Voltaire:
Aus der Geschichte eines guten Brahmanen
(1759, L’Histoire d'un bon bramin)



Auf meinen Reisen traf ich einen alten Brahmanen, einen weisen, geistvollen und sehr gelehrten Mann; außerdem war er reich und folglich nur um so mehr weise; denn, da er alles hatte, was er brauchte, so hatte er nicht nötig, irgend jemand zu täuschen. Sein Haushalt war sehr gut geleitet von drei schönen Frauen, deren einziges Streben war, ihm zu gefallen; und wenn er sich nicht mit seinen Frauen dem Vergnügen hingab, so brachte er seine Zeit mit Philosophieren zu.

Neben seinem Haus, das schön, reich geschmückt und von entzückenden Gärten umgeben war, lebte eine alte strenggläubige und ziemlich arme Hindufrau.

Eines Tages sagte der Brahmane zu mir: Ich wollte, ich wäre nie geboren. Ich fragte ihn: Warum? Er antwortete: Nun studiere ich seit vierzig Jahren – es sind vierzig verlorene Jahre; ich lehre die andern, und ich weiß nichts; dieser Zustand ist für mich so demütigend, so anwidernd, dass mir das Leben unerträglich ist. Ich bin geboren und ich lebe in der Zeit, und ich weiß nicht, was die Zeit ist; ich finde mich in einem Punkte zwischen zwei Ewigkeiten, wie unsere Weisen sagen, und ich habe keine Vorstellung von einer Ewigkeit; ich bestehe aus Stoff und ich denke; und ich habe mir nie deutlich machen können, was das Denken hervorbringt; ich weiß nicht, ob mein Verstand eine einfache Fähigkeit in mir ist, gleich der Fähigkeit des Gehens, des Verdauens, oder ob ich mit meinem Kopf denke, wie ich mit meinen Händen greife. Nicht bloß die Grundursache des Denkens ist mir unbekannt; die Grundursache meiner Bewegungen ist mir gerade so verborgen; ich weiß nicht, warum ich existiere. Und doch stellt man mir täglich Fragen über diese Probleme. Ich muß antworten; ich habe nichts Rechtes zu sagen; ich rede viel; und wenn ich geredet habe, so stehe ich da mit dummem Kopf und schäme mich vor mir selbst.

Noch schlimmer wird es, wenn man mich fragt, ob Brahma von Vishnu hervorgebracht wurde oder ob sie alle beide ewig sind. Gott ist mein Zeuge, dass ich keine Ahnung davon habe, und das merkt man wohl an meinen Antworten. Ah! Ehrwürdiger Vater, sagt man zu mir; belehren Sie uns doch, wie es kommt, dass die Erde so von Übeln überschwemmt ist. Ich bin geradeso in Verlegenheit wie die Fragesteller; ich sage ihnen manchmal, es sei alles aufs beste eingerichtet. Aber diejenigen, die der Krieg zugrunde gerichtet und verstümmelt hat, wollen mir das nicht aufs Wort glauben, und ich glaube es auch nicht. Dann mache ich mich wieder nach Hause, niedergedrückt von meinem Wissensdrang und von meiner Unwissenheit. Ich lese unsere alten Bücher, dadurch wird alles nur dunkler.

Ich rede mit meinen Kollegen: Die einen sagen, man solle das Leben genießen und die Menschen zum besten haben; Die andern glauben, sie wissen etwas und verlieren sich in allen möglichen Schwärmereien; Mein Unbehagen wird so nur größer. Manchmal bin ich nahe daran, in Verzweiflung zu versinken, wenn ich bedenke, dass ich nach allem Forschen nicht weiß, woher ich komme, was ich bin, wohin ich gehe, was aus mir werden wird.

Der gute Mann tat mir wirklich leid. Es gab keinen vernünftigeren, ehrlicheren Menschen als ihn. Es kam mir vor, als ob er um so unglücklicher wäre, je heller sein Verstand und je wärmer sein Herz beschaffen war.

An demselben Tag sah ich die alte Frau aus seiner Nachbarschaft. Ich fragte sie, ob sie jemals darüber betrübt gewesen sei, dass sie nicht wisse, wie ihre Seele beschaffen sei. Sie verstand nicht einmal meine Frage. Nie hatte sie auch nur einen einzigen Augenblick ihres Lebens über ein einziges der Probleme nachgedacht, die den guten Brahmanen so quälten. Sie glaubte von ganzem Herzen an die Verwandlungen Wischnus, und wenn sie manchmal etwas Gangeswasser bekommen konnte, sich damit zu waschen, so dünkte sie sich die glücklichste der Frauen.

Unter dem tiefen Eindruck, den mir das Glück dieses armen Wesens machte, ging ich wieder zu meinem Philosophen und sagte zu ihm: Schämen Sie sich nicht, dass Sie so unglücklich sind, während Ihrem Haus gegenüber ein alter Automat, der gar nichts denkt, ganz vergnügt dahinlebt? Sie haben recht, war seine Antwort, ich habe mir hundertmal gesagt, ich wäre glücklich, wenn ich so dumm wäre wie meine Nachbarin; Und doch möchte ich kein solches Glück.

Diese Antwort meines Brahmanen machte mir einen tieferen Eindruck als alles übrige. Ich ging mit mir zu Rate und erkannte, dass ich in der Tat nicht glücklich sein wollte um den Preis, ein Dummkopf zu sein.

Ich legte diese Frage Philosophen vor; Sie waren auch meiner Ansicht. Und doch, sagte ich, steckt in dieser Denkweise ein Widerspruch, dass man rasend werden möchte; Denn um was handelt es sich denn im Grunde? Doch darum, glücklich zu sein. Was macht es da aus, ob man Geist hat oder dumm ist? Ja noch mehr, wer zufrieden ist mit seinem Dasein, der ist sicher, dass er zufrieden ist. Wer nachdenkt, der weiß nicht so ganz sicher, ob er recht nachdenkt. Es ist also klar, sagte ich, man müsste sich eigentlich das Los wünschen, des gesunden Menschenverstandes bar zu sein, wenn wir durch diesen gesunden Menschenverstand auch nur ein klein bisschen unglücklich werden.

Jedermann war meiner Ansicht, und doch fand ich niemand, der den Handel gerne hätte eingehen wollen, ein Dummkopf zu werden, um es dafür behaglich zu haben. Daraus schloss ich, dass wir, wenn wir Wert aufs Glück legen, die Vernunft doch noch mehr schätzen.

Aber nach weiterem Nachdenken scheint es mir, dass diese Bevorzugung der Vernunft vor dem Glück doch etwas recht Sinnloses ist. Wie kann man diesen Widerspruch sich zurechtlegen? Wie alle anderen. Es lässt sich viel darüber sagen.



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