9. Das Gebet


Eduard Angeli, geb. 1942 in Wien

Das einzige Wesen auf der Erde, das seine Existenz in Frage stellen kann, ist der Mensch. Der Mensch betet, weil er voll ungestillter Sehnsucht ist. Schon der Wunsch zu beten, ist ein Gebet. Wenn der Mensch am wenigsten redet, kommt er dem Gebet sehr nahe, wenn er am meisten redet, betet er am wenigsten. Das Gebet entspringt der Aufmerksamkeit der Seele. Daher kann das Gebet jeder Religiosität vorausgehen, da es jene Grundtöne im Menschen zum Klingen bringt, die sich einer näheren Beschreibung entziehen.

Das christliche Gebet hat einige Besonderheiten aufzuweisen. Es geht auf Jesus selbst zurück und hebt jene entscheidenden Situationen hervor, welche den Weg Jesu bestimmten und daher für jeden Christen einen unauslöschlichen Akzent setzen: Seine eindringliche Lehre und seine bitteren Leiden.

I.

Im sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums lehrt Jesus in der ernsthaften und doch sehr entspannten Atmosphäre der Bergpredigt die in Massen herbeigeströmten Menschen:
Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber geh’ in deine Kammer, wenn du betest, und schließe die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. So sollt ihr beten:

Vater unser,
der Du bist in dem Himmel
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot
gib uns heute,
und vergib uns unsere Schulden
wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Πάτερ ἡμῶν
ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς•

Άγιασθήτω τὸ ὄνομά σου•

ἐλθέτω ἡ βασιλεία σου•

γενηθήτω τὸ θέλημά σου,

ὡς ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς•

Τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον•

καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν,

ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν•

καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν,

ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ.

Pater noster
qui es is coelis
sanctificetur nomen tuum,
adveniat regnum tuum,
fiat voluntas tua
sicut in coelo et in terra.
Panem nostrum quotidianum
da nobis hodie,
et dimitte nobis debita nostra
sicut et nos dimittimus
debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem
sed libera nos a malo.

II.

Wer leben will, ohne zu sterben, wird sterben, ohne gelebt zu haben, sagt Bernhard von Clairvaux* . Jedes Leid, das den Menschen trifft, lässt ihn fragen: Wer bin ich? Was erwartet mich? Bin ich nicht viel mehr, als ich dachte, mehr als andere Menschen von mir denken? Will ich nicht etwas anderes als dieses Leben?

Diese so menschliche Erfahrung der Unsicherheit und des Zweifels findet im fluchtartigen Rückzug Jesu mit einigen Vertrauten in den Getsemani-Park am Ölberg von Jerusalem ihren Ausdruck. Im Schicksal, das sich vor Jesus auftut, erkennt er, dass er Gott, den er Vater nennt, nur bis zu sich selbst entgegen gehen kann. Mehr ist in diesem Leben nicht möglich. Dies führte zur letzten Konsequenz, dem Schrei Jesu am Kreuz: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“*

Im vierzehnten Kapitel des zweiten Evangeliums berichtet Markus:
Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch und wartet hier, während ich bete. Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen. Und er ging zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Und er ging wieder weg und betete mit den gleichen Worten. Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen; und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. Und er kam zum dritten Mal und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist genug. Die Stunde ist gekommen...

Das christliche Gebet führt den Menschen vor die eigene Situation, wenn man nicht schläft oder realitätsunfähig die Augen verschließt, und trägt so dazu bei, den Mut zu finden, sich der Realität zu stellen.


   
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