Platon über die menschliche Erkenntnis und das Göttliche

von Nikolaus Werle

Zur Biographie

Platon entstammte einer Athener Adelsfamilie und wurde 429 vChr geboren. In seiner Jugend lernte er auf Reisen den griechischen Kulturkreis rund um das Mittelmeer kennen. Die erste Bekanntschaft mit der Philosophie vermittelte ihm der Herakliteer Kratylos. Nach der Hinrichtung des Sokrates 399 vChr ging Platon für kurze Zeit nach Megara zu Euklid, um dann in Athen eine Lehrtätigkeit, verbunden mit der Abfassung der ersten sokratischen Dialoge, zu beginnen. Weitere Reisen führten ihn nach Unteritalien zu den Pythagoreern sowie an den Hof Dionysios’ II. in Syrakus in Sizilien. 387 gründete Platon in seiner Heimatstadt eine eigene Schule, die nach ihm benannte und bis 529 nChr bestehende Akademie. Neben der Pflege der Wissenschaft im weitesten Sinn ging es ihm auch um eine Reform des politischen Denkens. In dieser Angelegenheit reiste er noch zweimal, 367 und 361, nach Syrakus, um dort seine Utopie in die politische Praxis umzusetzen, womit er jedoch scheiterte. 349 vChr starb Platon „an seinem Geburtstag bei einem Hochzeitsschmaus im 81. Jahre seines Alters.“ (So Hegel in seiner Geschichte der Philosophie)

Schriften

Platons Schriften, die er meist in Form von Dialogen abfasste, sind zum größten Teil erhalten. Es seien nur einige erwähnt: Apologie, Phaidros, Phaidon, Symposion, Politeia, Nomoi.

Platon ist der erste Denker des Abendlandes, von dem ein umfangreiches Werk erhalten ist. Für den Verfasser dieser Zeilen war er wie eine Droge, die eine faszinierende Sicht auf die Wirklichkeit eröffnete und merkwürdigerweise durch die Lektüre der griechischen Originaltexte in der Schule keine Abneigung erzeugte. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, Platons Denken anhand wichtiger Grundzüge darzustellen, seiner Erkenntnislehre, seiner Ideenlehre und seiner Gotteserkenntnis, in die alles mündet. Übrigens, der Schreiber dieser Zeilen ist von dieser Droge nie losgekommen und bekennt sich ohne Zögern zu seiner Abhängigkeit.

Bei Platons Schriften handelt es sich nicht um Lehrschriften, sondern um Dialogdichtungen, in denen er zumeist seinen verehrten Lehrer Sokrates als Mittelpunkt philosophischer Gespräche darstellt. Eine schriftliche Fixierung dessen, was Platon selber im philosophischen Unterricht im Kreis der Akademie lehrte, hat er nie vorgenommen. Wir wissen daher von seiner Philosophie nur aus den Berichten seiner Schüler und aus dem dichterischen Dialogwerk, das er selber verfasst hat.

Nur ein einziges kurzes Stück philosophischer Darlegung besitzen wir, in dem er in seinem eigenen Namen spricht. Es ist der so genannte erkenntnistheoretische Exkurs, der in das politische Sendschreiben des siebenten Briefes eingefügt ist. Es handelt sich um einen durchkomponierten Gedankengang, der die Rechtfertigung dafür enthält, dass er keine schriftliche Darstellung seiner Philosophie verfasst hat. Platon legt dar, dass die Formen, in denen sich Erkenntnis des wahren Seins fixieren lässt, keine Sicherheit dafür bieten, dass wirkliche Einsicht vermittelt wird. Denn es gibt keine Form sprachlicher oder gar schriftlicher Fixierung, die nicht dem Missverstand und der Verdrehung ausgesetzt ist.


Platons Erkenntnis- und Ideenlehre

In der Geschichte der Philosophie kennt man seine Lehre als die Ideenlehre. Gegenüber der wechselnden Vielfalt der Phänomene, die sich dem Erfahrungsblick darbieten, sind die Ideen die wahren Grundgestalten alles Seienden. Ihm stand die wunderbare Unbeirrbarkeit vor Augen, mit der sein Lehrer Sokrates an der Idee der Gerechtigkeit festhielt, so sehr auch die Stadt Athen im Unrecht war und Unrecht tat, als sie ihn zwang, den Giftbecher zu trinken. Platon war mit vielen anderen Schülern am Tag der Hinrichtung bei Sokrates, die wie Nietzsche gesagt hat, der griechischen Jugend ein neues Ideal aufgerichtet hat.


Jacques-Louis David: Der Tod des Sokrates, 1787, Metropolitan Museum of Art, New York

Für jedes Seiende nimmt er bezüglich der Erkenntnis folgende Ordnung an: Name, Begriffserklärung, Bild, Erkenntnis, Sache selbst. Wie uns der siebente Brief erkennen lässt, war die Hinrichtung des Sokrates auch für Platon der entscheidende Anstoß zur Beschäftigung mit Philosophie. Schlussendlich ist seine Philosophie eine Antwort auf die Frage, wie Sokrates, der Gerechte, in einer ungerechten Welt überhaupt möglich war. Die Antwort lautet: Weil die Gerechtigkeit in ihrem wahren Wesen der menschlichen Seele innerlich erkennbar bleibt, wenn sie nur wahrhaft sucht. Dieses Suchen hatte Platon an der sokratischen Gesprächsführung erlebt und als Kunst, ein Gespräch zu führen, d.h. das Für und Wider gemeinsam zu erwägen, in den Dienst seiner Wahrheitssuche gestellt.

Alle Erkenntnis ist ein unendliches Gespräch, das die Wahrheit suchende Seele führt. Sie strebt danach, die Einheit alles Seienden zu erkennen, die durch das vielfältige Schwanken unserer Welterfahrung hindurchleuchtet. So enthält Platons Lehre von der Idee des Guten die philosophische Transzendenzerfahrung der Griechen, die den Begriff eines Gottes, der nicht von dieser Welt ist, herausbildet und damit das christlichen Zeitalter präludiert.

Im Zentrum seines Denkens steht die Ideenlehre mit den Kernfragen: Was ist das Wesentliche aller Dinge? Was ist das wahre Sein? Wahres und unveränderliches Sein haben laut Platon nicht die sichtbaren Dinge, sondern allein die nur dem Denken zugänglichen Urbilder (Ideen). Während die sinnliche Wahrnehmung nur Abbilder dieser Ideen vermittelt, dringt das begriffliche Denken zum eigentlich Seienden vor. Dabei entstehen die begrifflichen Inhalte nicht aus der Erfahrung, sondern werden „wiedererinnert“. Denn da die Seele für Platon unsterblich ist, hat sie eine ursprüngliche Liebe zu den rein geistigen Ideen und eine vorgeburtliche Erinnerung an sie (Anamnese), an der alle empirischen Gegenstände „teilhaben“. Platons Erkenntnislehre ist also ein Rationalismus, der im Denken eine von der Erfahrung unabhängige Quelle von Erkenntnissen sieht. Den plastischen Ausdruck für seine Lehre von der menschlichen Erkenntnis fand er im Höhlengleichnis, welches das Verhältnis der menschlichen Wahrnehmung der Dinge zum eigentlichen Wesen der Dinge beschreibt. Einen Zwischenbereich zwischen Ideenwelt und Sinnenwelt sieht Platon in den Zahlen und geometrischen Körpern.

Das Höhlengleichnis

Gegenüber der Welt der Ideale ist die materielle Welt nach Platon nur ein schwankender Schatten an den Wänden einer durch ein Feuer erleuchteten Höhle, in der wir Menschen ein Leben lang gefangen sind. Diese Parabel, die "Höhlengleichnis" genannt wird, steht im 7. Buch der „Politeia“ und bildet das Kernstück platonischer Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie. Dabei sind drei Annahmen wichtig:

1. Die Menschen sind gefesselt und können nur in eine Richtung sehen.
2. Sie können nicht die Dinge selbst sehen, sondern nur deren Schatten.
3. Die Schatten werden durch eine selbst schwankende Lichtquelle hervorgerufen.

Die Vorstellung, dass menschliches Wahrnehmen nur passiv ein unplastisches und schwankendes Abbild der Gegenstände dieser Welt erfassen kann, nicht die Dinge selbst, hat die Philosophie für lange Zeit beeinflusst. Hier wurde der Dualismus zwischen Materie und Geist begründet: Materie und Geist können sich zwar beeinflussen oder entsprechen, aber letztlich bilden beide eine Welt für sich. Deshalb kann die Seele sich nur selbst kennen, während die materielle Welt nur indirekt, d.h. durch ihre Wirkungen auf die Seele erkannt werden kann.

"Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in Bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögen. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. "  Weiter im Text! (Höhlengleichnis)

Nach Platon steht das Höhleninnere für den Bereich des Sichtbaren und die Gegend außerhalb für den Bereich des Denkbaren. Das Feuer in der Höhle steht für die Sonne. Das Sehen in der Höhle entspricht dem Meinungsbild aufgrund von Sinneswahrnehmungen und das Sehen außerhalb der Höhle entspricht der Tätigkeit des erweiterten, abstrakten Denkens. Die Spiegelbilder außerhalb der Höhle stehen für die Mathematik, die nach Platon eine Grundbedingung für philosophisch abstraktes Denken ist. Die Sonne, sprich die „Form des Guten“ ist im Höhlengleichnis auf der höchsten Stufe angeordnet und sie kann erst am Ende eines langen schmerzvollen Weges erreicht werden. Für Platon ist diese Stufe auch nicht jedem vergönnt. Die Menschen stehen im Höhlengleichnis nach Platon nicht für die Menschen selbst, sondern für die Seelen der Menschen, die ihren Grad der Erkenntnis innerhalb seines Gleichnisses selbst wählen können. Platon stellt dar, dass es zum menschlichen Leben gehört, immer nur auf einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit fixiert zu sein und er fragt sich, wo die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis liegen.

Das Leben in der Höhle kann man als das gewöhnliche Dasein interpretieren. Der Mensch wird geboren, er wächst in einen geschlossenen Raum auf, er lebt in einem geschlossenen System und er ist nie über die Grenzen seiner Behausung hinausgekommen, er hat also nie irgendetwas anderes zu Gesicht bekommen außer seinem Alltagstrott. Er fühlt sich in seiner Welt wohl, was ja auch kein Wunder ist, da er ja überhaupt nichts kennt, was er mit dem vergleichen könnte, was ihm geläufig ist. Wie sollte er auch wissen, dass es neben seiner Welt noch eine größere Wirklichkeit gibt, eine Außenwelt, die außerhalb seiner Vorstellungskraft liegt, die er vermissen könnte, wenn er sie sehen könnte. Wie sollte er sie sehen können, der Unwissende ist ja in seiner eigenen kleinen Behausung, seiner dunklen Realität gefesselt. Er kennt nur die Schatten der Wirklichkeit und hält das, was er mit seinen Sinnen wahrnehmen kann, für das Seiende.

Das Herzstück der platonischen Philosophie ist also die Ideenlehre. Die Ideen sind das Sein, die materiellen Einzeldinge der Schein. Jene sind die Urbilder, diese die Abbilder. Jene sind das Bleibende, diese das Veränderliche. Jene das Vollkommene, diese das Unvollkommene. Die Seele ist göttlichen Ursprungs. Sie wurde in den Leib verstoßen zufolge einer Schuld. Der Leib ist für die Seele das größte Hemmnis, er verstrickt sie in Begierden, verdunkelt ihre Erinnerung an die Ideenwelt und lässt sie ihre göttliche Herkunft vergessen.

Welt und Gott

Nach Platon ist die sichtbare Welt nichts Wirkliches, sondern nur ein Abbild der Wirklichkeit an der Grenze zwischen Sein und Nicht-Sein. Was an der Welt gut ist, stammt von der Idee, was aber an ihr schlecht ist, von der Materie.

Gott steht hinter der höchsten Idee, der Idee des Guten, in der alles Seiende seinen Grund hat. Gott steht jenseits alles Seienden. Das Gebet hat daher nicht den Sinn, den unveränderlichen Gott umzustimmen, sondern uns einsichtig zu machen, dass wir den Plänen der göttlichen Vorsehung folgen müssen.




Plato und Aristoteles Die Schule von Athen

Raffael, Die Schule von Athen, Vatikan,
Stanza della Segnatura
In der Mitte: Plato u. Aristoteles. Zum Vergrößern im Bild anklicken!
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