1. Der Schöpfungsmythos des Buches Genesis



Jacopo Tintoretto, 1518 – 1594: Erschaffung der Tiere, Accademia, Venedig

Die wahrscheinlich im 8. Jahrhundert vChr beginnenden schriftlichen Aufzeichnungen bereits länger bestehender mündlicher Traditionen erhielten in den fünf Büchern des Moses im vierten Jahrhundert vChr ihre endgültige Gestalt. Die ersten Kapitel, welche sich mit der Entstehung der Welt und des Menschen beschäftigen, versuchen die gleichen Fragen zu beantworten, die auch in den anderen altorientalischen Weltentstehungsmythen behandelt wurden. Von besonderer Bedeutung für die Anfangsmythen der Bibel war die Kultur des babylonischen Großreiches.

Die nach der babylonischen Eroberung des kleinen Königreichs Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem im sechsten Jahrhundert vChr in Babylon angesiedelten Juden wurden mit den dortigen religiösen Vorstellungen konfrontiert. Es ergab sich schnell das Problem, ob man sich Babylon anpassen oder die eigene kulturelle Prägung bewahren wollte. Wesentlich damit verbunden war auch die religiöse Frage nach dem Glauben an den einen Gott Jahwe oder die Verehrung der Gestirne, der Tiere, der Fruchtbarkeit, wie sie bei den Babyloniern üblich war.

Die Autoren des biblischen Schöpfungsberichts zeigen diesbezüglich eine eindeutige Richtung. All das, was die Babylonier als Götter verehren, sind von Jahwe gemachte Dinge. Die Natur wird entgöttlicht und Jahwe, der einzige Gott, wird nicht als Teil der Welt, sondern als ihr Hervorbringer angesehen.

Dem aus Erde gemachten Menschen (dies bedeutet das hebräische Wort Adam) haucht Gott seinen Geist ein. Diese dem Menschen zugeschriebene Gottebenbildlichkeit hebt ihn aus der Welt heraus und verweist auf seine Sehnsucht nach jenem Ursprung, welcher nicht in dieser Welt liegt. Durch den Glauben erkennen die Christen, dass das Sichtbare seinen Ursprung in dem hat, was man nicht sieht. (So im Brief an die Hebräer 11,1) Das Wissen im naturwissenschaftlichen Sinn kann durch die Bibel nicht erweitert werden.

Dass der biblische Schöpfungsbericht Jahrhunderte lang als Quelle für die Beantwortung naturwissenschaftlicher Fragen angesehen wurde, hängt mit dem Missverständnis zusammen, die Bibel als jenes Buch zu betrachten, das alle Fragen der Menschheit direkt oder indirekt beantworten kann.


   
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