In Kampanien

Ich erinnere mich an das Landgut in Kampanien, das einem verstorbenen Schüler des Plotinos gehört hatte und dem schwer kranken, alten Philosophen zur Verfügung gestellt wurde. Darauf befanden sich drei einfache Häuser. Eines davon bewohnte Plotinos.

Philosophie war damals in erster Linie noch eine Lebensweise und erst in zweiter Linie eine wissenschaftliche Disziplin. Plotinos besaß nie Privateigentum, er lebte vegetarisch und mied die öffentlichen Bäder. Alle, welche über ihn berichten, erwähnen seine Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit. Eustochios und Porphyrios, seine engsten Freunde, aber auch die Senatoren Castricius Firmus und Marcus Rogatianus kümmerten sich um ihn. Zwei Jahre vor seinem Tod war Plotinos erkrankt. Sein Leib wurde immer mehr von Geschwüren bedeckt und er erblindete.

Als Porphyrios der Melancholie verfiel, hatte ihn Plotinos nach Sizilien geschickt. Später hörte ich, dass Porphyrios noch Jahre nach dem Tod des Plotinos darüber klagte, dass er seinem geliebten Lehrer beim Sterben nicht beistehen konnte.
Vor seiner Abreise hatte Porphyrios dafür gesorgt, dass Plotinos täglich Nahrung erhielt und seine Wunden frisch verbunden wurden.

Bei all den Qualen, die der Philosoph erlitt, verging kein Tag – und so blieb es bis zu seinem Tod –, an dem er sich nicht fragte, woher Traurigkeit und Lust, Furcht und Mut, Begierde, Abscheu und Schmerz kämen.
Den Anfang allen Unheils nannte er Überhebung und Werdedrang. Er beschrieb diese als Lust an Eigenmächtigkeit, wodurch ein immer größer werdender Drang entstehe, sich den selbstischen Trieben hinzugeben. Indem der Mensch immer mehr dieser Eigenmächtigkeit verfalle, entferne er sich vom Ursprünglichen, das sein Höchstes ist. Das eigenständige Ich erscheine dem Menschen nun als höchstes Gut. (Plotinos, Fünfte Enneade, Erstes Buch) In jedem Menschen gebe es etwas, das dem Guten nahe stehe. Wäre dies nicht so, hätte der Mensch keinerlei Bezug zum Guten. Er würde nicht einmal wissen, was das Gute ist. Das Streben nach dem Guten sei immer mit einem Ziel verbunden. Das letzte Ziel nannte Plotinos das Eine.

Er meinte, dass er mit jemandem, der glaube, dass das Seiende durch Zufall und blindes Ungefähr geordnet und allein durch materielle Ursachen zusammengehalten werde, gar nicht reden solle. Denn er glaubte, dass es eine Seele gibt, welche durch die Materie hindurchirrt, aber weiß, dass das Sein mehr ist als Materie. Es gebe zwar immer Menschen, die behaupten, dass man darüber schweigen müsse, wovon man nicht sprechen könne, doch vergäßen diese, dass es uns oft verwehrt ist, eine Sache genau zu erfassen und sprachlich auszudrücken. Plotinos war sich sicher, dass es dem Menschen manchmal gelingt, im Innersten doch eine Ahnung von einer solch schwer beschreibbaren Sache zu erhalten, sodass eine ansatzweise zutreffende Formulierung gelinge. Für das leibliche Sehen komme die Fülle von der sinnlichen Welt, für das Sehen des Geistes aber bringe das Gute die Erfüllung. (Plotinos, Dritte Enneade, Achtes Buch) Plotinos behauptete sogar, dass das Leben eine aus dem Guten hervorgehende Aktivität sei. Deshalb sei die Erkenntnis des Guten das eigentliche Ziel des Denkens. Damit der Mensch das Gute erkenne, müsse er selbst Geist werden. Das Streben nach dem Guten sei zwar im Menschen vorhanden, doch in einem defizitären Zustand. Es könne verkümmern, ja sogar verschwinden.

Daraus leitete Plotinos ab, dass die Regeln der materiellen Welt nicht die des Seins insgesamt seien. Wichtig erschien ihm eine geistige Übung, welche er Aphairesis nannte, ein Wegnehmen, ein Entziehen, eine Entfremdung. Allerdings müsse dabei der Mensch besonders darauf achten, dass er seine Kraft nicht zerstreue und dem Fleiß keinen Abbruch tue.

Ich näherte mich dem Blinden und sprach ihn an, damit er meine Dienste zuließ. Ich nahm die von Blut und Eiter durchtränkten Verbände ab, legte eine Salbe auf die Wunden und verband sie mit frischen Leinentüchern. Kein Klagen kam aus seinem Mund. Als ich fertig war, fragte er mich, was für mich Glück bedeute. Ich schwieg, da ich keine Antwort wusste. Daraufhin lobte er mein Schweigen und verfiel selbst in ein solches. Er fasste mich am Unterarm, nicht ohne zu zögern, da er sich nicht sicher war, ob mir vor seinem verfaulenden Körper ekelte. Doch ich stützte ihn sogar und wir setzten uns unter eine Schatten spendende Pinie.

Er meinte, dass es keinen Sinn mache, über solche Themen mit den Menschen zu reden, da die allermeisten das eigene Ich nicht als größtes Hindernis wahrnehmen. Weiters sagte er, dass man Uneingeweihten nichts mitteilen könne. Bereits einige Male sei ihm eine unvergessliche Erfahrung zuteil geworden. Nichts habe sich in ihm bewegt, weder Zorn noch eine Begierde, nicht einmal ein Begriff oder ein Gedanke habe ihn beschäftigt. Gleichsam ein Stillstand sei er geworden. Ein größeres Glück sei ihm nie zuteil geworden. Davon sei ihm nichts mehr gegenwärtig, denn jede bildliche Darstellung würde nur ein Zerrrbild hervorbringen. Dem geistvollen Menschen könne eine Befreiung von allen Fesseln gelingen, ein Leben ohne Verfall an die Lust und eine Flucht zum einzig Einen. Jedes Einzelne leite sich in stufenweiser Abfolge aus einem einzigen letzten Urgrund her, den er das Eine nannte. Nur wenigen gelinge es, dorthin zurückzukehren. (Plotinos, Sechste Enneade, Neuntes Buch) Er sagte, dass er im vollen Bewusstsein um die Kläglichkeit des eigenen Unterfangens, das Unsagbare zu sagen und das Undenkbare zu denken, daran festhalte, dies zu tun.

Plotinos schwieg nun, er machte einen erschöpften Eindruck auf mich. Nach einiger Zeit beschloss ich, ihm eine Frage zu stellen. Ich wollte wissen, ob das Streben nach dem Guten nicht auch eine Aktivität sei, die den Menschen von seinem eigentlichen Ziel ablenke. Er schwieg immer noch, doch seine Miene hellte sich auf, als erfüllte ihn meine Frage mit großer Freude. Langsam, so als würde er während des Sprechens seine Gedanken ordnen, sagte er, dass das menschliche Denken nicht bloß rational angelegt sei. Entscheidend sei eine Innenperspektive, in welcher der Mensch auf eine bestimmte Weise die Welt fühle. Die Regeln der Logik zu befolgen, bilde nur einen kleinen Teil dessen ab, was den menschlichen Geist ausmache. Der Geist bewege sich im Laufe eines Tages in Phasen von Wachheit und Erschöpfung bis zur Abenddämmerung im hohen Alter. Es gebe Phasen disziplinierten Nachdenkens, solche mittlerer Konzentration, worin der Geist abschweife und das Gedächtnis Dinge aufblitzen lasse, welche nicht unbedingt zum Thema gehörten. Oder es drängten Emotionen an die Oberfläche, die alles andere belanglos erscheinen ließen. Manchmal gebe es geringe Konzentration, die dazu führe, dass der Mensch durch Tagträume irrlichtere, sodass die Selbstwahrnehmung völlig schwinde. Der menschliche Geist sei reicher als ein Tummelplatz der Rationalität.

Ich breitete eine große, weiche Decke aus und half Plotinos, darauf Platz zu nehmen. Ermüdet kauerte er seinen geschundenen Körper darauf, den ich mit zahlreichen Pölstern abzustützen versuchte. Alsbald aber wandte er sich wieder mir zu und sagte, dass die menschliche Seele sich an den Körper verlieren und ihre Aktivität an ihm vergeuden könne. Das Übel sei nicht die Körperlichkeit, sondern die falsche Haltung zum Körper und allem Materiellen. Die Seele müsse zu sich selbst zurückkehren, um zu ihrem Ursprung aufsteigen zu können. Alles Seiende erhalte durch das oberste Eine seine Vollkommenheit. Alle Dinge gingen aus dem unveränderlichen, vollkommenen Einen hervor und verströmten sich bis zum Materiellen. Es könne daher nie um eine diesseitige Lebenskunst gehen, sondern die Seele müsse den Weg zurück zum transzendenten Ursprung finden.

Nach diesen Ausführungen versank er wieder in Schweigen. Ich war mir nicht sicher, ob er eingeschlafen war. Doch unvermittelt ergriff er wieder das Wort und sagte, dass sich die Kluft zwischen der menschlichen Seele und ihrer geistigen Heimat immer mehr ausweite. Nur mehr wenigen gelinge es, die unumgängliche Rückkehr zum Einen aus eigener Kraft zu bewältigen. Er gab mir mit seiner Hand zu verstehen, dass ich mich entfernen solle. Ich folgte seinem Wunsch. Dabei traten mir Tränen in die Augen.

   




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