Auf den Euganeischen Hügeln

In der Nähe des Städtchens Arquatum auf den Euganeischen Hügeln vergrub ich im Jahre 529 in einer Höhle die Abschrift eines Briefes Platons, welche ich während der Wirren nach der Schließung der Akademie in Athen durch Kaiser Justinian in Sicherheit gebracht hatte. Dieses und andere Schriftstücke hatte ich in ein Tongefäß gegeben und in einer kleinen Höhle vergraben, um es vor Feuchtigkeit und Hitze zu schützen. Im Sommer des Jahres 1372 hielt ich mich wieder in dieser Gegend auf, um nach den vergrabenen Handschriften zu sehen. In der Nähe der Höhle befand sich ein kleiner Fluss, an dessen Ufer ich mich niederließ, um den gut erhaltenen Brief Platons wieder zu lesen. In der warmen Luft hing der Duft von Blüten und Grillen zirpten im Verborgenen. Ich war in meine Lektüre vertieft, sodass ich das Näherkommen eines alten Mannes nicht bemerkte. Als sein Schatten auf mich fiel, schaute ich überrascht auf. Er war in Reisekleidung, auf seinem Haupt befand sich ein breitkrempiger Hut. Der Mann war sehr groß. Er entbot mir einen freundlichen Gruß, den ich ebenso höflich erwiderte. Er erwähnte sein Haus in Arqua, von dem er das Alleinsein genießend hierher gewandert war. Aus meinen Vorräten bot ich ihm eine Melone an, welche wir gemeinsam aßen. Ebenso tranken wir kühles Wasser, das ich in einem Schlauchbehälter in der Höhle aufbewahrte.

Scherzend erwähnte er Platons Aussage, er werde ungern zweimal am Tage satt. Auf das Schriftstück weisend, das ich beiseite gelegt hatte, sagte er lächelnd: „Muße ohne geistige Beschäftigung bedeutet Begrabenwerden bei lebendigem Leib. Abgeschiedenheit ohne geistige Tätigkeit bedeutet Verstoßensein und Qual, in Verbindung mit geistiger Tätigkeit jedoch Freiheit und Freude. Deine Lektüre hier auf diesen Hügeln zeigt dich mir als freien und friedfertigen Menschen.“ Er hielt kurz inne, um in einem aufmunternden Ton weiterzufahren: „Das Lesen kann uns auf die Abgründe unseres Daseins verweisen, sodass wir die Gegensätze, welche uns bewegen, klarer erwägen können: Ruhmsucht und Bescheidenheit, Lebenslust und Enthaltsamkeit, Weltläufigkeit und Alleinsein. Doch von innerer Unruhe geplagt, begnügen wir uns oft mit dem Lob unseres selbstgenügsamen Ichs und irren ziellos in der Welt umher. Dies muss ich bekennen, wenn ich auf mein langes Leben zurückblicke.“

Ich stimmte ihm zu und meinte: „Es spielt keine Rolle, von wem wir große Ideen erhalten, obwohl Autorität oft von Nutzen ist. Doch bin ich mir sicher, dass die Meinung der Menge nie das rechte Urteil fällt und nie die Dinge bei ihrem rechten Namen nennt.“ Er fügte leise hinzu, dass er die Meinung der Masse verachte, ihr aber gleichzeitig oft anhänge. Er verwies auch auf Cäsar, dem Quintilian* die Bemerkung zuschrieb, dass die Menschheit für wenige Menschen lebt. Auf seinem Antlitz breitete sich ein feines Lächeln aus und er meinte, dass ihm dies doch übertrieben und anmaßend erscheine. Die verachtende Überhebung, der genießerische Sinnenrausch und die vergiftende Gier nach Wissen seien eigentlich Bewegungen einer toten Seele. Ihr Tod sei nicht von solcher Art, dass sie keiner Regung mehr fähig wäre. Sie sterbe, weil sie sich von der Quelle des Lebens scheide und der vergänglichen Welt anheimfalle und dadurch schnell gleich mit ihr werde. In einem gewissen Sinne zeige die Seele ihre Stärke im Meiden und in der Zurückhaltung, während sie am Ergreifen der Dinge sterbe.

Ich nahm seine Worte auf, als hätte ich sie selbst nach langem Nachdenken als Ergebnis meiner eigenen Überlegungen formuliert. Mich überraschte die völlige Übereinstimmung, welche uns beide zu erfüllen schien. So fuhr ich fort: „Ich lobe nicht die Abgeschiedenheit, sondern das Gute, das sie bietet. Denn ich bin mir sicher, dass der höchste Reichtum darin besteht, nichts zu wünschen, und die größte Macht darin, nichts zu fürchten.“ Er nickte mir freundlich zu und sagte: „Nicht aus eigenem Antrieb weinen und lachen die meisten Menschen, sondern sie übernehmen die Gefühle der anderen, weil sie ihre eigenen abgelegt haben. Sie befassen sich mit den Angelegenheiten anderer, sie denken die Gedanken anderer, sie leben das Leben anderer. Unter den Nicht-Philosophen, den Toren, gibt es keinen, den man sich selbst überlassen könnte. Deshalb preise ich nicht die Abgeschiedenheit, die jeden menschlichen Kontakt vermeidet, sondern nur die Flucht vor der Menge. Man muss sich einen, ja sogar mehrere Gefährten für die Abgeschiedenheit und das Studium suchen und diese Freundschaften pflegen. Doch sind auch die besten Freunde nicht davor gefeit, Bitteres, Feindliches und der freundschaftlichen Nähe Abträgliches zu erleiden.“

Ich stimmte ihm zu, denn auch dies hatte ich über lange Zeit bei den Menschen beobachtet. Er fuhr fort: „Weil wir uns vom Handeln und Denken der Masse unterscheiden, ist es nicht verwunderlich, dass auch unser Aufenthalt von der Masse weit entfernt und verschieden ist. Ich hatte nie den Eindruck, die Anwesenheit eines Freundes wäre bloß meine Muße, sondern ich empfand sie stets als Bereicherung. Von Scipio Africanus* wird gesagt, er sei niemals weniger untätig gewesen, als wenn er frei von Tätigkeiten, und weniger einsam, als wenn er allein war.“ Mit leiser Stimme fügte er noch hinzu: „An das Schicksal habe ich nur eine Bitte: Könnten sich doch die Wogen meiner Seele glätten, könnte doch Stille in der Welt herrschen und nicht vom Schicksal übertönt werden. Ich weiß, dass Ortsveränderung für den, der sein Leiden mit sich herumträgt, die Qual nicht entschärft. Ortsveränderung allein trägt nichts zur Gesundung bei. Wir wissen, was Sokrates auf die Klage eines jungen Mannes, dass ihm eine Reise nichts genützt habe, antwortete: Du bist immer mit dir selbst gereist.“ Mit heiterer Miene empfahl er mir: „Ich rate dir für dein inneres Wohlbefinden zu Italien, denn kein Aufenthaltsort wird für deine Seelennot geeigneter sein als dieses Land, die Lebensart seiner Bewohner, der Himmel, das Meer, das es umspült, die Höhen des Apennin, der die Küsten voneinander trennt, und die Lage all seiner Städte.“

Ohne an Widerrede nur zu denken, stimmte ich ihm zu. Denn ich selbst hatte mich über den Großteil meiner Zeit in Italien aufgehalten. Nach einer kurzen Pause sagte er plötzlich: „Manchmal begehren wir Fremdes, um das Eigene zu verlieren. Wer Dinge besitzt, deren Knecht er ist, wird bald selbst in die Hände verächtlicher Geschäfte geraten. Ein Sünder ist umso elender und unglücklicher, je mehr Genuss und Reiz er in seinen Sünden findet. Für Cicero* reichte zum guten und glücklichen Leben die Tugend allein aus. Und worauf verwies unbeirrt immer wieder Platon? Vor allem darauf, den Geist von den fleischlichen Lüsten fernzuhalten und die Vorstellungen davon auszureißen, um uns rein und unbelastet zu erheben. Ich bin weniger einer, der kühn die Wahrheit verkündet, als vielmehr einer, der eifrig nach ihr sucht. Ich bin weder weise, noch bin ich nahe daran, sondern, um zu Cicero zurückzukehren, einer, der Meinungen vertritt.“

Mich erstaunten seine klaren Sätze, welche ein schier unwiderlegbares Gewicht zu haben schienen. Er fasste sein Lebensgefühl vortrefflich zusammen und zu meiner immer größer werdenden Bewunderung sagte er: „Den Frieden kann ich nirgends finden, und doch führe ich keinen Krieg. Von innerer Unruhe geplagt, irrte ich als Lobredner selbstgenügsamer Beschaulichkeit oft ziellos durch ganz Europa. Hin- und hergerissen zwischen Sehnsüchten und Ängsten, Begierden und Zweifeln kam ich mit mir selbst, Gott und der Welt niemals ins Reine. Mein unstetes Leben bewegte sich in einem ständigen Kampf zwischen den zwei Extremen, der eitlen Welt einerseits und einem von deren Lärm und ihren Verlockungen abgesonderten Geistesleben andererseits. Oft blieben mir nur bittere Selbstanklagen, welche meine Unentschlossenheit und Halbherzigkeit, meine Niederlagen und mein oftmaliges Scheitern auslösten. Ich erinnere mich an die übelriechenden Gassen, welche von schmutzstarrenden Schweinen, tollwütigen Hunden und dem Lärm der gegen die Mauern krachenden Wagenräder erfüllt waren. Es begegneten mir Menschen jedes Standes und jeder Herkunft. Überall erlebte ich das abstoßende Schauspiel der Bettler und den Aberwitz der Reichen. Die einen versinken in ihrem Elend, die anderen lassen sich hemmungslos von ihren Lustbarkeiten treiben. Inzwischen weiß ich, dass in einer elenden Lage das Leben böse zu nennen, nicht weniger unedel ist, als es in einer glücklichen gut zu nennen.“

Dann schwieg er. Leise sagte er zu mir: „Ich mache mich nun wieder auf den Weg, um noch vor Anbruch der Nacht in mein Haus nach Arqua zurückzukehren.“ Er lächelte mir freundlich zu. Dann entfernte er sich mit schnellen Schritten.

   


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