Hinduismus

1. Entstehung und Verbreitung

Der Hinduismus kennt weder eine Gründungsgestalt noch ein Gründungsereignis. Er begann, sich in der Zeit der Kultur des Indus-Tales vor etwa sechstausend Jahren zu entfalten.
Erst in der klassischen Periode (von circa 500 vChr. bis etwa 1000 nChr.) wurde der Hinduismus immer mehr zu einer Volksreligion. Von der Religion der Elite wurde er allmählich zur Religion des Volkes. Philosophische Spekulation, Meditation und Yoga gewannen eine zentrale Bedeutung.

Im Hinduismus gibt es unterschiedliche Strömungen. Aus asketischen Bewegungen bildeten sich eigene Mönchsbewegungen, welche später zur Gründung anderer Religionen führten, etwa des Buddhismus. Der Hinduismus wirkt eher wie eine Sammlung übereinander geschichteter Religionsformen, denn als einheitliches Religionssystem mit klaren Aussagen.

Eine eigene Strömung bilden die vielen Gruppen von Asketen. In diesen Gruppierungen werden Entsagung und Abkehr von der Welt, sowie der Rückzug in die meditative Einsamkeit als Voraussetzung für die Erleuchtung und Befreiung des Individuums angesehen.

Weltweit gibt es mehr als 800 Millionen Hindus. Der größte Teil von ihnen lebt in Indien. In Österreich leben circa 11.000 Hindus. In Wien gibt es fünf Hindu-Tempel.

2. Das Göttliche

Oft wird der Hinduismus als polytheistische Religion bezeichnet, da eine Vielzahl von Gottheiten verehrt wird. Aber diese Vielheit wird auch als die vielen Gesichter eines Gottes gedeutet.

Der Hinduismus selbst beschreibt sich als eine Wahrheit, die von den Weisen unterschiedlich gedeutet wird. Daher kann diese Religion nicht in feste, einheitliche Kategorien eingeteilt werden, denn verschiedene Glaubensrichtungen und Denksysteme existieren nebeneinander. Es gibt keine allgemein anerkannten Dogmen, es wird auch kein bestimmter Glaube vorgeschrieben.
Die zwei wichtigsten Ansätze des Hinduismus könnte man so zusammenfassen:
Die Vielzahl der Götter und Göttinnen stellt lediglich unterschiedliche Verkörperungen der letzten übergegensätzlichen Wirklichkeit dar. Jedoch gibt es auch die Auffassung, dass die Götter Ausdruck eines höchsten Prinzips sind, das unpersönlich ist und bleibt.

3. Die Veden

Für den Hinduismus grundlegend sind die Veden (Wissen), welche in der Sprache Sanskrit verfasst wurden. Die zwischen 1500 und 800 vChr entstandenen heiligen Schriften stellen Grundlinien des Hinduismus dar. Sie bestehen aus vier Textsammlungen:

Aus den Veden resultiert die Auffassung, dass die Einheit zwischen der menschlichen Seele und dem Weltgeist, aus dem alles entstand, als Ziel des Menschen angesehen wird.

4. Die Karmalehre

Mit Karma bezeichnet der Hinduismus eine kosmische Ordnung. Jede in diesem Leben ausgeführte Handlung von moralischer Bedeutung hat Einfluss auf die Wiederverkörperung eines Lebewesens. Deshalb befinden sich alle Lebewesen in den Zuständen, welche sie durch ihre Taten selbst herbeigeführt haben. Das Karma wirkt ohne Beeinflussungsmöglichkeit als Vergeltungsordnung. Es ist das Gesamtergebnis einer jeden Lebensform auf Erden. Der Mensch wandert durch eine endlose Reihe von Inkarnationen. Der Tod als Übergang hat daher keine Schrecken. Eine Erlösung gibt es nicht. Alle Lebewesen haben seit Ewigkeit bestehende Seelen, welche nur die materiellen Hüllen, ihre Verkörperung wechseln. In diesem Kreislauf des Werdens und Vergehens sind alle Formen der Existenz möglich, von pflanzlicher, tierischer, dämonischer bis hin zu menschlicher und göttlicher Existenzform.



Wichtig ist, dass der Sterbende auf seinen Tod vorbereitet ist und ihn annimmt. Grabsteine oder Gedenkfeiern gibt es nicht. Der Totenritus sieht vor, dass der Tote gewaschen, gesalbt und in ein Leichentuch gehüllt wird. Anschließend erfolgt die Totenverbrennung. Der Feuergott Agni wird gebeten, die Seele des Toten zu begleiten.

Mit guten, selbstlosen Taten erreicht der Hindu eine bessere, mit schlechten Taten eine schlechtere Wiedergeburt. Entscheidend ist daher, was der Hindu praktiziert, weniger, woran er glaubt.

Das letztendliche Ziel eines gläubigen Hindu ist es trotzdem, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszubrechen. Dieses Ziel kann über verschiedene Wege erreicht werden, so etwa
•   durch Überwindung der Unwissenheit mittels Erkenntnis,
•   durch positive Taten mittels eines Lebens im Einklang mit dem kosmischen Gesetz
•   durch Bewusstseinsveränderung mittels Meditation und Yoga,
•   durch die Entwicklung von Gottesliebe mittels Hingabe an Gott.

Erreicht ein Individuum tatsächlich einen solchen Zustand der Befreiung, verschmilzt seine wahre Identität mit der höchsten Realität, welche die ganze Welt durchdringt, und verliert seine Identität als individuelles Sein.

5. Das Kastenwesen

Das hinduistische Kastenwesen beruht auf der Karmalehre. Eine Kaste ist eine Gruppe von Personen, welche die gleiche traditionelle Beschäftigung ausüben und durch fest vererbte Rechte, Pflichten und Bräuche miteinander verbunden sind. Eine Kaste bildet eine Gemeinschaft, in die man hineingeboren wird und die streng darüber wacht, dass Männer nur Frauen aus derselben Kaste heiraten und nur mit Leuten aus der gleichen Kaste speisen.

Jede dieser Gruppierungen ist jeweils in eine Vielzahl von Unterkasten gegliedert, wodurch sich ein vielfältiges soziales Gefüge ergibt, das aus einer strengen Hierarchie von zwei- bis dreitausend verschiedenen Klassen besteht. Jede dieser Kasten bezieht sich auf einen menschlichen oder göttlichen Stammvater und hat einen eigenen Regelkanon für alle Aspekte des täglichen Lebens aufgebaut, der für die Kastenmitglieder verbindlich ist.

6. Gebet und Opfer

Durch das Gebet erfolgt eine Verbindung mit dem Göttlichen. Das Gebet gilt im Hinduismus als individueller, nicht als gemeinschaftlicher Akt. Der Verwendung von heiligen Silben, welche Mantras genannt werden, kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Die heilige Silbe OM gilt als Urwort der Schöpfung.



Im privaten Bereich wird der Gottesdienst meist von der Frau des Hauses vollzogen, grundsätzlich kann er aber von jedem durchgeführt werden. Dabei tritt der Gläubige als Gastgeber auf. Nach einer Anrufung wird die Gottheit wie ein Ehrengast empfangen und erhält die traditionellen Gaben: Fuß- und Badewasser, Salbungen, Blumengirlanden, Räucherwerk, Lichter, Duftwasser und schließlich Speisen. Diese werden vor der Statue oder dem Bild der Gottheit dargeboten und symbolisieren Waschung, Salbung, Dekoration und Bewirtung, an die sich die Lobpreisungen anschließen. Der Gläubige erhält anschließend einen Teil der Opfergaben zurück.


   
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