Die Pergamentblätter

Vor einiger Zeit hatte ich mit Pater Bernhard, dem Leiter der Bibliothek des Stiftes St. Michael Kontakt aufgenommen, um ihn zu ersuchen, in einige Handschriften des Stiftes, welche von einzigartiger Seltenheit sind, Einsicht zu nehmen. Nach einer kurzen Korrespondenz stimmte er zu, dass ich drei Tage zu Studienzwecken die Bibliothek benutzen dürfe. Außer Sorgfalt und Achtsamkeit legte er mir keine Regeln auf, sodass ich mich frei in diesem barocken Prachtbau bewegen konnte, in dem hunderttausend Bücher und etwa eintausendsechshundert Handschriften aufbewahrt werden.

Um zwei dieser Handschriften ging es mir im Besonderen. Die eine bezog sich auf den römischen Festkalender des Publius Ovidius Naso. Ovid hatte in dieser Dichtung auch den Kentauren Chiron erwähnt und ich wollte überprüfen, ob die Handschrift, welche das Stift besaß, in allen Einzelheiten mit den modernen Ausgaben übereinstimmte.

Als ich in die Stiftsbibliothek geführt wurde, erinnerte ich mich an jenen berühmten Roman, in dem die beiden Mönche, welche in einer Benediktinerabtei zu Gast waren, aus dem Staunen nicht herauskamen, als sie zum ersten Mal die Bibliothek betreten durften.
Pater Bernhard übergab mir einen Karton mit Handschuhen und die Pergamentblätter. Sie bestanden aus zwei sorgfältig mit harten papierenen Einbänden versehenen Stapeln. Der erste war schmal, der zweite um einiges gewichtiger. Ich musste dem umsichtigen Bibliothekar versprechen, nach jeder Berührung anderer Dinge die Handschuhe zu wechseln. Daran hielt ich mich.

Schnell hatte ich die wunderbaren Textstellen in den Fasti Ovids gefunden:

. . . lässt Chiron sein Sternbild erstrahlen.
Halbmensch ist er, gemischt mit eines Pferdes Gestalt.
In Hämonien steht, nach Süden gewandt, der Pelion,
oben mit Fichten bedeckt, Eichenwald findet man auch.
Hier wohnte Philyras Sohn. Die alte Höhle, wo, wie es heißt,
der gerechte Greis einstmals gehaust hat, ist hier.
Der nun lehrte, so glaubt man, die Weisen der Lyra die Hände,
die dem Hektor den Tod brachten in späterer Zeit.
Hierher kam der Alkide. Ein Teil seiner Mühn war vollendet,
wenige Aufträge nur warteten noch auf den Mann.
Zufällig sah man zwei Schicksalsdämonen Troias dort stehen:
Aiakus’ Enkelkind hier, Jupiters Abkömmling dort.
Gastlich empfängt den Jüngling der philyreische Heros.
Nach dem Grund des Besuches fragt er, erfährt ihn auch gleich.
Als er die Keule erblickt und das Löwenfell, sagt er:
„Der Waffen würdig ist dieser Mann, seiner auch würdig sind sie!“
Und nicht konnte Achilles an sich halten, das Fell,
das struppig und stachelig war, keck zu berühren mit der Hand.
Während der Greis die mit Gift getränkten Geschoße betastet,
wird ihm der linke Fuß, weil eins herabfällt, durchbohrt.
Chiron stöhnte auf und zog aus dem Körper das Eisen.
Herkules jammert mit ihm, auch das hämonische Kind.
Kräuter, auf Pagasäs Höhen gesammelte, mischt er,
denn lindern will er den Wundbrand, versucht allerlei Künste dabei.
Doch das gefräßige Gift besiegte die Kunst.
Das Verderben drang in die Knochen ihm ein, nahm von dem Körper Besitz.
Weil mit dem Blut des Kentauren das Blut der Lernäischen Schlange
sich schon vermischt hatte, kam jegliche Hilfe zu spät.
Wie vor seinem Vater stand, Tränen vergießend Achill.
Wenn Peleus gestorben wär’, dann hätte er so ihn beweint.
Liebevoll streichelte oft er die kranken Hände.
Dem Lehrer dankte die Sinnesart, die dieser geformt hatte, so.
Oftmals gab er ihm Küsse, ihn, wie er da lag, oftmals rufend:
„Stirb nicht, ich bitt’ dich! Lass nicht, Vater, allein mich zurück!“
Dann kam der neunte Tag, gerechtester Chiron.
Da hatten vierzehn Sterne sich dir rings um den Körper gelegt.

Die andere Handschrift bezog sich auf den sechsten Gesang der Aeneis des Publius Vergilius Maro. In diesem beschreibt der Dichter den Fährmann Charon, welcher die ihm von Hermes Psychopompos zugeführten Seelen über den Acheron bringt, den Fluss des Schmerzes in der Unterwelt. Charons Kinn bedeckt ein verwilderter grauer Bart. Der mürrische Greis mit den glühenden Augen und seinem vor Schmutz starrenden Umhang, der verknotet von seinen Schultern fällt, ist zwar uralt, aber als Gott kräftig und stark. Er bringt den von der Sibylle von Cumae begleiteten Aeneas in das Reich des Hades.

Chiron und Charon. Anschließend an das sechste Buch der Aeneis befanden sich, und dies überraschte mich, zusammengeheftete lose Blätter, welche auf mich den Eindruck von Notizen aus dem zwanzigsten Jahrhundert machten. Auf der ersten Seite stand: Cheron. Ich nahm sie an mich, um sie Pater Bernhard zu zeigen. Darunter lagen noch zwei eng beschriebene Seiten, welche ich wie die Handschriften, die Texte von Ovid und Vergil enthielten, dem elften Jahrhundert zuordnete. Sie bezogen sich zunächst auf die Schrift des Plutarch, welche sich mit den untergegangenen Orakeln beschäftigte. Doch gegen Ende zu schrieb ein nicht näher benannter Verfasser einen Text, der mir völlig unbekannt war und wodurch die Erzählung des Plutarch eine merkwürdige Wendung erhielt.

   


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