Taoismus

Lao Tse

Über Lao Tse, auf den der Taoismus zurückgeht, sind nur legendenhafte Angaben überliefert. Die chinesische Tradition spricht vom 6.Jahrhundert v.Chr., während neuere Datierungsversuche das 4. oder 3. Jahrhundert v.Chr. als wahrscheinliche Wirkungszeit annehmen. Lao Tse war Beamter an einem Fürstenhof. Jedoch überwältigte ihn angesichts des Hoflebens und der Staatsgeschäfte bald Abscheu und Überdruss, sodass er sich in eine Hütte am Abhang eines Berges zurückzog, in der er lange Zeit einsam lebte und ein kleines Buch verfasste.

Tao Te King

Dieses Buch, Tao Te King, handelt in 81 kurzen Abschnitten von Tao und Te. Tao und Te sind vieldeutige, schwer übersetzbare Worte.
Tao meint etwa "Seinsgrund", "Bahn", "Weg", in der sich das Universum bewegt.
Te heißt soviel wie "gutes Handeln" oder "Tugend".
King bedeutet Buch.
Tao Te King ist der Pfad der Tugend oder das Weltgesetz und sein Wirken und wie der Mensch leben soll. Ewig ist das Tao ohne Tun, und dennoch gibt es nichts, das es nicht täte. Vielmehr soll das Nichttun allen Wesen zu ihrem Tun verhelfen. Da das Tao ohne Handeln ist, ist die menschliche Handlungsnorm daraus abgeleitet: Das Angleichen an das Nichttun des Tao.

Dem Staat fallen keine positiven Aufgaben zu, der Krieg wird verurteilt, der materielle Fortschritt verachtet, die vielen Ämter und Institutionen werden als unnütz hingestellt. Alles soll still und wie von selbst gehen. Die Politik besteht darin, dass man keine bestimmten Ideale, keine Zwecke verfolgt, sondern einen Zustand der Ruhe und der Harmonie mit dem Universum herbeiführt, in dem die Herzen sich leer bluten und sich der Erkenntnis des Tao hingeben.

Der Mensch soll nicht im Lebenskampf aufgehen, sondern das stille Walten der Natur nachahmen und dabei Unrecht mit Güte vergelten.

Der Fürst soll nicht mit Gesetzen und Waffen, sondern durch das Beispiel seiner sittlichen Persönlichkeit regieren.

Kultur, Wissenschaft und Fortschritt fördern im Menschen nur Begierden und Machtstreben.


Christlicher Respekt

Einige christliche Theologen des ausgehenden 19. Jahrh. fanden nicht selten eine Übereinstimmung mit der Botschaft Jesu. Es gibt etwa hundert Parallelen zwischen den Aussagen des Tao Te King und dem NT. Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Theologen des 19. Jahrh., Herman Schell, war von Lao Tse tief beeindruckt: "Unter allen Schriften, in welchen die religiöse Forschung der Menschheit außerhalb des Kreises der alttestamentlichen und neutestamentlichen Inspiration ihre mühsam errungenen Ergebnisse niedergelegt und der Zukunft als Vermächtnisse überliefert hat, wird wohl kaum eine zu finden sein, welche dem Büchlein Lao Tses den Vorrang streitig machen dürfte."


Religionsform

Als organisierte Religionsform spielte der Taoismus nur eine kleine Rolle, seine Lehre blieb aber durch die immense Wirkung des Buches Tao Te King erhalten und wurde teilweise vom Buddhismus eigener chinesischer Prägung aufgenommen.


Auswahl aus dem Tao Te King

Abschnitt 8:

Das höchste Gute gleicht dem Wasser.
Weil Wasser den zehntausend Dingen nützt,
ohne mit ihnen zu streiten,
und selbst dahin fließt,
wo kein Mensch sein mag,
kommt es dem Weg nahe.

Beim Wohnen ist der geeignete Platz wesentlich,
beim Denken die Tiefe,
beim Umgang mit andern die Güte,
beim Reden die Ehrlichkeit,
beim Regieren die Gerechtigkeit,
beim Arbeiten das Können,
beim Handeln der richtige Zeitpunkt.

Wo kein Streit ist, da ist auch keine Schuld.

Abschnitt 71:

Wer weiß,
aber glaubt, dass er nichts weiß, ist groß;
wer nicht weiß,
dass er weiß, wird in Schwierigkeiten geraten.

Wer die Schwierigkeiten erkennt,
kann sie vermeiden.
Der Weise stößt nicht auf Schwierigkeiten.
Er stößt nicht auf Schwierigkeiten, weil er sie erkennt.

Abschnitt 76:

Der Mensch ist weich und zart,
wenn er geboren wird;
wenn er gestorben ist,
ist er steif und starr.

Gräser und Bäume sind biegsam und zart,
wenn sie das Licht der Welt erblicken;
wenn sie tot sind, sind sie dürr und trocken.
Darum ist das Harte und Starre dem Tod nahe,
das Zarte und Nachgiebige ist dem Leben nahe.

Darum wird eine starke Armee keine Schlacht gewinnen;
ein starker Baum wird gefällt werden.
Das Harte und Starke wird unterliegen;
das Weiche und Zarte wird siegen.


   
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