Begegnung in Todtnauberg

Ich schritt auf einem Feldweg im südlichen Schwarzwald dahin, nachdem ich das Dorf Todtnauberg verlassen hatte. Die Stille um mich herum wurde noch stiller. In diesen frühen Stunden des Nachmittags war außer mir niemand unterwegs. Da erblickte ich von weitem doch einen alten Mann, der mir auf dem gleichen Weg entgegenkam. Als wir uns bis auf ein paar Schritte genähert hatten, zog ich meinen Hut und grüßte ihn freundlich. Ebenso freundlich erwiderte er meinen Gruß und fragte mich, wie spät es sei. Ich blickte auf meine Uhr und gab ihm die gewünschte Auskunft. Er blieb stehen und lächelte. Sanft und einnehmend sagte er: „Die Zeit vergeht, aber die Lage des Menschen unseres Zeitalters wird immer bedenklicher, gleichzeitig wächst seine Schlichtheit und Oberflächlichkeit.“ Weil ich seiner Aussage zustimmte, merkte ich an, dass der Mensch zwar die Herrschaft über die Erde übernommen habe, gleichzeitig aber die Frage ungestellt lasse, wie es um das Seiende, dessen er sich bemächtigt habe, in Wahrheit steht. Der Nihilismus scheint im sogenannten Westen auf seinem Höhepunkt angelangt zu sein. Der Mann sagte: „In seinem Wesen und seiner Herkunft bleibt der Mensch unerkannt. Hier, in der Stille, spürt man weniger den Lärm, der die Welt erfüllt und die Gedanken mordet, welche die Wendung bringen könnten.“ Der Alte begann mich zu interessieren. Seine Gedanken schienen mir eine fast esoterische Grundstruktur zu haben. Nach einer kleinen Pause sagte er: „Das abendländische Denken hatte ursprünglich eine unauflösliche Nähe zum Mythos. Parmenides sagte, dass Denken und Sein dasselbe seien. Mit Sokrates und Platon erreichte die Philosophie ihren ersten Höhepunkt, gleichzeitig aber, spätestens mit Aristoteles, verlernte sie, die ontologische Differenz von Sein und Seiendem zu bedenken. Diese Seinsvergessenheit des Denkens kommt bei Nietzsche, dem scheinbaren Überwinder der Metaphysik, auf ihren Höhepunkt.“ „So muss alles sinnende Denken ein Dichten, alle Dichtung aber ein Denken sein“, fügte ich seinen Aussagen folgend hinzu. Er nahm dies auf und sagte: „Das Wesen der Sprache erfüllt sich nicht als zweckhafte Information, sondern als Lichtung der Wahrheit des Seins.“ Ich setzte diese Überlegungen fort und fragte ihn: „Sind etymologische Enthüllungen nicht auch notwendig, um Holzwegen zu entgehen?“ Der Alte bejahte dies und sagte: „Das Denken muss auf das Vergangene gerichtet sein, um Kommendes zu ermöglichen. Denken muss sich auf dem Weg der Dichtung vollziehen. Nietzsche sagt von Zarathustra, dass weder Shakespeare noch Goethe in der ungeheuren Leidenschaft und Höhe des Zarathustra zu atmen wüssten.“ Der Feldweg, auf dem wir uns befanden, erschien mir als Metapher für die geäußerten Gedanken. Die sanfte Wirklichkeit dieses Weges war der Künstelei menschlichen Rechnens, das immer wieder zur Fessel des eigenen Tuns wird, völlig fern. Als hätte er meine Gedanken gelesen, fuhr er fort: „Die Technik verstellt den Weg zum Sein und macht es dem Denken schwer, die Wahrheit des sich entziehenden Seins zu denken. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt. Wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man eben sieht und urteilt. Wir finden empörend, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das alle sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor. Das Man hält sich in seiner Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten lässt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt oder versagt. Diese Durchschnittlichkeit bestimmt, was gewagt werden kann und wacht über jede sich vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Die Sorge der Durchschnittlichkeit enthüllt eine wesentliche Tendenz des Daseins, eine Einebnung aller Seinsmöglichkeiten.“ Ich stellte nun die Frage: „Verdunkelt die Öffentlichkeit nicht alles und gibt so das Verhüllte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus?“ Er sagte: „Mehr noch! Durchschnittlichkeit und Einebnung konstituieren das Man, also das, was wir Öffentlichkeit nennen. Diese regelt zunächst alle Welt- und Daseinsauslegung und behält in allem Recht. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses, sondern aufgrund des Nichteingehens auf die Dinge. Das, was Öffentlichkeit genannt wird, regelt alle Welt- und Daseinsauslegung und maßt sich an, in allem Recht zu behalten. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses zu den Dingen, nicht weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf Grund des Nichteingehens auf die Dinge, weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit. Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“ Seine Gedanken hatten mich so sehr gefangen genommen, dass ich fortfuhr: „Das Man entlastet also das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das. Mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entgegenkommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.“ Er nickte zustimmend und knüpfte an das Gesagte an, indem er meine Überlegungen präzisierte: „Jeder ist der Andere und Keiner er selbst. Das Man, mit dem sich die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins beantwortet, ist das Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat. Alles wird als Vorhandenheit begriffen. Das Dasein der Menschen ist vor allem durch Gerede gekennzeichnet. Nicht nur kennt und bespricht jeder, was vorliegt und vorkommt, sondern jeder weiß auch schon darüber zu reden, was erst geschehen soll, was noch nicht vorliegt, aber eigentlich gemacht werden müsste. Jeder hat schon immer im voraus geahnt und gespürt, was andere auch ahnen und spüren..“

Da erinnerte ich mich an einen alten Mythos. Als die Sorge über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich. Sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie bei sich darüber nachdachte, was sie geschaffen habe, trat Zeus hinzu. Seiner ansichtig bat ihn die Sorge, dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährte ihr Zeus gerne. Als sie aber ihrem Gebilde einen Namen beilegen wollte, verbot dies der Göttervater und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse, da er ihm Geist verliehen habe. Während nun Zeus und die Sorge darüber stritten, erhob sich die Erdgöttin Gaia und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ihm einen Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden riefen nun Kronos zum Richter und dieser traf folgende Entscheidung. Zeus sollte nach dem Tod des geformten Erdreiches, weil er ihm Geist verliehen hatte, seinen Geist erhalten. Gaia, weil sie ihm den Körper geschenkt hatte, sollte seinen Körper empfangen. Weil aber die Sorge dieses Wesen zuerst gebildet hatte, solle sie es besitzen, solange es lebe. Um auch den Streit über den Namen zu schlichten, entschied Kronos, dass das Geformte Homo heißen möge, da es aus Humus gemacht worden war.

   




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