PYTHAGORAS VON SAMOS
(etwa 570-480 v. Chr.)

Pythagoras

Leben und Legende

Pythagoras wurde auf Samos geboren. Herodot erwähnt seinen Vater Mnesarchos. Während der Tyrannis des Polykrates emigrierte Pythagoras nach Kroton in Süditalien. Hier entstand die Stätte seiner weitreichenden Wirksamkeit. Schnell bildete sich eine große Gemeinde von Anhängern, die von ihm und seiner Lehre fasziniert war.

Von seinen Anhängern verlangte er mehrjähriges Schweigen, tägliche Selbstprüfung ("Worin hab´ ich gefehlt, was getan, welcher Pflicht mich entzogen?"), einfache Wollkleidung, Enthaltung vom beseelten Geschöpf etc. Die Mitglieder seines Bundes waren teils Bewunderer, die Akusmatiker (gr., akuein = hören), und teils Erkenntnissuchende, die Mathematiker (gr., manthanein = einsehen, lernen). Für ihn bedeutete Freundschaft Gleichheit. Die Meditation zielte bei Pythagoras nicht allein auf ethische Vervollkommung, sondern diente zugleich dem mentalen Training des Erinnerungsvermögens.

Cicero berichtet in seinen Gesprächen in Tusculum, dass Pythagoras vom Fürsten von Phleius gefragt worden sei, "wer denn die Philosophen seien und was sie von den andern Menschen unterscheide. Pythagoras habe geantwortet, das Leben der Menschen scheine ihm gleich zu sein wie jener Markt, der im ganzen Glanz der Spiele und in der Anwesenheit ganz Griechenlands abgehalten zu werden pflege. Denn wie dort die einen mit trainierten Körpern den Ruhm und die Ehre eines Kranzes erstrebten, andere mit Aussicht auf Gewinn und Profit durch Kauf und Verkauf angelockt würden und es endlich eine besondere Gruppe gebe, die die vornehmste sei und weder nach Beifall noch nach Gewinn strebe, sondern um des Schauens willen gekommen sei und aufmerksam betrachte, was geschehe und wie, ebenso seien auch wir gleichsam aus einer Stadt in irgendeinen belebten Markt gekommen, nämlich in dieses Leben aus einem andern Leben und einer andern Natur, und die einen dienten nun dem Ruhme, die andern dem Geld. Es gebe aber einige seltene, die alles andere verachteten und die Natur der Dinge aufmerksam betrachteten. Diese nennten sich Liebhaber der Weisheit, eben Philosophen. Und wie jenes das vornehmste sei, zuzuschauen ohne für sich etwas zu erstreben, so rage auch im Leben die Betrachtung und Erkenntnis der Dinge weit über alle anderen Beschäftigungen hinaus." (Gespräche in Tusculum, liber quintus, cap. 8,9)

Diogenes Laertius erwähnt über den Tod des Pythagoras zahlreiche, jedoch einander widersprechende Berichte. Die meisten erzählen von seinem gewaltsamen Tod aus Rache, Neid oder aus Angst vor seiner möglichen Herrschaft. Dikaiarch berichtete, dass Pythagoras sich in das Heiligtum der Musen in Metapont geflüchtet habe und dort nach vierzigtägiger Nahrungsenthaltung gestorben sei.

Die unsterbliche Seele

Bei Pythagoras ist die Philosophie Teil eines religiösen und moralischen Ganzen: Sie dient dem menschlichen Heil. Der Kosmos wird als lebendiges, göttliches und ewiges Wesen aufgefasst. Der Mensch besitzt etwas Unsterbliches, die Seele. Sofern sie aber in den vergänglichen Leib eingesperrt ist, bleibt der Mensch gespalten. Um sich mit dem Kosmos zu vereinigen und sich im Kreislauf der Seelenwanderung nicht immer wieder mit neuen Körpern verbinden zu müssen, muss der Mensch seine Seele reinigen. Besonderen Wert legte Pythagoras daher auf rituelle Reinigung und Sühne.

Aus dieser Seelenlehre ergibt sich die Ethik des Pythagoras. Da das eigentliche Ziel der Seele die Heimkehr zum Göttlichen ist, soll sich der Mensch nicht in das Irdische verstricken. Nur dann wird Harmonie herrschen, wenn die sinnlichen Leidenschaften beherrscht werden. Da nur die Weisen imstande sind, dies zu erkennen, ist der Gehorsam für die Ungebildeten eine Wohltat.

Diese Seite seiner Philosophie besitzt trotz wichtiger Unterschiede große Ähnlichkeit mit der Orphik.

Die Zahlenlehre

Die Wissenschaft ist ein Mittel, um den Menschen von der Sinnlichkeit zu befreien und zur göttlichen Ordnung zu führen. Darum zeigt sich der Urgrund der Welt nicht im Materiellen, sondern im Formalen, in den Zahlen.

Die Zahlenlehre stellt den entschiedenen Versuch dar, die Wirklichkeit umfassend zu strukturieren und in ein Klassifikationssystem zu bringen.

Die grundlegenden Prinzipien sind das Begrenzte und das Unbegrenzte. Sie repräsentieren das Gute und das Böse. Danach kommen das Ungleiche und das Gleiche, und aus ihnen folgt die unteilbare Einheit, die Zahl 1, die außerhalb der Zahlenreihe steht. Der 1 entspringt die Vielfalt der Zahlen, und ihnen wiederum die Welt.

Nach Pythagoras bietet die Untersuchung der Zahlen den Schlüssel zur Philosophie. Alles ist Zahl, und alles kann mit Hilfe der Zahl verstanden werden. So fanden die Pythagoreer heraus, dass Saitenlänge und Tonhöhe der Lyra sich proportional zueinander verhalten. Die siebensaitige Lyra ist so gestimmt, dass die beiden äußeren und die beiden mittleren Saiten zusammen die Intervalle Oktave, Quinte und Quarte ergeben. Diese Intervalle lassen sich in den Zahlenverhältnissen 1:2, 3:2, 4:3 ausdrücken. Zahlen, mathematische Verhältnisse, sind die Natur der Dinge. In Schwierigkeiten geriet diese Tradition später durch die Entdeckung, dass sich die Quadratwurzel aus 2 nicht als Verhältnis zwischen natürlichen Zahlen ausdrücken lässt. Deshalb versuchten die Pythagoräer zunächst, diese Entdeckung geheim zu halten.

Pythagoras soll Anregungen, welche er bei seinen Reisen im Orient und vor allem in Ägypten empfangen habe, aufgenommen und nicht nur den nach ihm benannten Satz erfunden und die Geometrie vervollkommnet haben, sondern überhaupt der Begründer der strengen Mathematik als einer deduktiven Wissenschaft gewesen sein. In Babylon hatte die Rechentechnik ein beachtliches Niveau erreicht. Das Theorem des Pythagoras war in Mesopotamien schon seit 1500 v. Chr. in Anwendung, auch wenn es nie explizit formuliert wurde.

Würdigung

In den ältesten Zeugnissen, die bis an Pythagoras´ Lebenszeit heranreichen, zeichnet sich ein Zusammenhang zwischen der betrachtenden Erforschung der Welt (theoria) und dem besonders eifrigen Bemühen um Weisheit (philosophia) ab. Das Wort theoria wurde zunächst für die Gesandten einer Stadt verwendet, die an einer auswärtigen religiösen Feier teilnahmen oder zu einem Orakel pilgerten. Das Wort hat dabei auch die Konnotation der Ortsveränderung. So heißt es bei Herodot, der athenische Staatsmann und Weise Solon sei nach dem Erlass seiner Gesetze für zehn Jahre "um der theoria willen" verreist, "um zu schauen und zu lernen". Umherreisen und dabei viele Dinge mit einer gesunden Neugier sehen wollen: Dies gilt offensichtlich als Vorbedingung für das Erlangen von sophia. Theoria und sophia, sind jedenfalls auf das Engste miteinander verknüpft.

Nicht Selbstbescheidung ist es, die Pythagoras das Wort Philosoph für sich selbst verwenden lässt, ausschlaggebend dürfte vielmehr das Bedürfnis gewesen sein, die eigene überragende Klugheit und Einsicht von den vielen anderen "Könnerschaften" - dies der ursprüngliche Sinn von sophia - zu unterscheiden und sich vielleicht außerdem von den älteren, noch nicht zu gleicher Höhe gelangten Weisen abzugrenzen.

Literatur:

Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1998.

Platon: Timaios, Rowohlt, Reinbek 1982.

Herodot: Historien, Alfred Kröner, Stuttgart 1971.

Christoph Riedweg: Pythagoras, C.H.Beck, München 2002.

Johann Fischl: Geschichte der Philosophie, Styria, Graz 1964.

Anton Hügli und Poul Lübcke (eds): Philosophielexikon, Rowohlt, Reinbek 1991.

Konrad Ziegler und Walther Sontheimer: Der Kleine Pauly, dtv, München 1979.

Karl Vorländer: Philosophie des Altertums, Rowohlt, Reinbek 1964.

Hans-Georg Gadamer (ed.): Philosophisches Lesebuch, Fischer, Frankfurt 1989.

Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Alfred Kröner, Stuttgart 1963.

Cicero: Gespräche in Tusculum, Winkler, Düsseldorf 1998.

 Seite 1
  zurück
  Seitenanfang
  Seitenende
Druckversion in PDF