DAS HOCHMITTELALTER

Zwischen 1000 und 1348, dem Jahr der großen Pest, wächst die Bevölkerung Europas von etwa 24 auf etwa 54 Millionen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Ansiedlung der Normannen und die Zurückdrängung der Sarazenen. Dadurch bessern sich die Lebensbedingungen. Die Städte ermöglichen eine größere persönliche Freiheit für alle. Spezialisierte Handwerker, Händler und Märkte führen zu Wohlstand. Durch die Anhäufung von ungewohntem Reichtum vergrößern sich aber auch die sozialen Unterschiede. Vieles entwickelt sich nicht mehr nur nach Brauch und Tradition. Ende des 11. Jahrhunderts entsteht in Bologna die erste "gelehrte Schule". Da sich in Bologna das einzige im Abendland erhaltene Exemplar der justinianischen Digesten befindet, ist sie eine Schule der Jurisprudenz. Man sucht nach begründeten Rechtsformen, um sich im komplizierter gewordenen Zusammenleben besser zurecht zu finden. Das 12. Jahrhundert wird so zur Wiege der Gotik, zum Fundament der Scholastik und zum Nährboden der Mystik. Man widmete sich den Werken antiker Autoren, neben Platon besann man sich wieder auf Aristoteles.

CANOSSA ALS WENDE

Die Zäsur zwischen Früh- und Hochmittelalter liegt um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Dieser Einschnitt wird durch drei Ereignisse geprägt: 1046 setzt König Heinrich III. auf der Synode von Sutri drei Päpste ab. 1054 kommt es zur endgültigen Trennung von Ost- und Westkirche. 1056 begann nach dem Tod Heinrichs III. der Investiturstreit. Kaiser und König sollten nicht länger "Gesalbte des Herrn" (1Sam 24,7) sein, sondern nur noch Laien. Gregor VII. berief sich in seinem "Dictatus Papae" auf die von Christus selbst begründete Sonderstellung der römischen Kirche. Er verband die Rechtgläubigkeit mit Gehorsam gegenüber dem Papst und begann eine gesamtkirchliche Oberhoheit zu praktizieren. Der Papst beanspruchte eine hierokratische Oberhoheit, indem er über den geeigneten Herrscher befinden zu können glaubte. Insofern war 1077 der Gang Heinrichs IV. nach Canossa, um vom Papst die Lösung vom Kirchenbann zu erbitten, eine wichtige Wende. Der Anlass für die große Auseinandersetzung war die "Investitur" (Einkleidung) der Bischöfe. Seit den Merowingern war es üblich, dass der König die Bischöfe ernannte und ihnen die Amtsinsignien übergab. Es ging um die Reform der Kirche, wie sie auch Heinrich III. gewollt hatte, eine Kirche ohne Simonie (Nach Apg 8, 9ff wollte Simon Magus den Aposteln Petrus und Johannes die Gabe der Geistverleihung abkaufen. Deshalb bezeichnete man mit Simonie den Kauf geistlicher Ämter.) und ohne Nikolaitismus (Nach Offb 2,6 nannte man nichtzölibatär lebende Priester Nikolaiten.). Religionsgeschichtlich betrachtet, kam es zu einer eigentümlichen Verschränkung: Sofern die Wende von Canossa zu einer desakralisierten Herrschaftsauffassung führte und damit in der Richtung "modern" war, so war andrerseits die Forderung nach kultischer Reinheit "archaisch", denn nur in vorethischen Religionen macht Sexualität, auch wenn sie völlig rechtens ist, kultunfähig.

MONASTIK UND SCHOLASTIK

Die Zeit war auch von einem neuen Denken erfüllt. Anselm von Canterbury (1034-1109), der "Vater der Scholastik", schlug einen völlig neuen Ton an. Nicht mehr bloß die alte Väterweisheit sollte überzeugen, und nicht einmal die Bibel wollte man zuerst hören, sondern Vernunftgründe. Anselms Unterfangen gründete in der Überzeugung, dass Glauben und Vernunft einander nicht widersprechen, sondern zu der einen Wahrheit hinführen müssten. Anders argumentierten die Vertreter der Tradition, z.B. Rupert von Deutz (+ 1129/30). Angesichts der Tatsache, dass Gott alles erschaffen und bestimmt habe, gebe es keine Disputation über das Warum. Angemessen sei allein, sich mit der faktisch gegebenen Antwort zu bescheiden, denn Gott habe als Schöpfer hervorgebracht, was in seinem Herzen schon gewesen sei. Wenn Christus seine Botschaft Fischern und Bauern kund zu tun vermocht habe, müsse dies auch in der eigenen Zeit angewendet werden. Die heiligen Worte seien mit dem Herzen zu hören, nicht aber könne man ehrfurchtslos über sie diskutieren. Der lesend meditierende Mönch müsse den Geschmack des Gotteswortes verspüren, nicht aber neugierig Wissen suchen. Was von den Traditionsvertretern im Kern befürchtet wurde, war die Unterwerfung des Geheimnisses Gottes unter das menschliche Denken.

Den monastischen Weg der christlichen Vollkommenheit zu einer fast nicht mehr steigerbaren Höhe gebracht zu haben, war das Verdienst der Abtei von Cluny (im heutigen französischen Departement Bourgogne gelegen). Die Abtei gab aber auch jährlich etwa 17 000 Armenspeisungen aus, die besser waren als die Mönchskost, weil sie Fleisch enthielten,. Nicht minder bedeutend war die Leistung der Zisterzienser, die von Citeaux ausgehend, ganz Europa mit ihrem Reformprojekt überzogen. Aus ihrer Spiritualität ging die Mystik hervor. Sie reaktivierten die manuelle Arbeit, für die sie auch das Gebetspensum kürzten. Alle sollten Arbeit leisten, gerade auch die zahlreichen Adelsmitglieder, um so die Gleichheit im Kloster zu gewährleisten. Bernhard von Clairveaux war der Begründer der mittelalterlichen Mystik und die spirituelle Leitfigur der Zisterzienser.

Eine der bemerkenswertesten Gruppen waren die Humiliaten: Männer und Frauen, die sich vor Gott demütigten. (lat. humilis - niedrig, demütig). Sie waren einfache Leute, die mit manueller Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen wollten. Meist waren sie als Weber tätig und stellten einfache, auch für Arme erschwingliche Textilien her. Den Überschuss, den sie erarbeiteten, gaben sie als Almosen. Sie bildeten aber nicht nur ökonomische, sondern auch religiöse Gemeinschaften, und zwar als Verheiratete mit ihren gesamten Familien. Ihre Gemeinschaftshäuser umfassten das alltägliche Leben, Arbeit und Gebet. Auch ihre Gottesdienste hielten sie dort ab. Priester schlossen sich ihnen an und auch Laien konnten bei ihnen predigen. Papst Innozenz III. (+1216) gab ihnen zwar die offizielle kirchliche Anerkennung, doch gleichzeitig presste er sie ins hierarchische System des Kirchenrechts. Die aus den Neuerungen des 11. und 12. Jahrhunderts hervorgegangene Mystik war vor allem eine "Erlebnismystik", eine gefühlvolle Vereinigung mit Jesus. Es gab aber auch die "Leidensmystik", die die Glechförmigkeit mit dem gekreuzigten Jesus zum Inhalt hatte.

WISSENSCHAFT UND UNIVERSITÄT

Die zivilisatorischen Voraussetzungen für den gewaltigen Aufbruch der Zeit schuf die Stadt. Erstmals gab es wieder Einwohnerzahlen wie in der Antike. Die Stadt ermöglichte es, Schulen und Bibliotheken zu errichten und dabei Lehrende und Lernende in großer Zahl zu beherbergen. Nach dem Jahr 1200 entstanden die ersten Universitäten, die älteste in Bologna, die das bereits über hundert Jahre betriebene Rechtsstudium fortsetzte, dann die zu Paris, welche in Nachfolge der zu klein gewordenen Kathedralschule die neue Theologie betrieb.

Die Universität verstand sich als "autonome Gemeinschaft…, ausgerichtet auf eine bestimmte Form der Lehre, mit Mitgliedern, die aus dem ganzen Umkreis, theoretisch aus der gesamten Christenheit stammten". (Jaques Verger, Grundlagen, in: Walter Rüegg, Geschichte der Universität in Europa, München 1993) Als einzigartige Schöpfung des Mittelalters hat sie sich weltweit verbreitet. Eine wichtige Voraussetzung war von Anfang an die Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen Andersdenkender, Andersgläubiger, gesellschaftlich Tieferstehender und die Bereitschaft, die eigenen Irrtümer durch überzeugende Erkenntnisse korrigieren zu lassen. (Bezeichnend ist auch die Aussage des Albertus Magnus in seiner Schrift De generatione et corruptione: Wenn ich Naturforschung treibe, interessieren mich keine Wunder….)

MOSES MAIMONIDES

Moses Maimonides wurde am 30.3.1135 in Cordoba geboren. 1148 wanderte seine Familie nach der Eroberung Cordobas durch die Almohaden nach Nordafrika aus. 1159 bis 1165 hielt er sich in Fez (Marokko) auf. 1165 zog er über Palästina nach Kairo und wurde dort zum anerkannten geistlichen Führer der ägyptischen Juden. Seit 1170 war er Arzt am Hof Saladins und genoss hohes Ansehen. Am 12.12.1204 starb er in Kairo und wurde in Tiberias begraben. Er schrieb arabisch und war stark von der islamischen philosophischen Tradition beeinflusst, die sich hauptsächlich mit dem Verhältnis zwischen der aristotelischen Philosophie und dem Koran beschäftigte. Die Philosophie, die im Erfahrungsbereich eine sichere Wesenseinsicht gibt, verliert an Beweiskraft, je höher sie aufsteigt. Maimonides lehrte, dass Gott absolut transzendent und nur negativ erkennbar ist. Gott bleibt also jenseitig, aber positiv setzend durch sein Handeln in der Geschichte, das Gesetz der Thora und die versprochene Erlösung des Menschen. Moses Maimonides wirkte vor allem auf die lateinische Scholastik, insbesondere durch sein Buch Dalalat al-hairin (1240 von Al Charisi ins Lateinische übersetzt: Dux neutrorum, auf deutsch: Führer der Unschlüssigen).

THOMAS VON AQUIN

Thomas von Aquin (1225-1274) bildet einen der Höhepunkte des mittelalterlichen Denkens. Er hinterließ ein umfangreiches Werk von großer denkerischer Kraft. Ihn bewegte das Ziel, den christlichen Glauben und die Welterkenntnis, die Bibel und Aristoteles in der einen Wahrheit zu vereinen. Die alten Bedenken gegen das Erkennenwollen räumte er beiseite. Die Wahrheitserkenntnis an sich nannte er etwas Gutes. Sie kann nur wegen gewisser Umstände schlecht werden, z.B. wegen etwaiger Folgen oder wenn sich jemand wegen seiner Kenntnisse aufbläht…. Zur Zeit des Thomas von Aquin war Aristoteles über die Araber wieder zu einer philosophischen Größe geworden. Thomas versuchte eine Synthese zwischen dem katholischen Glauben und dem Denken des Aristoteles herzustellen. Bezüglich der Wahrheit machte er folgende Unterscheidungen. Es gibt Wahrheiten, die durch den Gebrauch der Vernunft erkannt werden können, die sich aber nicht durch die Offenbarung bestätigen lassen (das sind die meisten alltäglichen Wahrheiten). Sodann gibt es Wahrheiten, die durch die Offenbarung bekannt sind, zu denen man aber auch durch Vernunft gelangen kann (dazu zählt er die Existenz Gottes). Schließlich gibt es Wahrheiten, die nur durch die Offenbarung gewusst werden (dazu gehört z.B. das Dogma der Trinität). Für ihn gibt es keinen Widerspruch zwischen der Offenbarung und der natürlichen Erkenntnis, da auch sie von Gott kommt. Wie Aristoteles sieht Thomas in der Schau der Wahrheit den höchsten Glückszustand. Der Mensch ist gerade dadurch Mensch, dass seine Seele die Funktionen des Verstands umfasst, die darin bestehen, Wahrheit und Wesen der Dinge zu begreifen. Dies wird nach Thomas nur durch Kontakt zur absoluten Wahrheit (Gott) möglich. Da das Wesen Gottes dem menschlichen Erkenntnisvermögen unzugänglich bleibt, ist eigentliches Glück, die volle Entfaltung der besonderen menschlichen Fähigkeiten, erst im Jenseits zu erlangen. In diesem Leben kann man nur ein bedingtes Glück erlangen, das sich auf theoretische Einsicht und moralisches Handeln konzentriert. Diese irdische Realisierung des Menschen bleibt mangelhaft wie auch jede irdische Erkenntnis. Aber sie ist bloß mangelhaft, nicht grundsätzlich fehlgeleitet, sondern in ihrem Ziel auf Gott, der den letzten Grund des Seins darstellt, ausgerichtet.

DAS PAPSTTUM AUF DEM HÖHEPUNKT

Weil sich die Päpste als Haupt der Christenheit und als Stellvertreter Christi verstanden, beanspruchten sie die letztgültige Entscheidung in allen Glaubensfragen und Rechtsfällen, die Kanonisation von Heiligen, die Verfolgung von Ketzern durch die heilige Inquisition, die Gewährung von Privilegien und nicht zuletzt eine Erklärungskompetenz von Hierokratie. Diese wurde auf der sogenannten Zwei-Schwerter-Theorie entfaltet. Nach Lk 22,38 meinte man, dass auch das weltliche Schwert, nicht anders als das geistliche, der Kirche von Gott gegeben sei. Die Folge war der römische Zentralismus: die Entstehung einer rasch anwachsenden Zentralverwaltung und einer ebenso rasch vordringenden Juridisierung. Papst Alexander III. (+1181) gilt als der erste Juristenpapst. Vom 13. Jahrhundert an hatten fast alle Päpste eine Universität besucht, ebenso die meisten Kardinäle. Mit dem in Paris und Bologna ausgebildeten Innozenz III. (1160, 1198, 1216) erreichte das Papsttum - so das fast einhellige Ergebnis der Forschung - seinen Höhepunkt. Innozenz III. strebte eine einige hierarchisch gegliederte Christenheit an, die nichtchristliche Herrschaften zu einem Randphänomen werden lassen sollte, und erwartete, dass sich die christlichen Fürsten vorbehaltlos in den Dienst der kirchlichen Aufgaben stellten. In seinen Einigungsversuchen war er in Armenien (1198) und Bulgarien (1204) erfolgreich, wurde aber dann von der Politik Ungarns und Venedigs behindert. Die ungarischen Annexionspläne verhinderten die angestrebte Union mit den Serben, und die Vernichtung der byzantinischen Dynastie durch die Kreuzritter unter der Führung Venedigs führte zwar zur Begründung des Lateinischen Kaisertums der Grafen von Flandern-Hennegau in Byzanz, hintertrieb aber gerade durch diese erzwungene Einigung einen wirklichen Kirchenfrieden. In dem von ihm gewählten Titel Vicarius Christi, der den bisherigen Anspruch der Petrusnachfolge überlagerte, wurde klargestellt, dass der Papst als Vertreter Gottes unmittelbar über jeden Christen herrsche und die faktische Ausübung von Herrschaft durch Fürsten und Bischöfe auf dem Prinzip der Delegation beruhe.


   
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