Rabindranath Tagore
Hingabe
Auf der Dorfstraße war ich betteln gegangen von Tür zu Tür, als in der Ferne dein goldener Wagen wie ein prächtiger Traum erschien.
Gerne hätte ich gewusst, wer dieser König der Könige sei.
Hoch stieg mein Hoffen an, mich dünkte, das Ende meiner bösen Tage sei erreicht.
Ich stand und wartete auf Gaben, die ungebeten kämen, auf Reichtum, in den Staub der Straße gestreut.
Der Wagen hielt an, wo ich stand.
Dein Blick fiel auf mich.
Lächelnd stiegst du aus.
Ich fühlte, endlich war das große Glück gekommen.
Ganz plötzlich streckst du deine Rechte aus und sagst: "Was hast du mir zu geben?"
Ach, welch königlicher Scherz war das, die Hand vor einem Bettler zu öffnen. Ihn zu bitten!
Ich war verwirrt, stand unentschlossen da, nahm aus meinem Sack das kleinste Körnchen, gab es dir.
Doch was für ein Erstaunen, als am Abend ich meine Tasche auf dem Boden leerte: Ein winzig kleines Körnchen Gold glänzte in dem kargen Haufen.
Ich weinte bitterlich und wünschte, ich hätte das Herz gehabt, dir alles zu schenken.

 
 

Rabindranath Tagore (1861-1941), geboren in Kalkutta, entstammte einem Brahmanengeschlecht; aber gerade diese Herkunft aus einer uns in ihrem Reichtum nachgerade abstrakt erscheinenden Welt der Paläste und Landgüter hat seinen Blick für die niederdrückende soziale Wirklichkeit seiner Heimat eher geschärft. So hielt es ihn, der schon als Achtzehnjähriger der gefeierte Dichter seiner Heimat war und dessen Werk 1913 mit dem Nobelpreis für Literatur gekrönt wurde, nicht im Elfenbeinturm des weltabgewandten Poeten.