Robert Roberthin
Frühlingslied



Er kömmt in seiner Herrlichkeit,
der holde Lenz, hernieder
und schenket seine Wonnezeit
dem Erdenkreise wieder.
Er malt die Wolken mit Azur,
mit Gold der Wolken Rände,
mit Regenbogen Tal und Flur,
mit Schmelz die Gartenwände.
Er kleidet den entblößten Baum,
deckt ihn mit einer Krone,
daß unter seinem Schattenraum
das Volk der Vögel wohne.
Wie preiset ihrer Lieder Schall
die Wunder seiner Rechten,

die Lerch am Tage, Nachtigall
in schauervollen Nächten.
Die Fische scherzen in der Flut,
die Herden auf der Weide,
es schwärmt der Bienen junge Brut
auf der beblümten Heide.
Der Mensch allein, der Schöpfung Haupt,
vergräbet sich in Sorgen,
ist immer seiner selbst beraubt,
lebt immer nur für morgen.
Ihn weckt Auroras güldner Strahl,
ihm lacht die Flur vergebens,
er wird, nach selbstgemachter Qual,
der Henker seines Lebens.
Das ohnehin wie ein Gesicht
des Morgentraums entfliehet,
und vor ein schreckliches Gericht
ihn, den Verbrecher, ziehet.



(Robert Roberthin wurde 1600 in Saalfeld, Ostpreußen, geboren und starb 1648 in Königsberg)