Cheron

Als ich dem Mönch die lose Blattsammlung zeigte, prüfte er sie kurz und gab sie mir mit den Worten, dass er sie als wertlose Notizen aus der Gegenwart betrachte, welche wahrscheinlich nur wegen des erwähnten Cheron in die Handschriften über Chiron und Charon gelangt seien. Er erlaubte mir, sie nach Hause zu nehmen und nach zwei Wochen wieder zurückzubringen. Ich freute mich über diese vertrauensvolle Großzügigkeit und beschloss, mich noch am Abend des gleichen Tages in die Notizen zu vertiefen. Ich war mir ziemlich sicher, einem Geheimnis auf der Spur zu sein. Dieser Text, welcher über Plutarchs Berichte weit hinausging, erzählte von Mythen, die mir bis jetzt völlig unbekannt waren. Und ich begann voller Neugier darin weiterzulesen.

Cheron bezeichnete sich als Faun, der Zeuge der Verkündigung des Todes des Pan geworden war. Als das Wehklagen auf der Insel nach dem Ruf des Thamus verstummt war, war mit ihm selbst eine tiefe Veränderung geschehen. Er, welcher der Unsterblichkeit der alten Götter teilhaftig war und in einem ewigen Jetzt ohne Gedächtnis und ohne Sinn für Zukünftiges lebte, fand sich plötzlich in einer Gegenwart, die alles, was er wahrnahm, zu verlieren meinte, da jeder Augenblick zu entschwinden drohte. Im ersten Bewusstsein dieser Erkenntnis hatte er laut aufgeschrien, da er meinte, in eine fremde Welt gefallen zu sein. Das Gefühl der Fremdheit war ihm nichts Neues, da er sich immer schon von der Welt der Faune abgesondert hatte. Doch dies war eine Entscheidung außerhalb der Zeit und ohne Schrecken gewesen. Nun aber erfüllte ihn diese neue Wahrnehmung der Zeit mit großer Angst, aber auch mit Staunen, da er alles in seiner geschichtlichen Verfasstheit zu erkennen begann. Das Staunen ist ein Zustand, der vor allem dem Freund der Weisheit zukommt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen. Diese Worte stiegen nun in seiner Erinnerung auf. Er hatte sie vernommen, als er an einen Baum gelehnt den Worten Platons lauschte, welche dieser im Olivenhain des Akademos sprach. Früher, als faunisches Wesen, meinte er, sich in einem Status ewiger Wahrheit zu befinden, doch seit dem Tod des Pan spürte er, dass die Zeit alles vollendete und beendete, alles besiegte und alles zerstörte. Die Menschen schienen nichts anderes zu sein als das, was die Zeit aus ihnen machte. Sie fielen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in eine dumpfe Alltäglichkeit und verloren ihre Sehnsucht im Horizont der dinglichen Welt.

Ich staunte über diesen Text. In fein säuberlichen Schrift war er wohl vor einigen Jahren ohne jegliche Korrekturen mit Tinte in dieses Heft geschrieben worden. Waren diese Zeilen die Fiktion eines unbekannten Autors oder gar die Abschrift eines antiken Schriftstellers? Ich konnte diese auf mich einstürmenden Fragen nicht beantworten. So las ich weiter.

Ich verbrachte die Nacht in einem Garten auf der Giudecca. Tagsüber hatte ich Tizians Martyrium des heiligen Laurentius gesehen und Sano di Pietros Christo Redentore in der Sammlung des völlig vereinsamten Palazzo Cini. Mit dem Traghetto überquerte ich den Canale Grande, um den Touristenhorden zu entgehen, die sich entlang der billigen Kleidergeschäfte und chinesischen Ramschläden wälzten. Venedig war zu einer billigen Hure verkommen. Es war ein Massenschicksal entstanden, das ich als allein herrschende Wirklichkeit wahrnahm. Es war eine siegreiche, transzendenzlose Welt des Konsums, welche von einem schrecklichen Mediengetöse verstärkt zu einem Totalitarismus mutiert war und sanft, lesbar und alternativlos erschien. Schon lange hatte man vergessen, dass es etwas gibt, das mächtiger ist als der Mensch. Das, was man als Leben bezeichnet, ist nur ein winziger Teil von etwas, das den menschlichen Verstand übersteigt. Es gibt keine Götter mehr, keine Mythen, keine Riten, keine Wahrheit. Transzendenzloser Pragmatismus reduziert den Geist auf die Gesetze der Unterhaltungsindustrie. Wer sein Leben nie als Verlassener wahrgenommen hat, stürzt in diesen Abgrund der Massengesellschaft.

Der Garten, in dem ich mich nun befand, war ein Teil des anderen Venedig. Nicht nur seitlich zu den Kanälen, sondern auch südlich zur Lagune hin, umgaben ihn hohe Mauern. Efeu, wilder Wein, dichte hohe Sträucher bedeckten das alte Gemäuer und machten es schier unsichtbar. Zypressen und Pinien beherrschten den Garten, ebenso Oleander, Olivenbäume, Lavendel, Thymian und Salvia. In der Mitte lag ein kleiner Teich, dessen Wasser aus dem Rachen zweier alter Löwen schoss, welche müde nebeneinander lagen. Ich setzte mich auf den Beckenrand und lauschte dem Geplätscher des Wassers. Alte Verse kamen mir in den Sinn.

Ich fand mich in einem finsteren Wald wieder, denn der gerade Weg war verloren. (Dante Alighieri, Inferno I) Ich selbst kannte meinen Weg nicht. An unzähligen Stationen hatte ich seit Pans Tod Halt gemacht, doch hatte ich nichts gefunden. Weder Glauben, noch Ruhe.

Glaube ist Substanz erhoffter und Argument ungesehener Dinge. (Dante Alighieri, Paradiso XXIV) Dies alles fehlte mir. Ich kenne die Welt der Götter und die der Menschen. Obwohl ich so viel gesehen habe, habe ich keine Hoffnung.

Die hohe Phantasie, hier verließ sie die Kraft. Doch nunmehr bewegte mir Wunsch und Wollen, wie ein Rad, das im Gleichmaß bewegt wird, die Liebe. (Dante Alighieri, Paradiso XXXIII) Seit meinem Sturz in die Zeit wurde ich immer wieder von dieser Phantasie erfasst, die mein Innerstes tief bewegte. Ich bestaunte die Liebe, welche eine unbändige Kraft zu entfalten schien, aus der Ferne. Denn mein Wollen war zu schwach und es lag mir völlig fern, mich durch Begierden zu demütigen.

   




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