1. Heiligenverehrung


Victoria Coeln: Chromotopia St. Stephan, Wien, 2012

Wenn Traditionen schwinden, dann verlieren auch religiöse Elemente ihre Bedeutung für den Alltag. Einst gehörte die Heiligenverehrung zu den bestimmenden Erscheinungsformen christlicher Kulturen, insbesondere des Volksglaubens. Heiligenfeste gewährten gemeinsam erlebte Feiertage. Heilige Stätten waren das Ziel von Wallfahrten. Ein vielgestaltiges Brauchtum prägte Land und Leute. Die bildende Kunst versorgte die fromme Phantasie mit Gemälden, Statuen und Totenschreinen. Doch allmählich hat die fade Allerweltsgesittung des Zeitgeistes das phantastische Material an Obsessionen, Perversionen, Gewaltorgien und Wundern so lange verdünnt, dass fast nichts mehr davon übrig blieb.

Doch so einfach ist dem Phänomen Religion nicht beizukommen. Kaum meint die nüchterne Vernunft, die religiöse Phantasie endgültig gebändigt zu haben, kommt diese durch die unstillbare Sehnsucht der Menschen nach dem Übervernünftigen und dem Göttlichen wieder zum Vorschein.

Heilige werden verehrt, angebetet wird nur Gott. Die Nachsilbe –ig bedeutet von etwas erfüllt sein. Im christlichen Verständnis ist jemand dann von Heil erfüllt, wenn er seine persönliche Vollkommenheit erreicht hat. Heilige sind deshalb Vorbilder, die durch ihr Leben den Menschen zeigen, wie man in dieser unvollkommenen Welt seinen Sinn finden kann.

Manchmal sinkt die Heiligenverehrung zum Kitsch herab, zum billigen und sentimentalen Ersatz des Echten und Eigentlichen (Kaffeeheferl mit der Basilika von Mariazell). Doch dies sind bloß die kleinen Schatten, welche jedes große Licht umgeben.


   
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