Charles d’Orléans

Im Wald des Langen Wartens

Im Wald des Langen Wartens
Vom Schicksalswind, dem harten
Gepeitscht, seh ich, wie’s Bäume bricht,
Doch keinen Weg und Pfade nicht
Für meinen Schritt, den schmerzerstarrten.
Einst sah ich Freuden aller Arten,
Die Jugend schenkte mir die zarten
Genüsse – jetzt: kein Funken Licht
Im Wald des Langen Wartens.
Das Alter sagt, mit seinen Martern:
Du hast kein Recht mehr, keine Karten
Im Spiel, vorbei! ruft sein Gericht,
Sind Tage, Monat’, Jahre schlicht:
Sei dir genug, lass all die Fahrten
Im Wald des Langen Wartens.


Aus dem Französischen von Ralph Dutli

Charles d’Orléans wurde 1394 als Sohn des Herzogs Ludwig von Orléans geboren. Mit zwanzig Jahren stand er in der Nähe von Calais im Kampf gegen die Engländer. Er wurde verwundet unter den Leichen hervorgezogen und als menschliches Faustpfand nach England gebracht. Die nächsten fünfundzwanzig Jahre war er Gefangener in verschiedenen englischen Kerkern. Gegen ein enormes Lösegeld wurde er 1440 freigelasse. Er kehrte nach Frankreich zurück und zog sich müde auf sein Schloss in Bois an der Loire zurück, um fortan für die Poesie zu leben.