François-Marie Arouet, dit Voltaire, Musée national du Château de Versailles

Francois Marie Arouet, 1694 - 1778

von Nikolaus Werle

Er gilt als eine der Hauptgestalten der französischen Aufklärung. Voltaire war Philosoph, Schriftsteller und Historiker. Er kämpfte beharrlich gegen Descartes’ rationalistische Naturauffassung, die in hohem Ansehen stand. An deren Stelle setzte er eine deistische Grundeinstellung. Ihr zufolge muss der regelgeleitete Gang der Natur durch die Annahme eines Schöpfers erklärt werden, dessen Wesen und Wille unbegreiflich bleiben. Das Übel ist, wie er vor allem unter dem Eindruck des Erdbebens in Lissabon von 1775 hervorhob, ein Bestandteil der Welt und lässt sich durch keinen Hinweis auf den höheren Willen und die höheren Pläne des Schöpfers hinwegdiskutieren. Es gehört notwendig zur Welt und kann nicht Gott zur Last gelegt werden, weil Gott in seinen Schöpfungsakten keineswegs völlig frei ist.

Gegen Leibniz’ philosophischen Optimismus, dass wir in der besten aller Welten leben, wendet sich vor allem sein satirischer Roman Candide aus dem Jahre 1759. Erwähnt sei auch sein berühmtes Dictionnaire philosophique portatif aus dem Jahre 1764, in dem er seine metaphysischen, politischen und ethischen Anschauungen zusammenfasste. Im Vorwort der ersten deutschsprachigen Ausgabe aus dem Jahre 1878/79 schreibt der Herausgeber L. Moland:

Um seine Gedanken in der Welt zu verbreiten, um sie bis zu den gewöhnlichen Menschen vordringen zu lassen, gibt es nichts Geeigneteres, als sie in einem Wörterbuch zusammenzufassen. Wenn das Projekt eines philosophischen Wörterbuches auch leichthin während eines Abendessens beim König von Preußen entstanden war, ließ es Voltaire doch nicht fallen, sondern befasste sich ernsthaft damit. Er verwirklichte es, indem er zunächst einen Band zusammenstellte, der klein genug war, um ein Taschenbuch, ein Handbuch, sein zu können... Die Vernunft nach dem Alphabet... Das Werk nahm nach und nach an Umfang zu und bald verdiente das Taschenwörterbuch diesen Titel nicht mehr...

Die Vielfalt des Wissens, das sich hier entfaltet, das hohe Tempo der Gedanken und die Lebendigkeit des Stils werden Sie daran hindern, Ihre Aufmerksamkeit zu verringern. Es scheint, als nehme man an jenen Konversationen Voltaires teil, von deren unwiderstehlichem Zauber die Zeitgenossen berichteten...

Unter dem Druckort London im Sommer 1764 veröffentlicht, verbreitete sich das Taschenwörterbuch, wie alle diese Kampfschriften, mit einer außerordentlichen Geschwindigkeit. Bekehrungseifer und propagandistische Energie trugen zu ihrer Verbreitung bei...

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Voltaire dem Christentum nur leichte Gefechte geliefert. Das philosophische Wörterbuch war der Beginn eines Krieges. Dieser wurde unermüdlich fortgeführt und dauerte 15 Jahre ohne Waffenstillstand noch Gnade und es kam dazu, dass Voltaire am Ende dieser 15 Jahre, wie Sainte Beuve sagt, Paris und Frankreich nach seinem Bilde geformt hatte. Seitdem hat jeder am intellektuellen Leben teilnehmende Mensch einen Grundbestand an Ideen Voltaires im Kopf, sei es, dass er sie direkt aus der Quelle geschöpft hat, sei es dass er sie indirekt bezogen hat oder dass sie ihm wie angeboren übermittelt wurden. Seitdem musste auch die christliche Apologetik von dieser unbezweifelbaren Tatsache ausgehen und hat, wenn sie beabsichtigte, sie einfach zu leugnen und ihr nicht Rechenschaft zu tragen, nichts als sterile Werke produziert...



Von Voltaire mit dem berühmten (elliptischen Satz) Écrasez l'infâme unterzeichneter Brief

Vorurteile

Zum Stichwort Vorurteile schreibt Voltaire:

Das Vorteil ist eine Meinung ohne Urteil. So werden Kindern auf der ganzen Welt, bevor sie zu einem Urteil fähig wären, alle beliebigen Meinungen eingeflösst.

Es gibt universelle, notwendige und solche Vorurteile, die die Tugend selbst sind. In jedem Land bringt man den Kindern bei, Gott als Belohner und Bestrafer zu ehren, Vater und Mutter zu lieben, Diebstahl als Verbrechen anzusehen, die absichtliche Lüge als böse - und zwar bevor sie noch erraten können, was Laster und was Tugend wäre.

Es gibt also sehr gute Vorurteile, nämlich diejenigen, die die Urteilskraft bestätigt, wenn man nachdenkt. Gefühle sind nicht einfach Vorurteile, sie sind etwas sehr viel stärkeres. Eine Mutter liebt ihren Sohn nicht deshalb, weil man ihr gesagt hätte, sie solle ihn lieben: Sie hängt gegen ihren eigenen Willen an ihm. Man folgt nicht einem Vorurteil, wenn man einem Kind zu Hilfe eilt, das droht, in den Abgrund zu fallen, oder von einem wilden Tier gebissen zu werden. Aber es geschieht aus Vorurteil, wenn Sie einem gut gekleideten, würdig einher schreitenden und ebenso sprechenden Mann mit Respekt begegnen. Ihre Eltern haben Sie gelehrt, dass Sie sich vor diesem Mann verneigen sollen - Sie respektieren ihn noch bevor Sie wissen, ob er Ihren Respekt verdient. Sie werden älter in Jahren und Erfahrung, Sie bemerken, dass dieser Mensch ein Scharlatan ist, voller Hochmut, Eigennutz und Arglist, Sie werden das, was Sie überprüft haben, gering schätzen und das Vorurteil weicht dem Urteil. Sie haben aus Vorurteil den Märchen geglaubt, mit denen man Ihre Kindheit ausgefüllt hat, man hat Ihnen erzählt, dass die Titanen gegen die Götter Krieg führten und Venus Adonis liebte, mit 12 haben Sie diese Märchen für Wahrheit genommen, mit 20 haben Sie sie für gut gemachte Allegorien angesehen.

Untersuchen wir ein wenig die Begriffe der verschiedenen Arten von Vorurteilen, um in unsere Angelegenheiten etwas Ordnung zu bringen. Es wird uns dabei vielleicht am Ende ergehen wie jenen, die zur Zeit der Lawschen Systeme* bemerkten, dass sie mit eingebildeten Reichtümern gehandelt haben.

Vorurteil der Sinne

Ist es nicht eine komische Sache, dass, obwohl wir sehr gut sehen, uns unsere Augen laufend täuschen, während uns unsere Ohren nicht täuschen? Wenn Ihr richtig ausgerichtetes Ohr vernimmt: "Sie sind schön, ich liebe Sie" ist es ziemlich gewiss, dass man nicht: "Ich hasse Sie, Sie sind hässlich" zu Ihnen gesagt hat. Aber betrachten Sie die glatte Oberfläche eines Spiegels - man kann zeigen, dass Sie sich täuschen, denn sie ist uneben. Sie sehen die Sonne mit ungefähr zwei Fuß Durchmesser, man kann zeigen, dass sie eine Million mal größer ist als die Erde. Es scheint, dass Gott die Wahrheit in unsere Ohren gelegt hat und die Täuschung in unsere Augen. Studieren Sie jedoch die Gesetze der Optik, werden Sie erkennen, dass Gott sich nicht getäuscht hat und dass Ihnen die Gegenstände unmöglich anders als in ihrem gegenwärtigen Zustand erscheinen können.

Physikalische Vorurteile

Die Sonne geht auf, der Mond ebenfalls, die Erde bewegt sich nicht: Da haben wir physikalische Vorurteile aus der Natur. Aber dass Krustentiere gut für das Blut sind, weil sie gekocht ebenso rot sind, dass der Zitteraal Lähmungen heilt, weil er zappelt, dass der Mond unsere Krankheiten beeinflusst, weil man eines Tages beobachtet hat, dass ein Kranker doppelt so hohes Fieber hatte, als der Mond abnahm: Diese Vorurteile und tausend andere gehen auf Fehler von Scharlatanen in der Vergangenheit zurück, die urteilten ohne nachzudenken und die, selbst Getäuschte, Andere täuschten.

Historische Vorurteile

Die meisten Geschichten hat man ohne Überprüfung geglaubt und dieses Zutrauen war ein Vorurteil. Fabius Pictor* erzählt, dass einige Jahrhunderte vor seiner Zeit eine Vestalin der Stadt Elba vergewaltigt wurde, als sie Wasser in ihren Krug schöpfen wollte und dann mit Romulus und Remus niederkam, die von einer Wölfin gesäugt wurden usw. Das römische Volk glaubte dieses Märchen, es untersuchte nicht, ob es zu diesem Zeitpunkt im Latium Vestalinnen gab, ob es glaubhaft ist, dass die Tochter eines Königs ihr Kloster mit einem Krug verließ, ob es wahrscheinlich war, dass eine Wölfin 2 Kinder, statt sie zu verspeisen, säugte. Das Vorurteil verfestigte sich.

Ein Mönch schrieb, dass Clovis, als er während der Schlacht von Tolbiac in große Gefahr geriet, schwur, Christ zu werden, wenn er heil herauskäme.* Aber ist es normal, sich in einer derartigen Situation an einen fremden Gott zu wenden? Ist es nicht vielmehr so, dass die Religion, in die man geboren wurde, die größte Wirkung ausübt? Welcher Christ hätte sich in einer Schlacht gegen die Türken eher an Mohammed und nicht an die Jungfrau Maria gewandt? Es wird hinzugesetzt, dass, um Clovis zu salben, ein Pinguin in seinem Schnabel die heilige Ampulle brachte und ein Engel das Lilienbanner trug, um ihn zu führen. Das Vorurteil glaubt alle derartigen Histörchen. Wer die menschliche Natur kennt, weiß sehr gut, dass der Besetzer Clovis... Christ[en] wurde[n], um Christen besser beherrschen zu können...


Religiöse Vorurteile

Wenn Ihnen Ihre Amme erzählt hat, dass Ceres* dem Getreide befiehlt, oder dass Vichnu* und Xaca mehrere Male zu Menschen wurden, oder dass Sammonocodom* einen ganzen Wald abholzen kann, oder dass Odin* Sie in seiner Halle zu Jütland erwartet, oder dass Mohammed oder irgend ein anderer eine Reise in den Himmel getan hat, wenn schließlich Ihr Erzieher das einmeißelt, was Ihre Amme in Ihr Hirn eingravierte, werden Sie Ihr ganzes Leben daran tragen. Fall sich Ihr Urteilsvermögen gegen diese Vorurteile erheben wollte, werden sich Ihre Nachbarn, vor allem Ihre Nachbarn, Gotteslästerung schreien und sich fürchten. Euer Derwisch, in voller Angst, sein Einkommen zu verlieren, zeigt Sie bei Gericht an und der Richter wird Sie pfählen lassen, wenn er kann. Denn er will Dummköpfe regieren und glaubt, dass Dummköpfe besser gehorchen als andere. Und das wird so lange dauern, bis Ihre Nachbarn, oder der Derwisch und der Richter zu verstehen beginnen, dass die Dummheit zu nichts führt und dass der Verfolgungswahn verabscheuenswert ist.


Statue Voltaires am Rathaus von Paris

Geschichte

1746 wurde Voltaire in die Académie Française aufgenommen. Trotz dieser Anerkennung setzte er sich wegen seiner scharfen Kritik an Königshaus, Kirche und Adel heftigen Anfeindungen aus. Für seine Schriften wurde er mehrfach eingekerkert und ins Exil getrieben.

In Frankreich kämpft Voltaire gegen Kirchenautorität und Geschichtsklitterung im Dienst von Machtansprüchen. Programmatisch thematisierte er unter dem Titel der Historie nicht Gottes Vorsehung und nicht politische Konflikte und Böswilligkeiten, sondern Kunst und Sitte, Gesellschaft und Familie. In seinem Wörterbuchartikel Histoire lässt er die politische Historie ganz aus und erklärt die histoire des arts zur nützlichsten Form der Geschichtswissenschaft. Trotz Differenzen mit Voltaire ist d'Alembert mit ihm darin einig, dass man gewöhnlich nur die Geschichte der Geier erfahre, anstatt die Spuren der Anstrengungen des menschlichen Geistes dargestellt zu finden.

Für Voltaire sind Fanatismus und Aberglauben gleich, dagegen unterscheidet er Fanatismus und Enthusiasmus. Dieser ist innerlich und gewaltlos, während jener die Weise ist, seine Überzeugung intolerant und auch mit den äußersten Mitteln zu vertreten.

Essay über den Geist und die Sitten der Nationen (Essai sur les mœurs et l'esprit des nations, 1756) lautet der Titel eines der wichtigsten Werke Voltaires. Hier ist zum ersten Mal der Versuch unternommen worden, die Geschichte als Zusammenwirken irdischer Kräfte und Entwicklungen zu zeigen und als ein Gesamtbild begreifbar zu machen. Voltaire hat an diesem Geschichtswerk, aufbauend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit zur geologische Erdentstehung, zu ersten menschlichen Zivilisationen bis hin zur jüngeren Geschichte aller Völker alles Material, das ihm zur Verfügung stand, ausgewertet und zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. Die Prinzipien seiner Geschichtsschreibung formuliert er so:

1. Der Geschichtsschreibung „Zweck ist nicht, zu wissen, in welchem Jahr ein Fürst, der nicht wert ist, genannt zu werden, dem wilden Herrscher einer unzivilisierten Nation folgte". Es geht vielmehr darum, die Kräfte kennen zu lernen, die solche Herrscher an die Oberfläche spülen.

2. Man muss sich nicht vor Urteilen scheuen. Voltaire beurteilt eine Epoche, ein Jahrhundert, aber auch einzelne Menschen danach, was sie getan haben, um Kunst und Wissenschaft voranzubringen - dies ist seine Messlatte, nach der sich Groß und Niedrig bestimmen lässt.

3. Geschichtsschreibung soll aufhören, Heiligenlegenden zu spinnen und lobrednerische Hofgeschichte zu sein. Voltaires Mahnung an die Adresse der Fürsten aller Zeiten lautet, "dass die Geschichte eine Zeugin ist, keine Schmeichlerin, und dass das einzige Mittel, die Menschen zu bewegen, Gutes von uns zu sagen, darin besteht, Gutes zu tun.”



Aus der Geschichte eines guten Brahmanen



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