Es kam die Nacht

Kurze Zeit nachdem ich in die Zeit gefallen war, hielt ich mich im Osten des Reiches auf. Tiberius regierte das Imperium und sein Procurator in Iudaea war Pontius Pilatus. Pilatus residierte in der Stadt Caesarea Maritima und kam nur selten nach Jerusalem.

Seit einigen Tagen hielt ich mich in Jerusalem auf. Ich genoss das Klima im Frühling und verbrachte die Nächte in einem Garten, welcher Ölkelter genannt wurde. Er gehörte zu jenem etwa achthundert Meter hoch gelegenen Höhenzug, der sich vom Norden bis zum Osten Jerusalems herumzieht. Eines Nachts – ich lag bei einer Quellnymphe – vernahm ich aufgeregte Stimmen von einigen Männern, welche näher kamen. Einer von ihnen bat die anderen, in seiner Nähe zu bleiben, während er ein paar Schritte weiterging. Es war Vollmond. So konnte ich genau beobachten, wie er sich neben einer Zypresse hinkauerte. Er seufzte tief und raufte seine Haare. Ich bemerkte schnell, dass er sich in einer bedrohlichen Situation befand und wollte ihm beistehen. So ging ich zu ihm. Er starrte mich zunächst an und begann nach einer Weile zu sprechen. Seine Worte wurden immer wieder von ächzenden Seufzern unterbrochen.

„Man hat mir berichtet, dass es ernsthafte Bestrebungen gibt, mich auszuschalten. Sie wollen mich nicht ins Gefängnis werfen lassen wie den großen Jochanaan. Sie haben aus seinem Fall gelernt und wollen den Statthalter dazu bringen, sofort über mich die Todesstrafe zu verhängen. Dabei war es immer mein Bestreben, einen guten Blick auf die Welt zu wahren. In den menschlichen Unzulänglichkeiten sah ich immer noch einen verborgenen Sinn, manchmal sogar die Schönheit des Guten.“

Er hielt einen Augenblick inne und starrte auf eine in der Nähe stehende Tamariske, welche mit ihren knorrigen Ästen neben den geschlossenen Zypressen ein Widerbild seiner inneren Zerrissenheit zu sein schien. Mit leiser Stimme versuchte ich ihn zu trösten: „Es ist doch nicht anzunehmen, dass in dieser Nacht der Statthalter eine solche Entscheidung trifft. Habe Mut, der morgige Tag wird dir Hoffnung geben.“

Er wandte sich wieder mir zu und sagte: „Ich war mir sicher, dass der Mensch in eine andere Wirklichkeit eingebettet ist, die ihn trägt und letztendlich erfüllt. Durch Gleichnisse und Erzählungen versuchte ich, die Menschen auf diese andere Wirklichkeit hinzuweisen. Ich wollte diese mir so klar erscheinende Wahrheit zur Entfaltung bringen, um die Verzagten aufzurichten, die Trauernden zu trösten und den an allem Zweifelnden Hoffnung zu geben.“

In diesem vor mir kauernden und so sehr an sich selbst zweifelnden Menschen zeigte sich eine hoffnungslose Einsamkeit. Was den Menschen in der Natur anglänzt, schien ihm völlig abhanden gekommen zu sein. Die Wärme des Menschlichen schien aus seinem Sinn verschwunden. Der Mond strahlte das kalte Licht der Sonne wider. Heute weiß ich, dass es ihm vor allem darum ging, das Menschsein als ein auf Transzendenz bezogenes Geschehen zu verstehen. Ihm ging es nicht um Logik, sondern um Erhellung der Existenz.

Es schien, als würde er sich bereits als dem Tod ausgeliefert betrachten, dabei aber mit einer Veränderung rechnen. Es kam mir so vor, als würde er ein schier übermenschliches Element in seine Todeserwartung einfügen, sodass seine gegenwärtige Agonie weniger als die eines Sterbenden erschien, sondern eher wie die eines Überlebenden, der angesichts seiner beklemmenden Lage zwar von grässlichen Halluzinationen heimgesucht wird, die eine große Müdigkeit hervorrufen, jedoch von einer unbändigen Hoffnung gezügelt wurden. Seine Agonie erschien mir als Kampf voller Angst und Beklemmung. Diese Angst ließ in ihm einen inneren Kampf entstehen, der ihn zum Opfer machte, in dem er schlussendlich keinen Sinn mehr erblickte. Ich spürte nun auch eine große Hilflosigkeit in mir. Ich brachte es aber nicht über mich, ihn seinem Schicksal zu überlassen. Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und stammelte ein paar tröstende Worte, an die ich selbst nicht glaubte. Er blickte zu Boden und stützte mit seinen Händen sein Gesicht. Leise, doch so, dass ich jedes Wort verstehen konnte, sprach er nun weiter:
„Ich habe mich von dem wegentwickelt, was ich einst zu werden glaubte. Ich finde nicht mehr den Mut, meine Einsamkeit zu ertragen. Heute weiß ich, dass mein Traum von der Harmonie zwischen den Menschen und einer größeren Wirklichkeit nichts als Einbildung war. Ich bin mir gewiss, dass mein Leben auf einem Traum aufbaute. Jetzt wird mir klar, dass da nichts war, nichts außer mir selbst und dem, was ich hätte tun können. Geblieben sind nur die Taten, welche ich vollbracht habe. Nichts anderes ist der Kern meines Menschseins. Eine schonungslose Konfrontation mit sich selbst, ohne Illusion und falschen Schein, ist der Höhepunkt, auf den jedes Leben zusteuert, mag es großartig oder bescheiden gewesen sein. Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass im Leben eines jeden Menschen früher oder später der Moment kommt, in dem er die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allem anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun ist. Es verzehrt mich der furchtbare Ernst aller Dinge, der letztlich auf diese unerträgliche Einsamkeit hinweist. Was von mir bei all jenen, welche mich gekannt haben, übrig bleiben wird, wird eine Transformation meiner Enttäuschung sein, die ich nun am Ende meines Lebens nicht mehr ertragen kann.“

Er sagte nun nichts mehr, sondern vergrub sein Gesicht in seinen Armen. Ich entfernte mich leise. Viele, viele Jahre später erinnerte ich mich an diese Begegnung im Garten Getsemani, als ich die Zeilen dieses Gedichtes las:

Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, dass ich sagen muss,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. o namenlose Scham...

Später erzählte man, ein Engel kam - .

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden lässt alles los,
und die sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

Das Gedicht 'Der Ölbaum-Garten' (→ Lukas 22, 39-46) ist Rainer Maria Rilkes Band 'Neue Gedichte' (1907) entnommen.
Robert Musil bezeichnete Rilkes Gedichte als Brennen ohne Flackern.

   


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