Was Meister Eckhart über Gott lehrte

Eckharts Rückbesinnung auf die Philosophie vor Augustinus

Was war nun das, was Eckhart wissen wollte, was ihm nach Meinung des Papstes nicht zustand? Die in den Worten der Bibel verborgene Wahrheit zu zeigen und äußere Gestalt zu verleihen war sein wichtigstes Anliegen. Seine Hinwendung zur Vernunft stellte die alten Autoritäten in Frage und schien sich über den festgelegten Corpus Fidei Christiani zu erheben. Meister Eckhart wollte die christlichen Glaubensinhalte im Lichte der Vernunft streng und unabhängig erörtern, um ihre Wahrheit so darzustellen, dass sie für Gläubige und auch Ungläubige erkennbar sei.

Um Meister Eckhart zu verstehen, ist es nötig, einige Gedanken darzulegen, die von Platon (428 –348), Plotinos (205 – 270) und Dionysios Areopagites (um 500) formuliert wurden.


Römische Kopie eines griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek in München

Platon: Ich fasse einige Abschnitte aus Platons Dialogen Theaitetos 184d – 186a und Timaios 29b zusammen:
Geist hat mit nichts etwas gemein. Er ist kein Naturding. Ihm kommt keine der Bestimmungen zu, die wir für die Welt gebrauchen. Er ist Energie und Tätigkeit. Er ist aktives Nichts der Welt. Er ist die Energie, nicht zu sein wie sie, um sie als Gegenüber zu haben und sie intelligent zu beherrschen. Geist ist das Haben des Allgemeinen. Er hat alles zum Gegenstand. Weil er nichts von allem ist, stellt er sich die Wirklichkeit als Ganzes gegenüber, kann er alles zum Objekt machen.

Meister Eckhart sah in Anlehnung daran in der Vernunftseele das Wesentliche: Wenn wir über Gott reden, dann dürfen wir behaupten, Gott ist nur dann der wahre Gott, wenn er sich an Vernunftregeln hält. Diesen Maßstab hatte Augustinus (354 – 430) aufgestellt und später selbst zerstört. Er fiel in das alttestamentliche Gottesbild zurück, wo Gott von sich sagt, er habe Esau gehasst und Jakob geliebt, bevor sie irgendetwas Gutes oder Böses haben tun können. Das war der Bruch. Die griechischen Philosophen hatten die Götter Kriterien unterworfen. Augustinus kehrte zum Gott der Willkür zurück. Nicht aber Meister Eckhart.


Mutmaßliche Darstellung Plotins auf einem Sarkophag aus
dem 4.Jhd. in den Vatikanischen Museen

Plotinos hatte 244 in Rom eine Schule gebildet, der auch Senatoren angehörten. Unter dem mildgesinnten Kaiser Gallienus (260 – 268) fasste er den Plan, einen Idealstaat Platonopolis zu gründen, der aber an den Widerständen des Hofes scheiterte. Neben seiner Lehrtätigkeit entfaltete er ein Leben edler Menschlichkeit. Er schlichtete Streitfälle, war vielen Ratgeber und Tröster und führte selbst ein äußerst bedürfnisloses Leben. Erst mit fünfzig Jahren begann er auf Drängen von Freunden seine Lehre aufzuschreiben. Sein Schüler Porphyrios (233 – 303) gab sie unter dem Titel Enneaden in sechs Abschnitten zu je neun Kapiteln heraus. 268 wurde Plotinos von einer Krankheit befallen, die seinen Leib mit Geschwüren bedeckte und ihn erblinden ließ. Er zog sich auf das Gut eines Freundes zurück, wo er starb.

Plotin lehrte, dass es am Anfang ein Erstes gegeben haben müsse, von dem alles seinen Ausgang nahm. Dieses Erste ist Gott. Da er vor allen Dingen und allen Begriffen ist, können wir ihn nicht benennen. Er konnte bei der Überfülle des Seins nicht in sich bleiben und entließ aus sich den Geist, der als reines Ebenbild auch der Sohn Gottes genannt werden kann. Mit dem Geist ist der erste Schritt in die Vielheit getan. Der Geist entließ aus sich die Seelen, die alle ein zweifaches Gesicht haben: Sie schauen zurück zum Geist als zu ihrem Ursprung, aber sie schauen auch hin zur Materie, die sie gestalten. Das Niedrigste in diesem Abstieg vom Einen ist die Materie, sie ist die Grenze des Seins, wo Licht an das Dunkel stößt. Der Ausgang der Welt von Gott bedeutet also den Abstieg des Seins bis zum Tiefpunkt der Materie. Das sittliche Ziel des Menschen kann daher nur im Aufstieg zu Gott bestehen. Diesen Aufstieg zu Gott schildert Plotinos in drei Schritten:


Russische Ikone des Areopagiten

Der Hauptträger des Neuplatonismus bis ins Mittelalter wurde die im Dunkel der Geschichte verhüllte Figur des Dionysios Areopagites. In der Apostelgeschichte wird von der Predigt des Paulus auf dem Areopag in Athen berichtet. In Kapitel 17, 32 – 34 heißt es: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören. So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen Dionysios, Mitglied des Areopags, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen.“ Ein ansonsten unbekannter Verfasser erweckte den Eindruck, dieser Dionysios zu sein, was ein Grund für das hohe Ansehen seiner Schriften wurde. Es kann als sicher gelten, dass die Schriften des Dionysios erst um 500 entstanden, da sich in ihnen wörtliche Zitate aus den Enneaden des Plotinos, aber auch aus den Schriften des Proklos (412 – 485) finden.

Der Areopagite sieht drei Wege zu Gott:

Weil alle Dinge durch Teilhabe am göttlichen Sein existieren, liegt in ihnen eine Sehnsucht nach Gott. Diese vollzieht sich nach Dionysios in drei Stufen:

Analog dazu entwickelte Dionysios Hierarchien, welche er im christlichen Sinn deutete. Alles wird umso vollkommener, je näher es Gott ist. Gott am nächsten stehen die reinen Geister oder Engel. Sie zerfallen je nach ihrer Gottesnähe in drei Ordnungen zu je drei Chören. Die oberste Ordnung (Seraphim, Cherubim, Throne) dient nur Gott, die mittlere (Herrschaften, Mächte, Gewalten) dient der gesamten Schöpfung, die unterste (Fürstentümer, Erzengel, Engel) dient den Menschen. Hier schließt sich nach unten die Hierarchie der Kirche an, welche ebenso drei Ordnungen kennt: Drei Weihen (Taufe, Eucharistie, Salbung), drei Weihende (Bischof, Priester, Diakon) und drei Geweihte (Mönch, Gläubiger, Katechumene). Neuplatonismus und Christentum haben sich hier sehr eng verbunden.

Meister Eckhart hat aus dem Neuplatonismus viele Anregungen übernommen, ging aber über diesen hinaus. Die oft detailliert anmutenden Aussagen des Plotinos und seiner Adepten (adipiscor = erlangen erringen) über die verschiedenen Seinsstufen waren nicht die Sache Eckharts. Immer präsent war ihm die Erkenntnis, dass die Begriffe menschliche Konzeptionen darlegen, nicht aber die Sachen selbst ausdrücken.

Hauptaussagen der Theologie Meister Eckharts

Meister Eckhart sieht Gott nicht dem Sein verhaftet, sondern eher dem Abgrund des Nichts. Um sich zu offenbaren, muss die Gottheit sich bekennen, das Wort sprechen. Damit erst wird aus der einen Gottheit der dreieinige Gott des Christentums. Das Wort, in dem sich Gott ausspricht ist „der Sohn“, das Band der Liebe, das Vater und Sohn verbindet, ist der Heilige Geist. Der dreieinige Gott des Christentums erscheint bei Meister Eckhart als die erste Realisierung der ursprünglichen Gottheit, wie sie vor der Schöpfung war.

An den Anfang stellte Eckhart also jene unergründete und unergründbare Gottheit, die als „stille Wüste“ noch völlig unbestimmt und unsagbar ist und darum durch die menschlichen Kategorien nicht mehr erreichbar ist. Die Gottheit wurde erst dadurch zum lebendigen Gott, dass sie ihr Wort aussprach. In diesem Sprechen brachte Gott seinen Sohn hervor. Indem er sich in seinem Sohn liebte, geistete er den Heiligen Geist. Der Sohn, im Prolog des Johannesevangeliums ist von Logos die Rede, ist der Ort aller Ideen und die geistige Welt, nach der die geschöpfliche Welt geschaffen wurde. Durch das Werden der Welt wurde Gott erst zu Gott, und umgekehrt entstand durch die Gottwerdung die Welt. So ist das Sein Gottes auch das Sein aller Dinge. Durch die Schöpfung der Seelen wurde sich Gott seiner bewusst und wurde so zum persönlichen Gott.

Der zweite große Grundgedanke ist also die alte mystische Lehre von der Einheit Gottes und der Menschenseele. Wie Gott ist auch die Seele dreieinig. Sie besteht aus den drei Seelenkräften des Erkennens, des Zürnens und des Wollens, denen die drei göttlichen Tugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung zugeordnet sind. Wie aber hinter dem dreieinigen Gott die ursprüngliche Gottheit stand, so ist in der Seele hinter diesen drei Seelenkräften ein göttliches Fünklein, in dem keine Kreatur Platz hat, sondern nur Gott.

Die daraus sich ergebende notwendige Folgerung, sie bildet den dritten Grundgedanken der Eckhartschen Lehre, ist die Selbstentäußerung und das Aufgehen in Gott. Du sollst allzumal entsinken deiner Deinesheit und sollst zerfließen in seine Sinesheit und soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden also gänzlich, dass du mit ihm verstehest ewiglich seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte Nichtheit. Die Bedingungen, dass auf diese Weise die Seele mit Gott eins werde, sind die Lossagung von der Sünde, die uns von Gott trennt, Gelassenheit, welche eine innere Gelöstheit darstellt und die Abgeschiedenheit, womit er eine Abscheidung von allen irdischen Dingen und zuletzt auch vom eigenen Selbst meint. So wird der Mensch aus Gnade das, was Gott von Natur aus schon immer war. Nichts kann ihn mehr locken, nichts mehr ängstigen, nichts mehr unfroh machen.

Die Seele erkennt so, dass alles außerhalb Gottes nicht etwa nur wertlos, sondern nichts ist, dass alles überhaupt nur existiert, sofern es in Gott ist.

Gott habe in Christus nicht ein einzelnes menschliches Individuum angenommen, sondern die menschliche Natur. Vergöttlicht wurde die ganze Menschheit, denn die menschliche Natur ist allen Menschen in gleicher Weise gemeinsam.



Predigerkloster in Erfurt, Thüringen
Seite 1
 zurück
 Seitenanfang
 Seitenende
Druckversion in PDF

zu TEIL 1