l.: Maurice-Quentin Delatour: Jean-Jacques Rousseau, 1753, Musée d'Art et d'Histoire, Genf
r.: Allan Ramsay: Jean-Jaques Rousseau, National Galleries of Scotland, Edinburgh

Jean-Jacques Rousseau,
(1712 - 1778)

von Nikolaus Werle

Rousseau wurde nicht nur gelesen und kommentiert, sondern erregte das überwältigende Bedürfnis nach Kontakt mit dem Leben hinter der gedruckten Seite. Seine Hypothese vom Naturzustand und der ursprünglichen Güte des Menschen wurde ebenso wie seine die verlorene Natur evozierenden Stilgesten identifikatorisch und im Alltag – sei es beim Stillen und in der Mutterliebe, sei es bei der Erziehung der Kinder oder dem Anlegen eines Gartens oder Parks – übernommen. Durch Rousseau war der Alltag philosophisch aufgewertet worden. Jeder aufklärerisch Gesinnte – und das waren trotz der Misogynie Rousseaus besonders auch die Frauen – konnte sich nunmehr berufen fühlen, an den metaphysischen Grundfragen des Aufklärungszeitalters lebenspraktisch wie räsonierend zu partizipieren. Rousseau entfaltete seine Wirkung in der Philosophie bei Kant und Fichte, in der Literatur bei Goethe und Hölderlin und in der Politik in der Französischen Revolution. Er steht mit seiner radikalen Rehabilitierung des sentiment im Doppelsinne von Empfindung und sittlich-moralischem Urteil zugleich auch für einen umfassenden kulturellen Bruch und für eine neue Art des Schreibens und Lesens, in der ständische Distinktionen, Konventionen und Hierarchien von der höher gewerteten Echtheit, Naturgemäßheit und Wahrhaftigkeit allein menschlicher sentiments und Leidenschaft in den zweiten Rang verwiesen werden.

Das Problem der Natur-Kultur-Dichotomie spielt bei Rousseau eine zentrale Rolle. Dass der Prozess historisch irreversibel ist, erkennt er an. Als Ausweg oder Fluchtlinie bleibt allein die Rückbesinnung auf die Natur des Menschen. Voraussetzung dafür aber ist eine Subjektivität, welche die Natur nicht als Gegenüber oder Umwelt situiert, sondern verinnerlicht. Nicht als Anhänger des Ancien Régime und von einer vormodernen Orientierung aus wurde Rousseau zum schärfsten Gegner der Aufklärungsphilosophie, vielmehr repräsentiert er die erste Strömung gegen Fortschritt und Moderne, die ausgehend von den Errungenschaften der Moderne selbst deren radikale Kritik entwickelt.

Rousseau ist der Meinung, dass Moral und Religion nicht im Verstand, sondern im Gemüt begründet seien. Das Gewissen ist den Menschen in den allermeisten Fällen ein sicherer Führer des sittlichen Lebens. Es sagt uns mit Sicherheit, was gut und was schlecht ist. Mögen die Philosophen in ihren gelehrten Systemen noch so sehr voneinander abweichen, in den sittlichen Grundsätzen sind sie alle einig. Das Gewissen ist jene himmlische Stimme, durch die wir Gott ähnlich werden. Darum liegt die Würde des Menschen in seinem Gewissen.

Auch hinsichtlich der Religion lässt uns der Verstand im Stich. Er beweist uns zwar, dass es einen Gott geben muss, er kann uns aber nicht sagen, was Gott ist und wie wir ihn verehren sollen. Auch das Christentum kann sich mit allen seinen Wundern nicht als die einzig richtige Religion ausweisen. Hätte Gott eine einzige Form gewollt, wie er von allen Menschen verehrt sein will, so hätte er seiner Religion so deutliche Züge aufprägen können, dass sie niemand übersehen könnte. Mag aber auch der Verstand versagen, das fromme Herz führt uns auch hier auf den richtigen Weg. Wir spüren in der erhabenen Einfachheit des Neuen Testaments, dass sie kein bloßes Menschenwerk ist und dass der, von dem sie spricht, mehr sein muss als ein Mensch. Die innere Stimme sagt uns, dass das Evangelium eine göttliche Botschaft ist. Aber das eigentliche Gotteshaus ist keine Kirche, sondern das fromme Herz. In ihm liegt die letzte Entscheidung über Glauben und Unglauben. Daraus folgt: „Bewahre deine Seele so, dass du immer wünscht, dass Gott existiert, dann wirst du nie an seiner Existenz zweifeln.“


Seine wichtigsten Werke sind:

° Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, 1755
° Julie oder Die neue Heloise, 1761 (Julie ou la Nouvelle Héloïse)
° Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes, 1762
° Emile oder über die Erziehung, 1762
° Die Bekenntnisse, 1782 (Les Confessions)
° Die Träumereien des einsamen Spaziergängers, 1782 (Les rêveries du promeneur solitaire)




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