nur eine zu meinem Nachteil ist, und um diese eine Möglichkeit auszuschließen, glaube ich an Gott.

Wer also zur Einsicht gelangt, dass jede menschliche Kategorie der Wirklichkeit Gottes nicht entsprechen kann, der begnügt sich nicht mehr mit noch so hochtrabend klingenden Theorien, die versuchen wollen, die Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu beweisen, sondern entscheidet sich, an Gott zu glauben oder nicht an ihn zu glauben...
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Die Wette
Aphorismen

PASCAL,
Teil 1