Edvard Munch und das Unheimliche

Lehrausgang ins Museum Leopold
am 4. November 2009

1. Die Führung:

Diese Bilder stellen uns vor ein Paradoxon. Denn einerseits meint jeder von uns ihre Andeutungen zu verstehen, andrerseits aber wissen wir, dass es um Dinge geht, die wir nicht kennen.

Das Unheimliche ist einerseits das, was besser heimlich und verborgen geblieben wäre, andrerseits entspricht es dem, was nicht heimelig ist, uns grauenvoll und schrecklich erscheint. Unheimlich nennt man alles, was im Verborgenen bleiben sollte, aber hervorgetreten ist. Unheimlich ist auch etwas, das seinen logischen Standort verlässt und einen verrückten Taumel auslöst. Das Unheimliche ist nicht fassbar. Wäre es dies, wäre seine Wirkung unbeträchtlich. Die in den heutigen Medien dargestellten Horror- und Todesszenarios haben uns abgestumpft. Die Wirkung, welche die Geschichten der ausgestellten Bilder erzählen, ist deshalb eine andere, weil das Unfassbare, Verdrängte und Geheimnisvolle, Ängste, Geisterwesen und das Böse den Betrachter in seinen Bann ziehen und nicht zum routinierten Zuschauer degradiert.

Dem Ideal der Vernunft, wie es die Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert propagierte, suchten Künstler etwas entgegenzustellen. Dies entsprach dem, was viele Menschen umtrieb. Die Unsicherheit in einer Zeit der Umbrüche und die Erkenntnis, dass, obwohl die Wissenschaft nach und nach alle Geheimnisse des Lebens zu enträtseln schien, doch nicht alles rational erklärbar war, irritierte. Dies war auch verbunden mit der Ahnung, dass es womöglich keine himmlische Macht gab, die letztlich alles ordnen und zum Guten führen würde.

Der überwiegende Teil der Künstler arbeitete in einem realistischen Stil. Das erscheint zunächst widersprüchlich - phantastischer Inhalt, realistische Darstellung -, doch genau dies erzeugt jene Verunsicherung, die dann den Effekt des Unheimlichen erreicht. Die Sicherheit der Welt zerbricht, in der man die Vernunft für allgemein gültig gehalten hat. Das Unheimliche setzt die Festigkeit der Welt voraus, aber nur, um sie besser angreifen zu können. Man begann die Welt und ihre gegenständlichen Erscheinungen als Symbole einer tiefer reichenden Wirklichkeit zu sehen.

Bilder, die schreckliche Vorkommnisse, Martyrien, den Tod oder Satan zeigen, waren in der europäischen Bildtradition seit jeher vorhanden, man denke nur an die symbolgeladenen Phantasien des Hieronymus Bosch. Diese Motive waren in erster Linie religiös bestimmt, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts trat dann ein vermehrtes psychologisches Interesse am Unheimlichen, Unerklärlichen und Unfassbaren auf. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Formen der Angst beflügelte die Phantasie vieler Künstler. Das Dunkle, Mysteriöse und die Schattenseiten des Lebens begannen viele Künstler zu faszinieren, ebenso wie die Betrachter ihrer Bilder.

Die Ausstellung entführt in die Welt der Träume und in die Sphäre des Geheimnisvollen. Die Darstellungen der Ängste erzählen von Tod, Verlust, Sexualität oder auch vom Bösen, was auch immer damit gemeint sein mag. Das Unterbewusste versuchte man hinter Masken zu entdecken, am Ende und am Beginn von Treppen, in Spiegeln, oder in unergründlichen Wasseroberflächen. Die Macht der geheimen, unvorstellbaren Geschichten faszinierte viele Künstler. Ein wiederkehrendes Thema ist auch das vermeintlich Vertraute: Verunsicherung, Angst und Gefahr brechen ein in das scheinbar Sichere der heimischen Umgebung.

Heute sind die Menschen weitgehend darüber einig, dass es keine Geister und Gespenster, also nichts Unheimliches, gibt. Trotz dieser aufgeklärten Haltung gibt es viele Menschen, die in der Praxis völlig anders leben und wirren Phantasien nachjagen, die für sie auch jene Realität besitzen, wie das mit unseren Sinnen Ertastbare. Andrerseits gibt es nicht wenige, gerade weil sie sich von der Vernunft leiten lassen, die einer materialistischen Weltsicht und purem Rationalismus sehr skeptisch gegenüberstehen. Folgende Künstler bilden mit einigen ausgewählten Werken den Schwerpunkt dieses Rundgangs:

Edvard Munch (1863-1944) zeigt die Welt von ihrer Kehrseite mit dem angsterfüllten Inneren des Menschen und dem unbewussten Gefühlsleben. 1892 führte die Schließung der Ausstellung seiner Bilder zum sog. Munch-Skandal. Dies wurde zum Auslöser der Gründung der Berliner Secession.

 
(1) Angst, 1894    •     (2) Vampir, 1893

 
(3) Pubertät, 1914-16    •     (4) Selbstporträt in der Hölle, 1903


James Ensor (1860-1949) hatte einen englischen Vater, lebte aber seiner flämischen Mutter wegen, die ein Geschäft mit Karnevalsmasken besaß, in Ostende und studierte an der Kunstakademie in Brüssel. Seine Themen artikulieren eine eigenartige Zwischenwelt, voll von Masken und dem allgegenwärtigen Tod in Knochengestalt. Die meisten Bilder vermitteln, sowohl in ihrer Zusammenstellung als auch in ihrer ausgesuchten Farbgebung, einen beklemmenden Eindruck. Ensor gilt als herausragender Vertreter des Symbolismus.

 

(1) Kommunion (Mädchen mit Masken), 1899    •     (2) Die Todsünden vom Tod beherrscht, 1904


Alfred Kubin (1877-1959) machte eine Lehrlingsausbildung bei einem Photographen in Klagenfurt. Bald wurde man auf ihn aufmerksam wegen des Erfindungsreichtums seiner Bildmotive, mit denen er vorwiegend Erzählungen illustrierte. Er erlangte eine unverwechselbare Bildersprache. 1911 gründete er mit Franz Marc, Wassily Kandinsky und anderen in München die Künstlergruppe Der blaue Reiter. Seit 1912 lieferte er regelmäßig Zeichnungen für die satirische Wochenzeitschrift Simplizissimus.

   

(1) Das Grausen, um 1901/02    •     (2) Die Stunde der Geburt, um 1901/02    •     (3) Der Tod als Reiter, 1906


Francisco de Goya (1746-1828) wurde bereits mit jungen Jahren Hofmaler des spanischen Königs. 1799 veröffentlichte er die Radierungen Los Caprichos, eine Serie von achtzig Blättern, mit denen er eine Welt des Traumes, des Unbewussten, des Unheimlichen und des Phantastischen thematisierte. Aber er behandelte auch Themen wie soziale Ungerechtigkeit, schwarze Pädagogik oder Prostitution. Er hielt die Schrecken des Krieges fest, übte Kritik an der Königsfamilie und an der allmächtigen Inquisition. Um der Verfolgung durch sie zu entgehen begab er sich unter dem Vorwand eines Kuraufenthalts nach Bordeaux ins Exil, wo er auch starb.



Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, um 1799


Félicien Rops (1833-1898) war Schüler eines Jesuitengymnasiums, heiratete eine Adelige und lernte Charles Baudelaire kennen, der ihn stark beeinflusste. Ab 1874 nahm er die Figur des Teufels in seine Gestaltung auf, der als Dandy, Komplize, Anstifter oder in der Gestalt Rops’ selbst vorkam. Er stellte die menschlichen Leidenschaften, das Weibliche und das Teuflische in intimen Verbindungen dar. Rops’ Darstellungen zeigen den weiblichen Körper als Werkzeug der Verführungskunst und den männlichen Blick auf das Weibliche, der traditionelle sittliche Werte in Frage stellt.



Satan sät die Hexenbrut, 1882


Angelo Morbelli (1854-1919) wollte zunächst Musiker werden, musste dies jedoch wegen seiner beginnenden Taubheit aufgeben. Er studierte in Mailand und erlangte schnell Aufmerksamkeit. Sein Bild Erstickt handelt vom gemeinsamen Selbstmord eines Liebespaares in einem Hotelzimmer. Wegen der schlechten Kritiken, die das Bild erhielt, trennte Morbelli das Bild kurzer Hand in zwei Teile, die sich heute in zwei unterschiedlichen italienischen Sammlungen befinden.



Erstickt! Teile I und II, 1884
(→ größere Darstellung)


Gustave Moreau (1826-1898) wählte als künstlerisches Vorbild Eugène Delacroix. Er war ein Kenner der Alten Meister und der antiken Kunst. Deshalb erfasste sein Werk zahlreiche Mythen, denen er mit fast magischer Lichtführung eine sinnliche Aura verlieh. Diese sprach Ängste und Bedürfnisse vieler Betrachter an. Er war von der Idee getragen, die historische Malerei wiederzubeleben, indem er Figuren aus der klassischen Mythologie und der Bibel in einen zeitgenössischen und sozialen Kontext stellte. Er galt vielen als ein Maler des Traumes und des Unbewussten.



Le Victime [Opfer]



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