3. Der Mensch und das Leid



Biennale von Venedig, 2011

Das Leid wird schon immer als Gegensatz zur Freude gesehen. Da das menschliche Leben nicht nur aus Freude besteht, sondern das Leid ebenso dazugehört, ergibt sich unabweisbar die Frage nach dem Sinn des Leidens. Manchmal spüren wir, wie das Leben sein sollte und wie wir selbst sein sollten, aber dazu nicht imstande sind. Der Mensch lebt im Unfrieden mit sich selbst, wird von Ängsten und unkontrollierbaren Leidenschaften erfasst und sehnt sich trotzdem nach einer als ursprünglich empfundenen Harmonie.

In der Bibel wird diese Erfahrung der Entfremdung des Menschen von sich und der Welt in der Erzählung vom Sündenfall Adams und Evas ausgedrückt. Im Paradies* lebte der Mensch in einer vollkommenen Harmonie. Weil der Mensch sich von Gott abwandte, verlor er das Paradies. Mühsal, Leid und Tod sind das Ergebnis des Verlustes des Paradieses.

Die Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit, ihr Akzeptieren und die Sehnsucht, sie zu überwinden, gehört zur Grundstruktur des christlichen Lebens. Leiden in seinen verschiedenen Abstufungen gehört zum Leben, unfassbar und immerwährend präsent sind Sterben und Tod.

Schon die Urkirche hat getreu den Aussagen des Jakobusbriefes den Sterbebeistand als ein Werk christlicher Nächstenliebe praktiziert. Die Ermöglichung eines würdigen Todes bedeutet, dass der Christ Sterbende nicht allein lässt. Die gesellschaftliche Verdrängung des Todes führt zur Entwürdigung des Sterbens.

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.
*

Die Kirche lehnt sowohl die Abtreibung als auch die Euthanasie* ab, da der Anfang und auch das Ende menschlichen Lebens nicht eindeutig definiert werden können und der menschlichen Verfügbarkeit entzogen bleiben sollen.

Völlig positiv betrachtet die Kirche die Palliativmedizin* . Wie ein Schutzmantel soll die Palliativmedizin Schwerstkranke umhüllen. Die WHO* beschrieb 2002 die Aufgabe der Palliativmedizin folgendermaßen: Sie soll alles zur Verbesserung der Lebensqualität jener Menschen tun, welche lebensbedrohlich erkrankt sind, und zwar durch Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.


   
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