Mein Sohn, Zeus der Donnerer hält in der Hand
von allem, was es gibt, das Ende und fügt es, wie er will.
Erkenntnis gibt’s bei Menschen nicht. Vielmehr: von Tag zu Tag
verbringen sie wie Weidevieh ihr Leben – nicht wissend,
wie ein jegliches an sein Ende hinausführen wird der Gott.
Hoffnung und Zuversicht nähren sie alle,
die doch nur vorhaben, was sich nicht verwirklichen lässt. Die einen warten darauf,
dass ein bestimmter Tag kommt, die anderen sind auf Jahre eingestellt.
Im neuen Jahr – es lebt kein Mensch, der diesen Wahn nicht hegt –
langt man gewiss als Plutos Freund, von Gütern strotzend, an.


Zuvor packt freilich diesen noch das Alter, unersehnt,
eh er das Ziel erreicht hat; andre raffen fürchterlich
Krankheiten fort; die dritten schickt, von Ares hingestreckt,
Gott Hades in der schwarzen Erde Untergrund hinab.
Noch andre finden – umgewirbelt von des Meeres Sturm
und von den vielen Wellenbergen aufgeschwollner Flut –
auf See den Tod, nachdem sie jede Lebenskraft verlor’n.
Und wieder andre greifen nach dem Strick in grausem Los,
aus freier Wahl verlassen sie von selbst der Sonne Licht.


So bleibt der Übel keines fern: in unmessbarer Zahl
gibt’s für die Menschen Tod und Qualen, nicht vorauszusehen,
und Verderben und unvorgesehene Qual und Kümmernis. – Wären sie, mir zu vertraun, bereit,
dann gierten wir nach Übeln nicht und fügten nicht – auf Schmerz,
der weh tut, unseren Sinn gerichtet – selbst uns Martern zu.

Pindar, Das erste Sermonides-Fragment


Pindar lebte etwa von 522 – 442 vChr. Er stammte aus Kynoskephalai bei Theben. In der aristokratischen Hauptstadt Boötiens wurde er als Spross einer angesehenen, alten Familie im Geiste der Tradition erzogen und besaß das Bürgerrecht. Ihm missfiel jegliche Volksherrschaft, sowohl die in Theben als auch die in Athen. Er hielt sich jedoch mit politischen Äußerungen völlig zurück. An den Perserkriegen nahm er nicht teil, als Theben auf der Seite der Perser gegen die Athener stand. Vielmehr zog er sich nach Ägina zurück. Nach den Perserkriegen blieb ihm trotz der Distanz zu den politischen Ereignissen sein hohes Ansehen in ganz Griechenland einschränkungslos erhalten.