Jacopo Pontormo: Evangelist Johannes, Cappella Capponi in Santa Felicità, Florenz, 1525

Heiligtümer, Heilige und Dämonen

Das Heilige umfasst alles, worin der Mensch eine Berührung und Beziehung mit dem Göttlichen erfährt. Es ist auch Gegenstand seiner Ehrfurcht, Scheu und Verehrung. Mit Vernunftkategorien allein kann das Heilige nicht erfasst werden. Das Heilige ist von einer Atmosphäre numinosen Schreckens, unnahbarer Hoheit, gefahrdrohender Unheimlichkeit, aber auch von der Ahnung eines beseligenden Geheimnisses erfüllt.

In allen Religionen gibt es in irgendeiner Art heilige Personen, Orte, Dinge. Im Christentum gelten Personen oder Gegenstände dann als heilig, wenn sie in herausragender Weise Zeugnis von Gott gegeben haben oder auf ihn hinweisen. Orte, Bilder, Personen beziehen also ihre Heiligkeit nicht aus sich selbst, sondern verweisen auf Gott.

Angebetet wird nur Gott, verehrt werden Heilige oder geweihte Gegenstände.

Das aus dem Griechischen kommende Wort Dämon bedeutete zunächst Geist, Schicksalsmacht, aber auch Gewissen. Allmählich wurde daraus eine Bezeichnung für einen bösen Geist oder Teufel. Im Christentum bezeichnete man die im Luzifer-Mythos gefallenen Engel als Dämonen. Sie sind ein Relikt des alten Weltbildes, das die Mächte des Guten und der Hölle personifizierte und nach Art eines Hofstaates hierarchisch ordnete.

Die wichtigsten Heiligen sind:

Maria (hebr., die von Gott Geliebte) – Mutter Jesu
Josef (hebr., Gott möge vermehren) – Mann Mariens
Johannes der Täufer (hebr., Gott ist gnädig) – Wegbereiter Jesu
Florian (lat., der Blühende) – Über seinem Grab entstand das Stift St. Florian in Oberösterreich
Elisabeth (hebr., Gott ist mein Schwur) – Mutter von Johannes dem Täufer
Joachim (hebr., Gott richtet auf) – Vater von Johannes dem Täufer
Nikolaus (gr., Sieger über das Volk) von Myra – lebte Anfang 4. Jahrhundert
Katharina (gr., die Reine) – Name verschiedener Heiliger

Evangelisten:
Matthäus (Engel), Markus (Löwe), Lukas (Stier), Johannes (Adler)

Propheten des AT:
- Jesaja, Jeremija, Ezechiel, Daniel (Große Propheten, neben ihnen gibt es noch 12 kleine Propheten)

Die zwölf Apostel und der dreizehnte:
- Petrus, Andreas, Jakobus der Ältere, Jakobus der Jüngere, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Thaddäus, Simon, Judas.
Paulus – Saulus war zunächst ein erbitterter Verfolger der Christen, nach seiner Bekehrung vor Damaskus wurde er zum Völkerapostel.

Man teilt die Heiligen in Märtyrer, welche wegen ihres Glaubens getötet wurden, und in Bekenner, welche ihren christlichen Glauben zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht haben. Einen besonderen Stellenwert haben heilige Mönche und Nonnen, da sie dem auf Christus selbst verkündeten Ideal, die in den Ordensgelübden ihren Ausdruck fanden, gefolgt sind.

Um eine Heiligendarstellung zu kennzeichnen, wurden im Mittelalter Inschriften mit dem Namen beigegeben. Ab dem 13. Jahrhundert, vor allem aber im 15. und frühen 16. Jahrhundert, wurden diese durch bestimmte Kennzeichen ersetzt. Der Großteil der Bevölkerung war ja des Lesens unkundig, jedoch mit der Lebensgeschichte der verschiedenen Heiligen vertraut. So wurde in der Darstellung der Heilige durch Kleidung und spezielle Gegenstände (Attribute) erkennbar gemacht.


Generelle Attribute (z.B. Bischofsstab, Buch oder Märtyrerpalme) veranschaulichen den Stand des Heiligen oder sein Wirken. Sie sind vielen Heiligen in gleicher Weise beigegeben. Individuelle Attribute sind Gegenstände, die an Ereignisse oder legendäre Besonderheiten in Leben, Martyrium (Opfertod oder schweres Leiden wegen seines Glaubens) oder Kult (Zeremonie einer religiösen Handlung) einzelner Heiliger erinnern. Auf diese Weise können bestimmte Heilige identifiziert werden, z.B. unter der großen Zahl heiliger Bischöfe mit Buch der heilige Nikolaus von Myra durch das Attribut der drei goldenen Kugeln, weil er nachts goldene Kugeln ins Haus dreier Jungfrauen warf, um ihnen die Heiratsausstattung zu finanzieren. Sind nur generelle Attribute bei einem Heiligen zu finden, kann vielfach der Ort, an dem sich die Darstellung befindet, Aufschluss über die Identität des Heiligen geben. Als Bespiel sei der hl. Pelagius in Konstanz angeführt.

Für katholische und orthodoxe Christen gehörte einst die Heiligenverehrung zu den bestimmenden Elementen der religiösen Kultur, insbesondere des Volksglaubens. Es entstand eine unübersehbare Fülle Gemeinschaft stiftender Rituale. Heiligenfeste gewährten arbeitsfreie Feiertage, heilige Stätten waren das Ziel wallfahrender Volksmassen, Regionen gewannen in einem vielgestaltigen Brauchtum ihren Zusammenhalt. Die fromme Literatur lieferte einen ganzen Kosmos an pädagogischem Erzählstoff, an Geschichten, Anekdoten, Legenden und Sagen. Die bildende Kunst versorgte die fromme Phantasie mit Gemälden und Statuen, Altarplastik und Totenschreinen. Die Musik lieferte Lieder und Messen. Frühe religiöse Entwicklungsstufen lebten in der Heiligenverehrung fort, etwa Totemismus in Standes-, Berufs- und Namenspatronaten, das Tabu in den Asyl- und Friedensgeboten heiliger Stätten oder Zeiten, Magie und Totenkult im Reliquienwesen. Die Verehrung von Überbleibseln, dies die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes reliquiae, des Körpers, der Kleidung oder der Gebrauchsgegenstände von Heiligen gründet auf dem Glauben, dass deren Kraft oder Macht über den Tod hinaus fortwirkt.

Trotz mancher Wiederbelebungsversuche ist diese Art religiöser Kultur unwiederbringlich dahin. Blasiussegen und Leonardiritt, Ignatiuswasser und Walpurgisöl überleben zwar noch in manchen Regionen, aber eher als Folklore denn als religiöser Glaube. von der Gnadenwirkung heiliger Gebeine sind nur noch wenige Menschen überzeugt, obgleich trotz ungebrochenem Säkularisierungstrend ein gewisses Glaubenspotential nie verschwindet (z.B. die seit geraumer Zeit anhaltende Attraktivität des Turiner Leichentuches). Viele Menschen suchen sich ihre Orientierung heute woanders, etwa in der esoterischen Subkultur, bei Geistheilern, Astrologen oder Okkultisten der unterschiedlichsten Disziplinen.

Seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts, verstärkt seit dem Tod Pius XII. (1958), hat die historische Kritik innerhalb der Katholischen Kirche so stark zugenommen, dass die märchen- und legendenhaften Elemente der Tradition ausgetrieben wurden. Auch mit der Kalenderreform Pauls VI. wurde das klassische System der Heiligen zerrüttet. Zudem führte der soziologisch begründbare Siegeszug der mittelständischen Lebensform unter den Gläubigen zur Tilgung des Anstößigen, Sonderbaren, Skandalösen in der Heiligenliteratur. Das phantastische Material an Obsessionen, Perversionen, paranormalen Geisteszuständen, Wundern und Gewaltorgien wurde so lange gesiebt und verdünnt, bis nur noch ein fades Gebräu von Allerweltsmoral übrigblieb.

So muss abschließend festgestellt werden, dass zu unterscheiden ist zwischen der kirchlichen Tradition vor dem II. Vatikanischen Konzil und der nachherigen religiösen Praxis.


Dom St. Stephan, Wien


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