Sandro Botticelli, 1445 – 1510: St. Augustinus, um 1480, Fresko in der Kirche Ognissanti in Florenz

Augustinus

Vorbemerkung

Warum Augustinus? Ein Mann des vierten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts, über den manche heutige Zeitgenossen ihren billigen Spott ausbreiten, weil sie ihn, wenn überhaupt, bloß oberflächlich gelesen, nie aber zu verstehen versucht haben?

Warum Augustinus, der berichtet, dass er vom nachbarlichen Garten Kinderstimmen hörte, welche im Spiel tolle, lege sangen, und das nächstliegende Buch, den Brief des Paulus an die Römer, aufschlug und im 13. Kapitel las: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt als neues Gewand den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen...?

Warum Augustinus, der ein Platoniker, ein Mystiker und Logiker war, ein Don Juan, ein Asket, ein Analytiker der Seele – um den modernen Begriff Psychoanalytiker zu vermeiden, ein Sünder, ein Zweifler und Suchender?

Willensstärke und Kraft, welche ihn in die eigenen Abgründe blicken ließen, ermöglichten jene Lebensleistung, die im Ernst erst begann, nachdem er all das vorher Beschriebene hinter sich gebracht hatte.

Biographie

Augustinus wurde 354 in Tagaste in der römischen Provinz Numidien, heute Algerien, als Sohn eines heidnischen Vaters namens Patricius und einer christlichen Mutter mit Namen Monnica geboren. Die Familie besaß einige Ländereien. Seine Muttersprache war Latein, erst später lernte er Griechisch.

Nach einer ausgelassenen Jugend in Karthago studierte er, angeregt durch die Schriften Ciceros, Philosophie. Er wandte sich dem Manichäismus zu, ließ sich in Rom und Mailand nieder, wo er als Lehrer der Rhetorik wirkte. Hier verfiel er zunächst dem philosophischen Skeptizismus, von dem er sich allmählich durch das Studium neuplatonischer Schriften, insbesondere des Plotinos, löste. Unter dem Eindruck der Predigten des großen Bischofs Ambrosius von Mailand wurde er Christ. In diesen Zusammenhang gehört auch die oben erwähnte wunderliche Episode von den singenden Kindern, über die er in seinen Confessiones berichtet.

Nach seiner Taufe führte er ein zurückgezogenes Leben, um durch intensive Studien seinen Glauben zu vertiefen. Inzwischen war er wieder nach Nordafrika zurückgekehrt. In der Stadt Hippo Regius, 70 Kilometer nördlich von Tagaste gelegen, wurde er bedrängt, sich zum Priester weihen zu lassen, kurze Zeit später übernahm er auf das einhellige Ersuchen der Gemeinde das Bischofsamt. Augustinus starb 430 während der Belagerung Hippos durch die Vandalen. Seine Gebeine befinden sich heute in einem Grabmal der Kirche San Pietro in Ciel d'Oro im norditalienischen Pavia.

Augustinus wurde zum einflussreichsten Theologen der abendländischen Kirche.



Des Augustinus sterbliche Hülle kam im 8. Jahrhundert auf Wunsch von Liutprand, des Königs der Langobarden, nach Pavia und wurde in der Basilika San Pietro in Ciel d’oro bestattet. Ende des 14. Jahrhunderts gab die fürstliche Familie Visconti einen großen Marmorsarkophag in Auftrag, auf dem wichtige Lebensstationen des Heiligen dargestellt sind.

Werke

Neben Platon hat wohl kein anderer die europäische Kultur so beeinflusst wie Augustinus. Nahezu alle Aufmerksamkeit wurde im folgenden Jahrtausend durch die beiden Pole Gott und Seele aufgesogen. Denn Gotteserkenntnis und Gottesliebe waren für Augustinus das einzige Ziel, das der Anstrengung des Geistes wert ist.

Die Philosophie des Augustinus ist nicht systematisch. Was das Ganze zusammenhält, ist die christliche Grundstimmung und die Persönlichkeit des Augustinus selbst. Diese ist vielschichtig, weitgespannt, unstillbar und von tiefsinniger Ernsthaftigkeit.

Seine schriftstellerische Tätigkeit hatte ihren Schwerpunkt in der Darlegung der christlichen Lehre und in der Auseinandersetzung mit den heidnischen und häretischen Strömungen seiner Zeit, die er zum beträchtlichen Teil von innen kannte, da er ihnen Jahre lang angehörte.

Die Confessiones schildern in dreizehn Büchern sein Leben bis zu seiner Bekehrung zum Christentum. Fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te. Dieser Satz steht ziemlich am Anfang seiner Bekenntnisse und fasst sein unablässiges Suchen und mancherlei Verirrungen prägnant zusammen. Der Form nach handelt es sich bei den Confessiones um ein einziges Gebet, dem Inhalt nach um eine Lebensbeichte.

Mit Pelagianismus wird die auf den Mönch Pelagius (gestorben um 418) zurückgehende Lehre bezeichnet, dass die menschliche Natur nicht durch die Erbsünde verdorben ist, da sonst der Mensch, der von Gott geschaffen ist, als böse anzusehen wäre, dies jedoch der Schöpfung Gottes widerspräche. Pelagius meinte, dass der Mensch ohne Sünde sein könne, doch sei er dazu fast nie bereit.

Die Vertreter des Donatismus wandten sich gegen die behauptete Laxheit der Katholischen Kirche ihrer Zeit. Der Donatismus versuchte, eine reine und heilige Kirche zu sein. Die Heiligungslehre des Donatismus beruhte zwar nicht auf der absoluten Heiligkeit aller seiner Anhänger, wie sie etwa hundert Jahre vorher noch die Novatianer gefordert hatten, aber auf der Heiligkeit ihres Priesterstandes. Nur wirklich treue, heilige und im Ernstfall zum Martyrium bereite Priester sollten nach Meinung des Donatismus gültige Sakramente spenden. Sakramente von unwürdigen Priestern seien daher unwirksam. Sakramente, die an Menschen, welche in Todsünden leben, gespendet werden, seien ebenfalls unwirksam. Benannt ist diese Lehre nach Donatus von Karthago, welcher von 315 – 355 das Oberhaupt dieser Strömung war.

De libero arbitrio beschäftigt sich mit der menschlichen Freiheit gegen die Pelagianer und Donatisten.

De trinitate widmet sich der Darlegung des Mysteriums Gottes. Augustinus sieht in Memoria, Intelligentia und Voluntas eine Dreiheit, die jeden Einzelteil nur in abstracto als solchen erscheinen lässt. Der Weg von der sinnlichen Wahrnehmung zum Selbstbewusstsein ist ein Aufstieg, bei dem sich der Geist von der Materie entfernt. Augustinus sieht Gott in einer analogen Bewegung. Der Vater tritt in der Person des Sohnes durch die Menschwerdung aus sich heraus und kehrt wieder zu sich zurück, wobei der Geist beide miteinander verbindet.

De civitate dei, seine letzte Schrift, kann als das eigentliche Hauptwerk des Augustinus angesehen werden. Angeregt von der Plünderung Roms durch die Gotenheere des Königs Alarich im Jahre 410 entwickelt er eine Analyse des Untergangs Roms durch Selbstsucht und Sittenlosigkeit und stellt dem weltlichen Staat den Staat Gottes gegenüber, der durch die Kirche verkörpert wird.

Ausgangspunkt

Je mehr wir die abgründigen Tiefen unseres Innern auszuloten versuchen und je mehr wir dabei seine Grundlosigkeit erfahren, desto dringender bedürfen wir eines festen Richtpunktes. Wenn an allem gezweifelt werden muss, so doch nicht daran, dass der Mensch selbst zweifelt. Diese Selbstgewissheit bildet den Ausgangspunkt des Denkens des Augustinus.

Gott

Augustinus spricht von einer Ursache, die nicht mit den innermenschlichen Kräften identisch ist, eine überlegene, verpflichtende Instanz von eigener Hoheit, eine Stimme, die nicht das rückgeworfene Echo der menschlichen ist: die Wahrheit. Wahrheit ist für ihn nicht die Übereinstimmung unseres Denkens mit der Wirklichkeit, wie Aristoteles meinte, vielmehr ist sie die Teilhabe an den ewigen Ideen, welche das wahrhaft Seiende sind. Augustinus deutet die Wahrheit als göttlich. Gott kann vom Menschen nicht erfasst werden, denn das Denken und seine Kategorien versagen vor ihm. Gott ist groß ohne Quantität, gut ohne Qualität, gegenwärtig ohne Raum, ewig ohne Zeit.
Dies lässt Augustinus jede Philosophie, welche die Welt als ein Erzeugnis des menschlichen Geistes hinstellen möchte und die Wahrheit als Versenkung in das menschliche Innere interpretiert, ablehnen. Nicht die menschliche Erkenntnisfähigkeit erzeugt das Erkennbare, sondern es gibt eine vom menschlichen Denken unabhängige Wirklichkeit. Sein, Wissen und Leben bilden in jedem Menschen eine Einheit. Analog bilden sie ein Symbol der göttlichen Dreifaltigkeit, wobei dieses mehr als ein bloßer Vergleich ist, weil wir wissen, dass der Mensch von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen wurde.

Zeit

Einige der bemerkenswertesten Gedanken des Augustinus bewegen sich um die Zeit, denn sie sind ohne Vorläufer in der Geschichte des überlieferten menschlichen Denkens.

Die Zeit ist von unserem Bewusstsein nicht zu trennen. Was ist eigentlich an der Zeit wirklich? Eigentlich nur das unmittelbare Jetzt. Die Vergangenheit besteht nur in unserer Erinnerung. Zukunft ist nur unsere Erwartung. Es ist die menschliche Beschränktheit, welche das Seiende nur in der Erscheinungsform des Nacheinander fassen kann.

Zeit kann es nur dort geben, wo Veränderung vorhanden ist. Zeit und Welt sind notwendig zusammen entstanden. In der Ewigkeit gibt es daher keine Zeit und keine Veränderung. Augustinus sieht die Welt daher nicht in der Zeit geschaffen, sondern mit der Zeit.

Prädestination

Augustinus lehrte, dass nur Adam die Möglichkeit gehabt hatte, dem göttlichen Willen zu folgen und Unsterblichkeit zu erlangen. Da Adam als Urgestalt des Menschen der Sünde verfiel, sind alle Menschen mit dieser seiner Sünde, der Erbsünde, belastet. Sie sind damit nicht mehr frei, denn sie müssen ihrer Natur nach sündigen und sind dem Tode verfallen. Gott erlöst die einen durch seine Gnade, andere verwirft er. Vom Menschen her gesehen, erscheint dies willkürlich, weil der Mensch den Willen Gottes nicht nachvollziehen kann.

Die Kirche modifizierte später diese seine Lehre, indem sie nicht von Vorherbestimmung, sondern vom Vorherwissen Gottes spricht. Gott erwählt oder verwirft die Menschen nicht, sondern er weiß, wie sie sich entscheiden werden.

Geschichte

Augustinus sieht im Kampf zwischen Glauben und Unglauben das Thema der Weltgeschichte. Die beiden einschneidenden Ereignisse der Geschichte sind daher, die Menschwerdung Gottes in der Gestalt des Sohnes, welche den Menschen die Gelegenheit zuwirft, zur Besinnung zu gelangen, und das Jüngste Gericht, wodurch die Geschichte ihren Abschluss findet.

Der weltliche Staat ist für Augustinus die notwendige Ordnung für die Strauchelnden und Zweifelnden, Sünder wollen aus dem Staat etwas Perfektes machen. Doch dort, wo Menschen leben, wird nicht das Endgültige, das Paradies, gestaltet, sondern das Machbare, Vorläufige, Unvollkommene.



Vittore Carpaccio, 1455 – 1526, Darstellung des heiligen Augustinus in der Scuola di San Giorgio degli Schiavoni, Venedig

Verwendete Literatur:

Augustinus: Bekenntnisse. Zweisprachige Ausgabe von Joseph Bernhart, Insel 1987.

Heinrich Kraft: Einführung in die Patrologie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991.

Golo Mann: Augustinus Bekenntnisse, Die Zeit vom 11. Januar 1980.

Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Kohlhammer 1999.

Johann Fischl: Geschichte der Philosophie, Styria 1964.

Lexikon für Theologie und Kirche, herausgegeben von Josef Höfer und Karl Rahner, Herder 1986.

Theologische Realenzyklopädie, herausgegeben von Gerhard Krause und Gerhard Müller, Walter de Gruyter 1993.



Augustinus-Handschriften aus dem 9.Jhd., Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel (Cod. Guelf. Weissenburg.)
Fragment der Confessiones, Commentarius in evangelium Iohannis I–XXIII, De civitate dei
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