Meister Eckhart,
der mehr wissen wollte, als sich gehört ...

Ein Mönch des Dominikanerordens

Um 1260 wurde Johannes Eckhart in einer ritterlichen Familie in Tambach bei Gotha (Thüringen) geboren, er starb 1328.

Wer war dieser Mönch, von welchem Geist war er geprägt, wie lebte er, was führte zu seiner Verurteilung? Die Erfahrungen des städtischen Lebens, der überregionale Handel und Geldverkehr, der Blick auf fremde Kulturen, Religionen und Wertsysteme erzeugten neue Erklärungsbedürfnisse, welche vor Machthabern und religiösen Themen nicht haltmachten. Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Aufbrüche kennzeichneten seine Zeit.

Die Ordensgründungen der Dominikaner und Franziskaner reagierten auf den ständig wachsenden Reichtum der Städte. Sie orientierten sich daran, dass Jesus selbst nichts gehabt hatte, wohin er sein Haupt hätte legen können (Mt 8, 20: ... die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.) Sie opponierten auch gegen den Reichtum der Kirche. Armut war bereits ein antik-philosophisches Ideal gewesen. In seinem Prozess hatte Sokrates zur Verteidigung vorgebracht, er nenne für sich nur einen einzigen Zeugen, seine Armut. Dante ließ den heiligen Petrus vom Himmel her spotten, er sei immer zu Fuß gegangen und habe sich mit dem einfachsten Essen begnügt.

Seit 1309 residierten die Päpste in Avignon. Johannes XXII. wurde 1316 gewählt. Er war 72 Jahre alt. Seine Gegner, die mit seinem baldigen Tod gerechnet hatten, täuschten sich, denn er regierte noch 18 Jahre. Dante versetzte auch ihn in der Göttlichen Komödie in die Hölle.

Eckhart wurde Dominikaner. Sein Bildungsgang folgte den damaligen Usancen des Ordens. Um Mönch werden zu können, musste musste man Lesen und Schreiben können, sowie Latein verstehen und sprechen. Dies bedingte den Besuch einer Grammatikschule. Es folgte das Noviziatsjahr (novus = neu), welches die monastische Gesinnung fördern und prüfen sollte. Hierauf gab es zwei bis drei Jahre Logik, hernach im gleichen Zeitausmaß Naturphilosophie. Dann erst kam die Theologie. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt Eckhart in Köln und Paris, wo er 1302 Magister (= Meister) wurde.

Meister Eckhart gelangte im Dominikanerorden zu hohen Stellungen. Er war Prior in Erfurt, Ordensprovinzial für Sachsen und Generalvikar für die böhmischen Klöster. Ab 1311 lehrte er in Paris, ab 1313 wirkte er als Hauptprediger in Straßburg. Von 1320 an predigte er in Köln, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Was erregte den Unwillen des Kölner Erzbischofs?
Die schwierigsten Probleme, die bisher in der Abgeschiedenheit der Dom- und Klosterschulen erörtert wurden, wurden nun von den bedeutendsten Kirchenkanzeln aus vor dem christlichen Volk dargelegt. Nicht so sehr neuartige Inhalte, sondern vielmehr die neue Art, in der das Alte gesagt wurde, erregte Aufsehen und Ärgernis. Eckhart war weder ein ekstatischer Redner noch ein religiöser oder sozialer Unruhestifter. Er war ein tieffrommer Mönch, welcher die Tiefe seines religiösen Glaubens in rationaler Art aussprechen wollte. Er wollte in deutscher Sprache (Textprobe) die lauen Christen aufscheuchen und zu echter Frömmigkeit entflammen. 1326 verurteilte Heinrich II. von Virneburg, der Erzbischof von Köln, mehrere Sätze seiner Lehre.



Portal der Predigerkirche in Erfurt, Thüringen

Die Inquisition hat Eckhart nicht blind unterdrückt. Sie ließ ihn zu Wort kommen, in Köln ebenso wie in Avignon. Im Folgenden nun Auszüge aus der von großem Selbstbewusstsein getragenen

Rechtfertigungsschrift:

Gegeben im Jahre des Herrn 1326 am 26. September, dem Tage, der zur Beantwortung der Artikel festgesetzt ist, die aus den Schriften und Aussprüchen Meister Eckeharts sowie aus Predigten entnommen sind, die ihm zugeschrieben werden - Artikel, die gewissen Leuten als irrig und, was schlimmer ist, der Häresie verdächtig erscheinen, wie sie sagen.
Ich, besagter Bruder Eckehart aus dem Predigerorden, antworte darauf:
Erstlich erkläre ich öffentlich vor Euch Kommissären, Meister Renher von Friesland, Doktor der Theologie, und Bruder Petrus de Estate, neuerlich Kustos der Minoritenbrüder: In Anbetracht der Freiheit und der Privilegien unseres Ordens bin ich nicht gehalten, vor Euch zu erscheinen, noch auch die gegen mich erhobenen Vorwürfe zu beantworten, zumal ich nie der Häresie beschuldigt worden oder jemals in solchem Rufe gestanden bin, wofür mein ganzes Leben und meine Lehre Zeugnis gibt, und ich stehe damit im Einklang mit der Ansicht meiner Brüder des ganzen Ordens und des Volkes beiderlei Geschlechtes im gesamten Bereich der ganzen Nation.
Daraus ist zweitens offenkundig, dass der Auftrag, der Euch von dem Ehrwürdigen Vater, dem Herrn Erzbischof von Köln, erteilt wurde, dessen Leben Gott erhalten möge, keinerlei Kraft hat. Entstammt er doch falscher Einflüsterung, einer üblen Wurzel also, einem schlimmen Baume. Wenn ich geringeren Ruf beim Volke genösse und minderen Eifer für die Gerechtigkeit hätte, fürwahr, ich bin überzeugt, dass von meinen Neidern derartiges nicht gegen mich wäre versucht worden. Indessen kommt es mir zu, dies geduldig zu tragen. Denn selig sind, die um der Gerechtigkeit willen leiden, und Gott züchtigt einen jeglichen Sohn, den er annimmt, nach dem Wort des Apostels. So kann ich denn mit Recht mit dem Psalmisten sagen: Ich bin auf Züchtigungen gefasst. Es wurden ja auch schon früher einmal (nostris temporibus = zu unserer Zeit) die Meister der Theologie zu Paris von der Obrigkeit mit der Prüfung der Werke so hoch berühmter Männer wie des heiligen Thomas von Aquin und des Herrn Bruder Albert Magnus beauftragt, als wären sie verdächtig und irrig gewesen, und auch gegen Sankt Thomas persönlich ist oftmals von vielen geschrieben, geredet und öffentlich gepredigt worden, dass er Irrtümer und Irrlehren schriftlich und mündlich vorgetragen habe. Aber mit des Herrn Hilfe wurde sowohl in Paris wie auch vom Papste selbst und von der Römischen Kurie sein Leben wie seine Lehre gebilligt...

Eckharts Widerruf und endgültige Verurteilung durch Johannes XXII.

Eckehart leistete daraufhin 1327 im Dom zu Köln öffentlichen Widerruf für den Fall, dass er, ohne es zu wollen, eine Irrlehre vorgetragen habe, und appellierte gleichzeitig an Papst Johannes XXII. Als die päpstliche Bulle agro dominico nach Deutschland kam, war Eckhard bereits tot. In der Bulle, in der in 28 Artikeln einzelne Sätze aus Eckharts Schriften als häretisch oder häresieverdächtig verurteilt wurden, tat der Papst „mit Schmerzen“ kund, dass ein gewisser Eckhart aus dem Dominikanerorden „mehr wissen wollte, als sich gehört“ (plura voluit sapere quam oportuit).

Die Hauptvorwürfe, welche gegen Eckharts Rechtgläubigkeit von seinen Gegnern vorgebracht wurden, werden in der päpstlichen Bulle so zusammengefasst:


Faksimile der Pergamenturkunde, Rom, Arch. Vaticano, A.A. arm. I-XVIII, n. 3226

• Eckhart lehre die Ewigkeit der Welt.
• Er lehre, dass Gott auch durch Schmähungen gelobt werde.
• Er verwerfe das Bittgebet.
• Er identifiziere den vergöttlichten Menschen mit Gottes Sohn.
• Gott habe die Sünden des Einzelnen irgendwie gewollt.
• Er leugne jeden Unterschied in Gott.
• Er lehre die Einheit von Gott und Mensch ohne jede Rangfolge.
• Er bezeichne die Geschöpfe als reines Nichts.
• Er lehre den unerschaffenen Intellekt als Teil der Seele.
• Er lehre, dass wir Gott nicht gut nennen dürfen.

„Teufelssaat“ ist das letzte Wort des Papstes im Eckhartsprozess. Das feierliche Dokument der Verurteilung stammt vom 27. März 1329. ("Gegeben zu Avignon im dreizehnten Jahre Unseres Pontifikates.") Es erwähnt, dass Eckhart verstorben sei und beginnt mit den Worten In agro dominico – Im Acker des Herrn. Damit spielte der Papst auf ein Gleichnis des NT an: Im Acker des Herrn hat ein feindseliger Mensch über den Samen der Wahrheit Unkraut gestreut. Der Papst als Wächter des Ackers wehrt, bevor Unkraut und Disteln den Weizen überwuchern, den bösen Samen ab, die Lehre Eckharts. Schroffer hätte die Bulle nicht formuliert sein können.

Im Schlussteil des Schreibens betonte der Papst, er habe Eckharts Thesen von vielen Theologen prüfen lassen und sie selbst mit den Kardinälen sorgfältig geprüft. Als Ergebnis verbiete er alle Bücher, die diese Lehren enthielten. Am Schluss des Schreibens teilte der Papst mit, dass Eckhart sich und alle seine Worte dem Urteil des Papstes unterworfen habe. Daher war eine Verurteilung als Ketzer nicht möglich. Nur wer hartnäckig bei seinem Irrtum blieb, galt als Häretiker.

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Rechtftg.
Bulle
Avignon
Textprobe


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