Im Hain des Akademos

Als ich den Hain des Akademos betrat, sah ich schon von weitem eine große Gruppe, die sich um den greisen Platon zusammengefunden hatte. Alle hörten ihm mit großer Konzentration zu, sodass ich mich unbemerkt in ihre Nähe begeben konnte.

Ich hörte, wie er einen Satz des Sokrates zitierte: Denn meine Weisheit dürfte wohl eine geringe oder auch schwankende sein, da sie wie ein Traum ist.

Einige Ältere aus der Gruppe lächelten, da sie dabei waren, als Sokrates dies gesagt hatte. Platon sprach weiter: „ Jede Erkenntnis des Erkennbaren gibt dieses durch die Erkenntnismittel wieder und ist daher nicht frei von jedem menschlich vergänglichen und sinnlichen Moment, wie etwa Wort und Schrift. Die Tatsache, dass Erkenntnis nicht nur mit Hilfe von Argumentation und Beweis, sondern auch mittels Zeigen und Darstellen gewonnen und vermittelt wird, führt uns dazu, in Etymologien und Mythen einen Erkenntniswert zu finden.“ Diese seine Worte fanden allgemeine Zustimmung. Platon erinnerte noch an die von Sokrates so oft geäußerte Unwissenheit über das Eigentliche und das Wesen des Guten, die sich in der Erkenntnis äußert, dass der Mensch die Weisheit zwar liebt, aber nicht hat.

Einer seiner Zuhörer, ich glaube es war Gennadios, fügte hinzu, dass er sich an eine frühere Aussage Platons erinnere: „Das Wesen der Ideen bestehe in einer quasimathematischen Ordnung, die allerdings nicht ausreichend durch unsere Erkenntnismittel zu fassen und schriftlich zu fixieren sei.“ Nach einer kurzen Pause meinte er noch: „Daher können wir die Wahrheit nicht besitzen.“

Nun ergriff Platon selbst wieder das Wort: „Wir müssen mehrere Stufen des Seins unterscheiden. Die höchste Form des Seins ist ein göttlicher Geist, der in den Ideen, den reinen Formen des Seins, sich selbst denkt und zugleich die erscheinende Welt begründet. Dies betrifft jedoch das Absolute in seiner Transzendenz nicht.“ Er senkte seine Stimme und fast leise fuhr er fort: „Dieser göttliche Geist ist nicht das Absolute, sondern nur dessen metaphysisch vorläufige Weltzugewandtheit. Die Götter sind Erscheinungsweisen des transzendenten Einen als die welthaft differenzierten und vereinzelten Aspekte der göttlichen Weltzuwendung.“

Alle schwiegen und schienen in ein wortloses Staunen zu versinken. Zögerlich und ebenso leise stellte Periandros nun die Frage: „Ist der Urgrund, das Eine, nicht mehr als die Verneinung der Ausprägungen der endlichen und veränderlichen Welt, sondern vielmehr die Verneinung aller überhaupt denkbaren Bestimmungen, also auch des wahren Seins und des wahren Geistes?“

Einige Augenblicke vergingen, bis Platon wieder seine Stimme erhob und sagte: „Diese Verneinung muss in einem ganz besonderen Sinn aufgefasst werden. Sie meint keinen Mangel, dem Absoluten fehlt nicht das, was ihm abgesprochen wird, sondern es geht darum, dass der absolute Grund über alles hinaus ist, was er selbst erst ermöglicht. Das Eine dürfen wir uns nicht als Seiendes vorstellen, sondern jenseits des Seins. Dies ist kein Nihilismus, denn es bedeutet nicht, dass das Absolute nicht wirklich wäre. Vielmehr ist die Negation die einzige Form, in der wir überhaupt über das Absolute sprechen können.“

Wieder schwiegen alle und es entstand der Eindruck, dass es zunehmend schwer fiel, all diese Gedanken in Worte zu fassen. Platon ergriff wieder das Wort und sagte: „All dies ist keineswegs so mitteilbar wie andere Erkenntnisse. Vielmehr entsteht aufgrund eines langen Zusammenseins und sogar Zusammenlebens, in dem man sich von allen Seiten mit diesen Fragen beschäftigt, in der Seele ein Funke, der ein Licht entzündet. Schreiben ist nichts anderes als Spielerei. Ernsthaften Einsatz lohnt es nur dort, wo die Chance besteht, die von der Sprache gebotene Möglichkeit im Interesse von Gewinnung und Vermittlung von Erkenntnis sach-, situations- und adressatengerecht auszudrücken, und das gelingt nun einmal nur im Medium der Mündlichkeit, im Medium des Dialogs.“

Phaidros sagte nun mit nachdenklicher Stimme: „Platon, du selbst hast uns gelehrt, dass jedem der seienden Dinge viererlei zu eigen ist, die Bezeichnung, die Definition, das Abbild und die Erkenntnis. Als fünftes müsse man aber noch das hinzufügen, was genau das erkennbare und wirklich Seiende ist. Jeder ernsthafte Mann muss weit davon entfernt sein, über die bedeutenden Dinge jemals etwas zu schreiben und so unter den Menschen Missgunst und Ratlosigkeit zu erzeugen.“

Gennadios fügte hinzu: „Der geistige Mensch neigt nicht zum offenen Widerstand, sondern zur inneren Besinnung. Die Seele sucht nicht das Wiebeschaffen, sondern das Was zu wissen. Trotzdem wird keiner, der Vernunft hat, es je wagen, in die Logoi das von ihm Gedachte zu setzen und das Gedachte als Unwandelbares auszugeben. Denn keiner, der Vernunft hat, legt das Gedachte in die Schwäche der Wörter und erhebt den Anspruch, dadurch eine Qualifikation der unwandelbaren Art und Weise zu erreichen. Die Gefahr ist groß, das schriftlich Abgefasste als Letztgültiges misszuverstehen.“

Nach einer Pause erhob Platon seine Stimme und sagte: „Die Pointe ist vielmehr, dass selbst das oberste Erkenntnismittel, der nous, der Idee zwar am nächsten kommt, sie aber nicht erreicht. Was von allen vier Erkenntnismitteln einschließlich des obersten erreicht wird, ist nur eine Beschaffenheit der Idee. Die Idee an sich wird durch die vier Erkenntnismittel nicht erkannt. Die Beschaffenheit von etwas ist im Unterschied zur unwandelbaren Idee wandelbar.“

So ging es hin und her. Immer mehr konzentrierten sich alle auf das Unerkennbare und das Unsagbare. Erst als Platon einen Sklaven beauftragte, einen Krug Wein zu holen und jedem einen Becher vollschenkte, nahmen die Gedanken und Worte einen anderen Verlauf. Und ich zog mich zurück.

   


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