Was ist Bildung?

von Nikolaus Werle

Vom 16. Januar bis zum 23. März 1872 hielt Friedrich Nietzsche in Basel fünf Vorträge Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Er bezeichnete diese Thematik als so ernsthaft und wichtig und in einem gewissen Sinne so beunruhigend, dass er ähnlich wie die römischen haruspices aus den Eingeweiden der Gegenwart heraus versuchen muss, über die Zukunft etwas zu sagen. Das eigentliche Bildungsgeheimnis liege darin, dass das Bildungssystem im Grunde nur, um einige wenige Menschen möglich zu machen, bestehe. Zwei Strömungen beherrschen die Gegenwart unsrer Bildungsanstalten: Die Bildung soll aus verschiedenen Gründen in die allerweitesten Kreise getragen werden – das verlangt die eine Tendenz. Die andere mutet dagegen der Bildung selbst zu, ihre höchsten, edelsten und erhabensten Ansprüche aufzugeben und sich im Dienste irgendeiner andern Lebensform, etwa des Staates, zu bescheiden.

Außer vielleicht für Pathologen ist das Wühlen in Eingeweiden nie erhebend. Ein Versuch sei trotzdem unternommen. Die Schule scheint heute zu einem staatlich-privaten Mischkonzern zu verkommen, in dem nicht die Einführung in eine kritische zweckfreie Urteilsbildung im Mittelpunkt steht, sondern schon das für den Abschluss intendierte Produkt, das auf dem Markt feilgeboten werden soll und an dessen Marktgängigkeit Wohl und Wehe der weiteren Biographie hängt. Es soll nichts in der Welt und auch außerhalb derselben geben, dessen Erkenntnis als solche einen Wert hätte, sondern alles soll im guten Willen für die Ziele der Gesellschaft ruhen. Die Theorie weicht dem Primat der Praxis.

Lange Zeit galt die Lehre von Ciceros Werk Über die Pflichten, das vor allem von Platon beeinflusst ist, als Fundament der Bildung. Das Wesen des Menschen manifestiere sich in der Harmonie der Person. So auch Schiller in seiner programmatischen Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Goethe durchbrach diese Sicht und stellte ihr die Forderung gegenüber, die bürgerliche Gesellschaft verlange vornehmlich eine berufliche Spezialisierung.

Diese Auffassung, verbunden mit einer immer schneller voranschreitenden Entstaatlichung und Ökonomisierung der Schule, gewinnt allmählich die Oberhand. Die das Deutungsmonopol beanspruchenden sogenannten Bildungsexperten, Industriellenvereinigung und der Boulevard- journalismus treiben jene Entwicklung voran, welche die Schule zum Ort der Einübung in die gängigen ökonomischen und herrschaftsunkritischen Vorstellungen macht. Gesund, arbeitstüchtig, pflichttreu und verantwortungsbewusst – das sind die vier Adjektiva, die im geltenden österreichischen Schulorganisationsgesetz die Aufgabe der Schule beschreiben.

Doch Bildung sollte etwas anderes sein als die Beschreibung eines Anpassungsprofils. Bildung bedeutet, aus etwas Grobem etwas Feineres zu formen und aus unmündiger Bereitschaft eine verantwortungsvolle Selbständigkeit zu ermöglichen. Die Schule als Ort der Wissensvermittlung zeigt den Kindern und Jugendlichen die Vielfalt der menschlichen Erkenntnisse und macht sie mit all dem vertraut, was die Alten den Jungen weitergeben möchten. Daher ist die Schule bevorzugt der Platz, wo die Jugendlichen lernen, dass unsere Gesellschaft mehr ist als das private Familienidyll, so es das gibt. Dem Jugendlichen soll durch die Lehrer das vermittelt werden, was die Menschheit als wertvoll erachtet. Im gemeinsamen Schulalltag soll der Schüler seine Individualität entfalten, seine Persönlichkeit entwickeln und dabei lernen, dass dies nie auf Kosten der anderen geschehen darf. Bildung bedeutet also sowohl Beschäftigung mit der Wissenstradition als auch Entfaltung der Persönlichkeit der Jugendlichen. Und beides ist untrennbar miteinander verbunden.

Nietzsche sprach vom kalten Dämon der Erkenntnis und meinte ein um seiner selbst willen tradiertes Wissen, das gelehrt und gelernt wird. Seine Kritik am Bildungswesen bemängelte vor allem das Fehlen einer persönlichen Aneignung. Dabei könnte es doch so sein, dass das Leben, jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht aus der bindenden Verankerung der Vergangenheit ausbricht und sich über sie hinwegsetzt. Die Schule diente dann dem Leben durch Befreiung.

Natürlich ist es richtig, dass die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt der Schule stehen. Ihretwegen gibt es die Schule. Aber was wäre die Schule ohne Lehrer? Es gäbe sie nicht. Daher ist es besonders wichtig, gerade angesichts der Widrigkeiten der konstant bildungs- uninteressierten Regierungen und einer hämischen Öffentlichkeit die Kompetenzen der Lehrenden zu verteidigen.

Die Universität von Harvard, die älteste Amerikas, nennt drei Kriterien für ihre Lehrer:
• Gut sein im eigenen Fach, das man unterrichtet,
• Aufgeschlossenheit gegenüber zeitlich und räumlich entfernt liegenden Kulturen
• und ein verantwortungsbewusstes Leben führen, Vorbild sein.

Dem soll nichts mehr hinzugefügt werden, außer vielleicht die Anmerkung, dass Bildung auch das ist, was dem Weisen die Mängel seiner Intelligenz offenbart und deren Fehlen dem Narren seine mangelnde Intelligenz verbirgt. Mögen die Lehrer zu den Ersteren gehören!

Dies ist die überarbeitete Fassung eines Referats, das auf der pädagogischen Konferenz des GRG 19 am 18. März 2009 gehalten wurde.

Schaufensterdekoration in Venedig, Sommer 2008
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